weather-image
18°
7000 Rabenkrähen leben im Landkreis - oder weniger

Krähen: Gejagte Schlauköpfe

Sie benutzen Werkzeug, um an Futter zu kommen, sie scheinen langfristig planen zu können, deponieren Futter – aber nur, wenn sie nicht beobachtet werden, erkennen Gesichter auch nach Jahren, lassen fahrende Autos für sich Nüsse knacken und, Verzeihung, kacken. In unserer großen Dewezet-Serie „Einfach tierisch„ geht es heute um Krähen.

veröffentlicht am 02.05.2018 um 16:14 Uhr
aktualisiert am 03.05.2018 um 15:06 Uhr

270_0900_91331_tier0305_crow_3249042.jpg
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

HAMELN-PYRMONT. Angesichts des voll besetzten Baumes liegt die Vermutung nahe: Die müssen einander doch treffen!? Die Äste der Rotbuche sind derart dicht besetzt, wenn die Rabenkrähen es sich auf ihren Schlafbäumen gemütlich gemacht haben, dass es gar nicht anders sein kann. Andererseits sind die Gehwege im Winter unterhalb der Kronen und die Briefkästen dermaßen – Pardon – beschissen, dass vielleicht das Meiste doch an den Vögeln vorbeigeht?

Nahezu sicher ist offenbar, dass Krähen „einen Bussard vollkacken“, wenn sie ihn in der Luft hassen, wie es in der Fachsprache der Ornithologen heißt. Ganz gezielt. Zur Verteidigung ihrer Nester samt Gelege und Jungvögeln ist den Rabenkrähen offenbar jedes Mittel recht … Dr. Egbert Strauß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung an der Tierhochschule Hannover kennt sich aus mit den fliegenden Allesfressern, die ihrem Partner treuer sind als viele andere Tiere und Menschen. „Sie leben in monogamer Dauerehe und brüten einzeln und territorial“, schreibt Strauß im Landesjagdbericht 2015/16.

In diesen Wochen sind es hauptsächlich die etwa einjährigen Junggesellinnen und Junggesellen aus den Reihen der schlauen Vögel, die es zur Nachtruhe noch in die Stadt zieht. Wenn die Jungenaufzucht beendet ist, kommen auch die territorialen Paare zu einem Schwarm dazu. Im Winter gehen sie gemeinsam auf Nahrungssuche und übernachten gemeinsam im Schlafbaum. Dann gesellen sich auch imposante Schwärme – die „Wintergäste aus Osteuropa“ dazu, wie Christian Wiemeyer von der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Hameln es schildert. Er selbst genieße das Naturschauspiel, das die schwarzen Vogelwolken am Himmel dann abgeben, wenn sie über die Dächer der Stadt fliegen.

270_0900_92758_EinfachTierisch_42x42.jpg

Zur Brutzeit sind die beiden Gruppen – Paare und nicht-brütende Jungtiere – einander weniger wohl gesonnen. Die Paare sind ab Februar mit der Familienplanung und -bildung beschäftigt und kümmern sich ab etwa März um ihre Küken. Die Nicht-Brüter ihrerseits, die meist mit 20 bis 30 Tieren als tollkühne Clique unterwegs sind, legen es darauf an, die Gelege ihrer Artgenossen zu räubern. „Man spricht von intraspezifischem Regulationsmechanismus“, so Strauß, mit dem die Population der eigenen Art in Schach gehalten werden soll. Die Hypothese sei nicht eindeutig belegt, „aber klingt sehr plausibel“. Und könnte streng genommen die Krähe wieder aus dem Jagdrecht bugsieren, oder nicht? Im Bundesjagdgesetz steht sie nicht, in das Landesjagdrecht wurde sie in Niedersachsen erst im Jahr 2002 aufgenommen. Dort ist sie nach Strauß’ Einschätzung, der unter anderem als Referent für den Deutschen Jagdverband unterwegs ist, auch richtig. „Wir haben keine Naturlandschaft, sondern eine Kulturlandschaft“, will heißen: Das natürliche Umfeld, in dem sich ein Gleichgewicht zwischen den um Lebensraum konkurrierenden Populationen von alleine einspielte, gibt es so nicht. Zwar würden die Krähen irgendwann eine Lebensraumpopulationsgrenze erreichen, erklärt Strauß, doch dann sähe es vielleicht um Kiebitz, Fasan und Rebhuhn nicht mehr so gut aus. Durch die Jagd auf Rabenkrähen, die deren Nester plündern, würden die anderen Arten geschützt, führt Strauß aus. Zahlen, die das belegen, sind so schnell nicht zu finden. Der „Spiegel“ schreibt im Jahr 2012, dass es trotz gezielter Tötung von 12 000 Krähen in Ostfriesland mit dem Niederwild danach nicht aufwärts aufgegangen sei.

Wie viele der Singvögel, die gemessen an ihren Stimmen den Namen nicht verdient haben, es hierzulande gibt, lässt sich nur annähernd sagen. Die Zahlen beruhen auf Schätzungen der Jägerschaft. 900 bis 1000 Brutpaare seien für das Frühjahr 2017 angegeben worden. Zu den Paaren vermuten die Experten pauschal zwischen 50 und 100 Prozent Nichtbrüter, sodass „zu den 2000 verpaarten Rabenkrähen noch 3000 bis 4000 Nichtbrüter hinzukommen“. Die meisten Brutpaare (3,4 Paare pro Quadratkilometer) leben in Bad Pyrmont, die wenigsten in Coppenbrügge (0,6 Paare/km²).

Von August bis zum 20. Februar dürfen die Rabenkrähen in Niedersachsen gejagt werden. „Wenn sie einen Jäger sehen, hauen sie ab“, sagt Hans Arend vom Nabu Hameln-Pyrmont über die schlauen Tiere. Trotzdem: 796 Krähen von den etwa 7000 Vögeln wurden im Jagdjahr 2015/2016 in Hameln-Pyrmont geschossen, in der vergangenen Saison waren es laut Bericht 664.

Ginge es nach Naturschützern, flöge die Krähe aus dem Jagdrecht wieder raus. „Bei den verbliebenen Vögeln führt das nur zu verstärkter Bruttätigkeit, sodass der Bestand schnell wieder aufgefüllt ist“, sagt Heinz Kowalski vom Nabu Deutschland.

Schluss mit dem Abschuss ist am 21. Februar, Tag eins der Schonzeit. Die Jungtiere, die dann als Single unterwegs sind und die ihre eigenen Nachfahren in den Nestern der Brutpaare lieber tot als lebendig sähen, machen mit dem wachsenden Gefieder der Küken einen Sinneswandel durch: „Erst wenn sie nicht mehr rosa sind, wenn sie also Federn bekommen und aussehen wie sie selbst“, lassen die Nicht-Brüter sie in Ruhe, erzählt Strauß. Vorher tun sich die brütenden Rabenkrähen auch mal zusammen und versuchen, die Eindringlinge aus den eigenen Reihen sowie Raubvögel wie Bussarde, Milane oder Habichte zu verjagen.

Dann und wann bekommen die Krähen selbst auf die Mütze. Von kleinen Kiebitzen zum Beispiel. Die kleinen Vögel können die wesentlich größeren Krähen nach Strauß’ Schilderungen ganz schön piesacken, wenn sie ihre Reviere verteidigen. „Ständig von einem schreienden Kiebitz verfolgt und gepickt zu werden“ kann nerven. Doch Krähen sind so klug, dass sie im Team agieren. Während die eine sich von den kleinen Nervensägen jagen lässt, „fliegt die zweite zum Nest“ des Kiebitz’ und stibitzt Eier oder Küken.

Zurück zur Rotbuche am 164er Ring. Oder den Platanen am Posthof. An manchen Wintertagen ist die weiße Schicht unter den kahlen Bäumen auf den Gehwegen so dicht, dass kaum noch Platten zu sehen sind. Schön findet’s wohl keiner, aber Beschwerden deswegen gibt es in Hameln offenbar nicht, erzählt Christian Wiemeyer. Nur einmal, am Amtsgericht. Da sei gefragt worden, ob die Platanen dort eingekürzt werden könnten, um die Krähen loszuwerden. Wurde nicht gemacht. Die Gehwege sauber zu halten, ist in den meisten Straßen im Übrigen Sache der Anlieger. Und das, was auf den Krähen landet, darum müssen sich die Krähen schon selbst kümmern, sollte denn überhaupt etwas auf ihnen landen. Darüber gehen die Meinungen auseinander. Hans Arend vermutet, dass das kaum passiert, Dr. Egbert Schulz meint, dass könne schon sein und Lars Lachmann, Leiter Ornithologie und Vogelschutz beim Nabu Deutschland gibt eine ausführliche Antwort auf die Frage, die die Wissenschaft bisher offenbar nicht umgetrieben hat: „Das ist eine sehr interessante Frage, die ich leider nicht eindeutig beantworten kann“, räumt er ein. Denkt dann aber gern darüber nach, warum nie Krähen mit weißen Kotflecken zu sehen sind: „Entweder kommt es kaum vor, dass Krähen andere Krähen ,bekacken’, oder diese sind in der Lage sich nach solchen Vorfällen wieder zu reinigen.“ Zum Hintergrund müsse man wissen, dass die Verdauungsprodukte von Vögeln ganz anders sind als die von Säugetieren. „Es gibt nicht einen flüssigen Stuhlgang mit Harnsäure und einen mehr oder weniger festen separat, sondern nur eine Sorte von Stuhl mit Harnstoff (statt Harnsäure), die im Normalfall ziemlich unflüssig ist.“ So sei „gut vorstellbar, dass Krähenkot relativ trocken sein könnte und daher wenig klebrig und möglicherweise kaum an anderen möglicherweise getroffenen Vögeln haften bleibt. Das müsste aber mal genauer geprüft werden.“

Lesen Sie als nächstes: Ein schlaues Kerlchen – der Waschbär.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare