weather-image
Leihgabe für Hamelner Museum aus Australien überbracht / Das Leiden der Opfer erhält ein Gesicht

Kostbare Erbstücke der Familie Kratzenstein

Hameln (wft). Das Museum in Hameln ist um einige bedeutende Leihgaben reicher. Sie stammen aus dem Besitz des 1938 nach einem von den Nazis erzwungenen Aufenthalt im Konzentrationslager Buchenwald verstorbenen jüdischen Arzt Dr. Siegmund Kratzenstein und waren im Besitz seiner Enkelin Eva Brown, die jetzt gemeinsam mit ihrem Mann Harold extra aus Australien nach Hameln gekommen war, um die Erbstücke Dr. Gesa Snell, der Leiterin des Hamelner Museums, zu übergeben. Der mit einer Feierstunde verbundene Akt fand gestern Abend im Haus der Kirche statt.

veröffentlicht am 11.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2009 um 10:15 Uhr

Eva Brown hält in ihrer Hand die kostbare Besamim-Büchse, die zu

Das wertvollste Stück aus dem Besitz von Dr. Kratzenstein ist zweifellos eine fein gearbeitete Besamim-Büchse, in der wohlriechende Gewürze aufbewahrt wurden, die den Ausgang des Schabbat oder das Ende eines jüdischen Feiertages begleiten und verschönern sollten. Auch das Stammbuch der Familie Kratzenstein überbrachte Eva Brown, Fotos, Briefe und andere Dokumente. Nachkommen soll aus Australien noch das Brautkleid ihrer Mutter, das sie selbst und auch ihre Tochter bei der Eheschließung getragen hatte.

Klaus Arnold, Vorsitzender des Museumsvereins, machte in seinem Grußwort deutlich, dass im neuen Museum erstmals umfassend die Geschichte Hamelns dargestellt werde – „mit ihren guten und bösen Zeitabschnitten“. Ebenso wie die Museumsleiterin Dr. Gesa Snell sieht Arnold in der Ausstellung der Erbstücke vor allem eines: dem Leiden der Opfer unter dem Terror der Nazis ein Gesicht zu geben.

Ein weiteres Stück fügte der ehemalige Hamelner Oberbürgermeister Walter-Dieter Kock hinzu: einen Brief des Vaters von Eva Brown aus dem Jahr 1981, in dem er sich für die Übersendung eines Hameln-Buches bedankte und auf etliche noch lebende ehemalige jüdische Mitbürger aus Hameln und an seine eigenen Spaziergänge durch den Klütwald erinnerte.

Wie aber war Eva Brown, geb. Kratzenstein, nach Australien gelangt? Ihr Vater Ernst, ein Tropenarzt, der am jüdischen Krankenhaus in Köln tätig war, bekam Anfang 1939 durch Vermittlung eines Freundes in London eine Stelle bei einer britischen Tabakfirma als Mediziner auf Borneo. Mit seiner Frau Ruth und der damals weniger als ein Jahr alten Tochter Eva übersiedelte er auf die Insel, geriet dort aber 1941 in japanische Kriegsgefangenschaft, wie Eva Brown berichtet.

Es sollte bis zum Kriegsende eine Zeit des Leidens werden. Zwar holten die Japaner die Eltern aus dem Kriegsgefangenenlager, weil er als Mediziner und sie als Krankenschwester sich um kranke und verletzte japanische Soldaten kümmern sollten, aber für die Versorgung der Familie musste das Ehepaar selbst sorgen. Eva Brown: „Wir ernährten uns vier Jahre lang praktisch nur von Schnecken, Schlangen und Heuschrecken, die es im Dschungel auf Borneo gab. Richtiges Essen lernte ich erst später in Australien kennen.“ Auf Borneo wurde schließlich auch ihr Bruder Peter geboren. 1945 dann die Befreiung: Auf einem Lazarettschiff gelangt die Mutter mit den beiden Kindern nach Australien, der Vater bleibt bis 1950 im Dienst der Briten auf Borneo.

War Australien die einzige Alternative? „Auch Kanada stand zur Wahl“, berichtet Eva Brown. „Da hat meine Mutter entschieden: Dort ist es zu kalt.“ Sie sei ohnehin die prägende Figur der Familie gewesen. „So resolut, dass selbst die Japaner vor ihr Respekt hatten. Sie war die Löwin der Familie und hat für uns sogar bei den Japsen gestohlen.“

Der Kontakt nach Hameln kommt erst wieder im Jahr 2006 zustande: Eva Browns Ehemann Harold versucht zunächst vergeblich, Spuren seiner aus Lodz in Polen stammenden Familie zu finden. Als alle Recherchen im Sande verlaufen, macht er sich im Internet auf die Suche nach der Familie seiner Frau in Hameln und findet schließlich einen Link zu der von Rachel Dohme geleiteten liberalen jüdischen Gemeinde, deren Mitglieder sie heute sind, obwohl sie in Australien leben.

Dass Eva Brown die Erbstücke jetzt dem Museum und der noch zu bauenden Synagoge übereignet, verdankt Hameln der Zusammenarbeit von Rachel Dohme, Dr. Gesa Snell und Christa Bruns von der Christlich-Jüdischen Gesellschaft, die das Projekt gemeinsam entwickelt haben.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt