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Schaumburgs Kohlenhändler als Rückgrat der heimischen Hausbrandversorgung

Knochenjob mit „schwarzem Gold“

Frost und Kälte haben für die meisten von uns ihre Schrecken verloren. Zu Hause sorgt eine vollautomatische Zentralheizung für behagliche Wohlfühltemperaturen. Und außerhalb der eigenen vier Wände helfen „Outdoor“-Kleidung, Lammfellstiefel und Autoheizung durch den Winter. Das war nicht immer so. Bis vor gut 30 Jahren war die Vorbereitung auf die kalte Jahreszeit für das Gros der Schaumburger noch überlebenswichtig. Monatelanger Dauerfrost und knietiefer Schnee waren keine Seltenheit. Ausgebaute Dachböden, doppelverglaste Fenster und Heizkörper auf dem Lokus hatten nur die wenigsten. Einziges und seit alters her hierzulande gebräuchlichstes Gegenmittel waren Holzhacken und/oder Torfstechen.

veröffentlicht am 21.12.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Dann, Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts, rückte, ermöglicht durch verbesserte Ofen- und Schornsteintechnik, das Heizen mit Kohle in den Vordergrund. Vom „schwarzen Gold“ gab es bekanntlich hierzulande mehr als genug. An CO2-Ausstoß dachte noch keiner. Um die Nachschub-Versorgung der Privatabnehmer kümmerte sich ein neuartiger Erwerbszweig: die Kohlenhändler.

Ihre große Zeit kam nach 1945. Mehr noch: Ohne das Wirken der in mancherlei Hinsicht ungewöhnlichen Zunft ist das Überleben der Menschen während der chaotischen Nachkriegsjahre schwer vorstellbar. Genauso rasant wie der Aufstieg verlief der Bedeutungsverlust. Heute können sich nur noch die Älteren unter uns an die große Zeit der Eierbriketts, Anthrazit-Öfen und Kohlenkeller erinnern.

„Anfang der 1980er Jahre ging die Nachfrage nach Kohle stark zurück“, erinnert sich Irene Wichmann aus Obernkirchen an den einsetzenden Niedergang. „Immer mehr unserer Kunden waren auf Öl umgestiegen“. Um am Ball zu bleiben, habe ihr später verstorbener Ehemann – ergänzend zum Kohlen-Lkw – einen Tankwagen angeschafft. Das brachte eine Zeit lang Entspannung. Aufhalten ließen sich die tief greifenden Umwälzungen im Energieversorgungsbereich nicht. Neben der Ölbranche drängten zunehmend kommunale Gasversorger auf den Markt. Das Ende der Kohlenhändler-Zunft war sozusagen „vorprogrammiert“. Bis zur Stilllegung des Georgschachts 1960 verkaufte das nach seinem Gründer „Wilhelm Wichmann Brennstoffe“ benannte, oberhalb der Glasfabrik Heye ansässige Unternehmen nur heimische Kohle. „Mein Mann fuhr lange Zeit noch regelmäßig mit Pferd und Wagen nach Stadthagen“, blickt Irene Wichmann auf die Anfangszeit zurück. Später sei Hausbrand aus Ibbenbüren und/oder aus dem Ruhrgebiet verkauft worden. „Man musste früh aufstehen“, schildert die seit Längerem verwitwete Ex-Chefin die Hektik nach Ankunft der Waggons auf dem Obernkirchener Bahnhof. „Schon vor Tagesanbruch herrschte am Ladegleis großes Händlergedränge“. Die meisten hätten Förderbänder dabei gehabt.

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Der Bückeburger Kohlenhändler Kurth in vollem Einsatz. gp (4)

Zuteilung und Versand des fossilen Brennmaterials lagen in den Händen überregionaler, von den Zechenbaronen gegründeter und kontrollierter Verkaufsgesellschaften. Deren Gebaren in puncto Liefermengen und Preisgestaltung hatte große Ähnlichkeit mit dem, was sich heutzutage rund um die Benzinpreise abspielt. Sobald der Sommer zu Ende ging und/oder die Temperaturen sanken, schnellten die Forderungen nach oben. „Die Kohle gräbt sich selbst ihr Grab“, schimpften im April 1963 die heimischen Zeitungen nach dem bis dato „teuersten Winter der Menschheitsgeschichte“.

Ein weiteres Ärgernis waren Betrügereien durch fahrende Händler. Als Übeltäter wurden später Männer aus dem Ruhrgebiet ausgemacht. „Seit Kurzem häufen sich die Fälle, dass im Kreisgebiet wie auch in der angrenzenden Grafschaft und im Kreise Nienburg minderwertige Ware als gute westfälische Nusskohlen und Eier angeboten werden“, war im August 1960 in der hiesigen Presse zu lesen. Zunächst seien die Ofenbesitzer mit Dumpingpreisen geködert worden. „Später rollten dann Lastwagen mit auswärtigen Nummernschildern auf die Höfe“. Erst später habe man gemerkt, „daß die Eier aus Schlammkohle (minderwertige Rückstände der Kohlenwäsche) hergestellt worden waren“. Außerdem habe sich herausgestellt, „daß die gelieferten Kohlemengen erhebliche Untergewichte hatten“.

Solche Dinge hat es laut Irene Wichmann trotz des immer härter werdenden Konkurrenzkampfs im örtlichen Kohlenhandel nicht gegeben. Im Gegenteil. Alle hätten versucht, ihr Angebot in puncto Qualität und Sortenvielfalt an die sich rasant weiterentwickelnde Ofen- und Heiztechnik anzupassen. So hatten die Wichmanns zeitweise bis zu fünf verschiedene, von Daumen- bis Faustgröße reichende Anthrazit-Kohlen auf Lager. Die bestellte Sorte wurde auf die bereitstehende Schüttwaage geschaufelt und, wenn das Zentnermaß angezeigt wurde, in Säcke gekippt, auf die Schulter gewuchtet und auf den Wagen geladen. Beim Kunden ging es auf oft steilen und abschüssigen Treppen in den Kohlenkeller hinunter. „Es war die reinste Knochenarbeit“, beschreibt Irene Wichmann den Job. „Da mussten auch oft Frau und Kinder mit ran.“ Trotzdem möchte die heute 76-Jährige die Zeit – auch vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen als Kriegskind in Ostpreußen – nicht missen. „Arbeit kann auch zufrieden machen“, sagt sie nicht ohne leise Wehmut.

Das sahen damals nicht nur die meisten Verbraucher, sondern auch viele Kohlenhändler anders. Der Arbeitsmarkt boomte. Bei VW oder Continental konnte man seinen Lebensunterhalt wesentlich einfacher, angenehmer und sorgenfreier verdienen. „Im Kohlenhandel fehlen Transportarbeiter“ warnte im August 1963 die Schaumburger Zeitung. „Müssen wir die Kohlen demnächst selbst in den Keller tragen?“

Neben vielen anderen Erinnerungsstücken bewahrt Irene Wichmann auf ihrem Anwesen bis heute mehrere der einst unentbehrlichen Schüttwaagen auf.

Anfang der 1960er Jahre bekamen die Kohlenhändler immer mehr Konkurrenz. Ihren Kunden wurden in den heimischen Geschäften zunehmend Öl-, Gas - und auch Elektroöfen angeboten.



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