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Leben im Alter - Leben in Schaumburg: Von Krippen, Taxen und Immobilien

Kommunen reagieren auf den Wandel

Landkreis. "Ich glaube, dass das ganz gut bei uns funktioniert im Landkreis" - Eckhard Ilsemann, Fraktionsvorsitzender der SPD im Kreistag, ist optimistisch. Die demographische Entwicklung (Bevölkerungsrückgang und Überalterung) sei "eines der zentralen Stichworte, in denen wir uns politisch bewegen müssen". Aufgabe der Politik sei es, Fachleute an den Tisch zu bringen, zu diskutieren und zu planen. Ilsemann versichert: "Wir sind im Thema!"

veröffentlicht am 08.04.2006 um 00:00 Uhr

Vom Kindergarten zur Säuglingskrippe umgewandelt: die "Wichtelbu

Autor:

Ilka Märtens

Sinkende Geburtenzahlen machen sich auf kommunaler Ebene zunächst in den Kindergärten und Tagesstätten bemerkbar. Elf städtische und fünf kirchliche Einrichtungen gibt es im Rintelner Raum. Aufgrund eines jährlich erstellten Lageberichts, in dem - basierend auf Zahlen des Einwohnermeldeamtes - die Zahl der Kinder im Kindergartenalter festgestellt und für die nächsten Jahre errechnet werden kann, hat man sich im vergangenen Jahr entschlossen, auch zweijährige Kinder in die Einrichtungen aufzunehmen: "Wir reagieren nicht mit der Schließung von Einrichtungen, wir weiten den Kreis der Kinder aus", sagt Jörg Schröder, Erster Stadtrat in Rinteln. Dieses Konzept wird auch auf Kreisebene verfolgt. Innerhalb der nächsten 15 Jahre soll in Schaumburg die Zahl der drei- bis sechsjährigen Kinder laut Niedersächsischem Landesamt für Statistik um 1150 zurückgehen. Die vorhandene Infrastruktur könnte bei verstärktem Personaleinsatz zur Betreuung von zwei- bis dreijährigen Kindern genutzt werden. Überdies könntendie Betreuungszeiten ausgeweitet und flexibilisiert werden. Dies führe, so Gunter Feuerbach (CDU), stellvertretender Landrat, mit relativ wenig Aufwand zur familienfreundlicheren Kommune. Damit wäre schließlich auch den Schulen geholfen: Der errechnete Rückgang der Kinderzahl im Alter von sechs bis zehn Jahren beläuft sich auf 2450 Kinder, die stärksten Einbußen erfolgen in den Jahren 2010 bis 2015. Wenn die in den Kindergärten getroffenen Maßnahmen ab 2007 greifen würden, "dann muss das 2021 nicht bei Minus 2450 enden", glaubt Feuerbach. Indem man vorher gegensteuere, fiele der Abbau geringer aus. Wichtig sei, mit ersten Schritten sofort zu beginnen. Als zweite Maßnahme führt Jörg Schröder die langsame Umwandlung von Kindergärten in Säuglingskrippen an, so geschehen im Fall der "Wichtelburg". Dies unterstützt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, es wird also für berufstätige Frauen ein Anreiz zur Familiengründung geschaffen. Wurden im Kindergartenjahr 2002/03 noch 895 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren gezählt, so sind es aktuell 772, für den Jahrgang 2008/09 wurden nur noch 667 Kinder im Kindergartenalter errechnet. Man überlege nun, "ob wir diesen Schritt weitermachen, den Krippenbereich möglicherweise ausbauen", so Schröder. Dabei greife man auf vorhandene Kapazitäten zurück. Im Zuge demographischen Wandels fällt das Augenmerk auch auf die Gruppe der älteren Mitbürger. Wichtiger Aspekt ist da die Gesundheitsvorsorge: Wohnortnahe medizinische Versorgung ist gerade für Senioren von Bedeutung. Eckhard Ilsemann verweist hier auf die Schaumburger Pflegekonferenz, die sich aus Vertretern des Gesundheitsamtes, Kassen, Krankenhäusern etc. zusammensetzt und sich mit den Belangen älterer Menschen beschäftigt. Der Personennahverkehr orientiert sich im ländlichen Raum stark am Schulverkehr. Die Kommunen bieten für die entstehenden Zwischenzeiten verschiedene Ergänzungen an wie etwa Anrufsammeltaxen, die es im Hinblick auf Seniorenfreundlichkeit weiter auszubauen gilt. Für am effektivsten hält Gunter Feuerbach hierbei die flächendeckende Ausweitung der Omnitaxsysteme bis hin zu einem Gutscheinsystem für Senioren zur Reduzierung des Taxifahrpreises. Solch ein Verfahren gibt es am Wochenende bereits für Schüler. Auch der Immobilien- und Grundstücksmarkt bleibt von der demographischen Entwicklung nicht unberührt. In Rinteln konnten sich die Neubaugebiete der Ortsteile Exten und Uchtdorf in den letzten Jahren aufgrund von Standortvorteilen besonderer Beliebtheit erfreuen. Nachfrager sind zumeist junge Familien mit etwa sechsjährigen Kindern, aber auch Personen im Alter Mitte/Ende 40 veräußern bestehende Immobilien, um neu zu bauen. "Der Wunsch nach dem Eigenheim ist nach wie vor vorhanden", stellt Reiner Weinhold von der Sparkasse Schaumburg fest. Er kannüberdies für die Region Rinteln einen Trend zum Wohnen innerhalb der Stadt oder deren unmittelbarer Umgebung feststellen, gerade für ältere Personen ergibt sich dort ein Versorgungsvorteil. Die Schaumburger Grundstückserschließungsgesellschaft IDB betreut im Landkreis zurzeit 21 Neubaugebiete. Dies entspricht etwa 250 Bauplätzen. Achim Lüders, Leiter der IDB Schaumburg, geht davon aus, dass durch Vererbung ein Eigentumswechsel zustande kommen und der Markt für Bestandsimmobilien an Bedeutung gewinnen wird. Dem entspricht die Vermutung Weinholds, in nächster Zukunft würden Familien eher gebrauchte Immobilien nachfragen. Dies sei unter Berücksichtigung von Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage auch eine Kostenfrage. Überdies können Anreize zum Kauf bestehender Immobilien gegeben werden. Feuerbach nennt hierzu Maßnahmen wie die steuerliche Absetzbarkeit von Handwerkerleistungen, günstige Sanierungskredite oder die Einschränkungen der Neubaugebiete durch die Kommunen. Nicht nur der Nachfrageaspekt, auch die Frage nach altersgerechter Wohnraumnutzung stellt sich bei der Betrachtung von Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf den Immobilienmarkt. Einerseits wird der Umzug in Seniorenwohnanlagen vielfach gewünscht, andererseits steht dem der Preisverfall eigener Immobilien im Wege. In der Diskussion um die Bebauung des Rintelner Steinangers sieht Rintelns Erster Stadtrat Jörg Schröder die Möglichkeit, innerhalb des geplanten Workshops über eine Nutzung in Form von betreutem Wohnen zu beraten. DieUmsetzung würde jedoch nicht bei der Kommune, sondern bei privaten Investoren liegen. Auf die Zahlen der "Aktion Demographischer Wandel" (Bertelsmann Stiftung) reagiert die Stadt Rinteln mit der Beauftragung eines Instituts, die langfristige Entwicklung Rintelns und deren Auswirkungen auföffentliche Einrichtungen zu untersuchen. Schröder: "Das Problem ist bekannt, wir werden das durch diese Studie nochmal aufbereiten."

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