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Kampf der Obrigkeit gegen die zu sehr eingerissene Kleiderpracht und modische Ausschweifungen

Kleider(regeln) machen Leute

Wann, wo und weshalb die Menschen auf die Idee kamen, dass sie etwas zum Anziehen brauchten, ist unbekannt. Nach alttestamentarischer Überlieferung waren es Adam und Eva, die sich nach dem Sündenfall plötzlich ihrer Nacktheit geschämt hätten. Wissenschaftler haben eine eher praktische Erklärung parat. Ihrer Meinung nach dürften vor allem Kälte und Verletzungsrisiko zu der Einsicht geführt haben, dass es besser sei, sich ein Fell überzuwerfen und die Füße mit Lederstreifen zu umwickeln. Die ersten Ansätze dieser Art soll es vor 75 Tausend Jahren gegeben haben.

veröffentlicht am 04.02.2012 um 00:00 Uhr

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Wie dem auch sei, der Weg von Lendenschurz und Leinenhemd zu Stringtanga und Haute Couture-Kollektion gehört zu den spannendsten Entwicklungen der Menschheitsgeschichte. Über Jahrhunderte hinweg waren Outfit und Mode obrigkeitsstaatlich reglementiert. Grund: „Bunte“ Untertanen passten nicht zum Selbstverständnis der mittelalterlichen Ständegesellschaft. Rang und Bedeutung einer Person mussten auf den ersten Blick erkennbar sein.

Mit sogenannten „Kleiderordnungen“ schrieben die Landesherren Material, Form und Farbe der erlaubten Stoffe vor. Nicht selten waren sogar das Aussehen von Unterröcken, die Länge der Haarzöpfe und die Anwendung von Haarpuder vorgegeben. Kaum ein Fürst, der seine Untertanen in puncto An- und Ausziehen frei entscheiden ließ. Selbst der kaiserliche Reichstag mischte mit. Die damalige Regelungswut wirkt umgangssprachlich bis heute nach: „Kleider machen Leute“, und: Staatsdiener und Politiker „bekleideten ein Amt“.

Als Erfinder der Bekleidungsvorschriften-Ära gilt Karl der Große (747-814). Die Bauern seines Reichs durften nur schwarz und/oder grau tragen. Auch von den hierzulande bis ins 17. Jahrhundert hinein residierenden Herren von der Schaumburg sind Versuche überliefert, ihre Untertanen vor allzu viel Einfallsreichtum und Farbe zu bewahren. So wies der von 1622 bis 1635 amtierende Graf Jobst Hermann seinen Superintendenten Stegmann an, „Maßregeln gegen den Kleiderluxus“ der Klosterbewohner in Fischbeck (Stiftsdamen) und in Möllenbeck (Augustiner-Mönche) zu treffen.

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Die härtesten Auflagen dieser Art bekamen 150 Jahre später die Leute in und um die hessische Verwaltungszentrale Rinteln zu spüren. Bekanntlich war der Südostteil des alten Schaumburger Territoriums 1647 an Kassel gefallen. Der dort 1770 an die Macht gekommene Graf Friedrich II. legte von Anfang an ein besonders feudalherrschaftliches Amtsverständnis an den Tag. Wenige Monate nach der Thronbesteigung nahm er einen erbitterten Kampf gegen „die allzu sehr eingerissene Kleiderpracht“ in seinem Lande auf.

Er habe „mißfälligst wahrnehmen“ müssen, „wasmassen die mehresten Unserer Unterthanen der Kleider-Pracht so sehr ergeben sind, daß sie dabey das Verhältniß ihres Standes und Vermögens aus den Augen setzen“, heißt es in einem 1772 auf den Weg gebrachten Erlass. Die landesväterliche Fürsorge gebiete es, „solchen Ausschweifungen Maaß und Ziel“ zu setzen.

Im Visier hatte Friedrich II. vor allem die „Subalternen und sonstige Angehörige der unteren Classe des Rang-Reglements“. Dazu zählten insbesondere „Krämer, Handwerksleute, und alle gemeine Bürger, desgleichen die Bauern, gemeine Soldaten-Weiber, Dienstboten, besonders aber die Juden und deren Weiber und Kinder“. Sie durften ab sofort nur noch „Zeuge, Tuche, Strümpfe und Hüte tragen, welche in hiesigen Landen fabriciret worden“.

Wesentlich glimpflicher kamen „Secretarii, Archivarii, Advocaten, Beamte, Burggrafen, Oberförster, Baumeister, Schulbediente, Feldscherer (Ärzte) und Apotheker davon. Sie mussten nur auf ihre goldenen und silbernen Tressen sowie auf den Gebrauch von Samtstoff, feinen Pelzen und kostbaren Spitzen, „welche über zween Thaler die Elle kommen“, verzichten. Die Schneider und übrigen Handwerkern des Landes, „die es sich gelüsten lassen, dergleichen verbotene Kleidung zu machen“, mussten mit Gefängnisstrafe und im Wiederholungsfall mit dem Verlust ihrer Zunft- und Bürgerrechte rechnen.

Der erste Regelungsversuch scheint nicht die erhoffte Wirkung gehabt zu haben. Jedenfalls sah man sich in Kassel in der Folgezeit mehrmals genötigt, mit verschärften Vorgaben und Strafandrohungen nachzulegen. Die „Kleider-Pracht und Hoffart“ sei mittlerweile „bey Jedermänniglichen, bevorab aberbey dem gemeinen Mann, dergestalt eingerissen und überhand genommen, dass der höchst-nöthige Unterscheid derer Stände fast gar nicht mehr observiret werden“ könne, heißt es in einem im Oktober 1723 abgefassten Papier. Die Anschaffung von „übermässiger und ihrem Stand nicht zukommender Kleidung“ habe „viele Unterthanen und fast gantze Familien ruiniret“. Da „das Geld für dergleichen Waaren häuffig ausser Landes gebracht“ werde, lägen die heimischen „Manufacturen und Fabriquen fast gänzlich darnieder“.

Den Siegeszug der Mode konnten solche Erkenntnisse, Drohungen und Vorschriften weder in Hessen noch andernorts aufhalten. Schon wenige Jahrzehnte später brachte der neue Geist der Aufklärung die alle obrigkeitsstaatlichen Kleiderordnungen ins Wanken. Mehr noch: Mit der Zeit wurde – mehr oder weniger offiziell – auch die paradiesische Nacktheit wiederbelebt.

Der Bauernstand stand auf der Ansehenspalette ganz unten. Er musste sich – auch in puncto Kleidung – von der Obrigkeit „abheben“. Der Kupferstich des niederländischen Malers Adriaen von Ostade (1610-1685) zeigt die elenden Lebensverhältnisse der damaligen Landbewohner.



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