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Gewinner und Verlierer: Wer sich anpasst, hat die besseren Chancen / Vogelkundler berichten

Klimawandel: Die Natur als Verschiebebahnhof

Auetal (rnk). Pünktlich zur Stunde der Gartenvögel war auch der Kuckuck wieder heimgekehrt. Marc Jamesen, 18-jährige Naturschützer aus Schoholtensen, hat ihn deutlich gehört, das Tier ist aus Afrika zurück. Wie oft er in den nächsten Jahren noch den Kuckucks-Ruf vernehmen wird, steht allerdings in den Sternen, denn das Tier ist ein Verlierer des Klimawandels, der die heimischen Vögel längst erreicht hat. Der Kuckuck etwa gehört zu den Vögeln, die relativ spät im Jahr zurückkehren. Da aber durch die milde Witterung die Brutsaison drei bis vier Wochen früher begonnen hat, ist die Zahl der Nester, in denen er sein Ei ablegen und bebrüten lassen kann, deutlich geringer geworden.

veröffentlicht am 23.05.2007 um 00:00 Uhr

Zu den Gewinnern des Klimawandels zählt Jamesen Vögel wie das Rotkehlchen, die Meisen oder den Schwarzstorch, der im letzten Jahr einen guten Monat später in den Süden aufbrach und jetzt - ebenfalls vier Wochen früher als 2006 - zurückkehrte. Jamesen: "Er konnte so vier Wochen länger Kraft anfuttern, und wer weiß, ob er nicht im Norden Afrikas überwintert und so zusätzlich Kraft gespart hat?" Hitzewellen, Stürme, Überschwemmungen, schmelzende Gletscher, Erdrutsche und Lawinen: Die Vielfalt der in Deutschland lebenden Tier-und Pflanzenarten würde bis 2080 im Mittel um 30 Prozent zurückgehen, wenn sich die globale Erderwärmung ungebremst fortgesetzt, hatte das Umweltbundesamt jüngst mitgeteilt. In der heimischen Vogelwelt sind die Veränderungen nicht nur feststellbar, sondern auch, dass sich die Zusammensetzung der Vogelwelt ändert. Zu den Verlierern zählen vor allem Vögel, die sich schlecht an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen: Pirol, Gartenrotschwanz, Nachtigall, Trauerschnäpper haben dabei gleich mehrfach mit dem globalen Temperaturanstieg zu kämpfen. Weil sich die Wüstengebiete ausdehnen, werden ihnen immer höhere Flugleistungen abverlangt. Und nach ihrer Rückkehr fehlen ihnen die Insekten, die sich wegen des milderen Klimas bereits früher entwickelt haben. Und: Aufgrund der milderen Winter überwintern so genannte Standvögel wie Kleiber und Meisen früher - die zurückkehrenden Vögel müssen dann mit ihnen um geeignete Brutplätze kämpfen. "Wir sehen deutliche Zeichen", erklärt Dr. Holger Buschmann vom NABU Kreisverband. Generell könne man in zwei Gruppen unterscheiden: Die Kurzstreckenzieher seien die Gewinner, die Langstreckenzieher unter den Vögeln die Verlierer des Wandels. Buschmann nennt ein Beispiel: So nehme die Population der Rohrsänger deutlich ab. Die Langstreckenzieher, denen hier jetzt oft die Insekten fehlen würden, könnten sich deutlich schlechter anpassen - und würden öfter verlieren. Buschmann spricht von "Ubiquisten", wenn er die Gewinner benennen will. Tiere, die sich einfach gut an Veränderungen anpassen können: "Die Natur präsentiert sich als Verschiebebahnhof", erklärt Buschmann: Die einen kommen aufs Abstellgleis, die anderen haben weiterhin freie Fahrt. Denn Mönchsgrasmücke, Rotkehlchen und Heckenbraunellen überwintern seit einigen Jahren nicht ohne Grund verstärkt bei uns. Städte bieten bei Kälte einen guten Schutz; unter anderem durch die Winterfütterung und ein milderes Mikroklima. Einige Vögel wie die Kohlmeise könnten auch bereits mit der Brut beginnen. Die "Stunde der Gartenvögel", so erklärt Ulrich Thüre als Pressesprecher des Nabu-Landesverbandes Niedersachsen, habe jedenfalls bisher noch keine Hinweise ergeben, dass der Wandel auch zahlenmäßig bei den Vögeln durchschlage: "Bisher gibt es keine Hinweise." Allerdings sei die Zählung noch nicht abgeschlossen, anschließend würden sich die Experten in Bundes- und Landesverbänden mit den Ergebnissen befassen. "Natürlich haben wir auch den Aspekt Klimawandel auf dem Schirm." "Von dem verfrühten Frühling profitierten Überwinterer und Kurzstreckenzieher, da Insekten schon eher verfügbar sind", ist sich auch Marc Jamesen sicher. "Nach Ankunft der Langstreckenzieher ist aber die beste Zeit schon vorbei." Er verweist auf eigene Beobachtungen: Viele Vogelarten, die einst nur einmal imSommer gebrütet hätten, würde heute zweimal ihren Nachwuchs aufziehen - das milde Klima macht es möglich. "Jamesen: "Das sind Gewinner." Gestern meldete die Tageszeitung "Die Welt", dass Forscher des Max-Planck-Institutes für Ornithologie herausgefunden haben, dass Münchener Amselmännchen sesshafter werden, weil ihnen das mildere Klima in der Stadt Vorteile gegenüber den fortziehenden Artgenossen bringt. Dieses Verhalten sei zum Teil schon genetisch bedingt. Marc Jamesen würden diese Ergebnisse auch in Schoholtensen nicht überraschen: Der Mensch war und ist eine treibende Kraft der Evolution. Unser Foto: "Gewinner" Kohlmeise. Foto: rnk



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