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Im Kino Steinbergen: "Winterreise" von Hans Steinbichler und mit Josef Bierbichler

Kino-"Winterreise" in die Erkenntnis der eigenen eisigen Einsamkeit

Steinbergen (cok). "Eine Straße muss ich gehen / die noch keiner ging zurück". Das ist eine Zeile aus Franz Schuberts tieftraurigem Liederzyklus "Winterreise". Gesungen wird sie vom mächtigen Schauspieler Josef Bierbichler in einem Film, der ebenfalls "Winterreise" heißt und der das gewaltige, gewagte Portrait eines manisch-depressiven bayrischen Polterers malt, dem man erschüttert auf seinem Weg in den Untergang folgt.

veröffentlicht am 13.01.2007 um 00:00 Uhr

Umwerfender Hauptdarsteller: Josef Bierbichler spielt den großko

Ihn zu lieben, scheint zunächst unmöglich, den großkotzigen Unternehmer Franz Brenninger, wie er mit breitem Hut und wehendem Mantel durch die Straßen seines Provinzstädtchens eilt, jeden, der ihm in den Weg kommt, mit einem Kraftausdruck zur Seite fegt, seine kranke Frau (Hanna Schygulla, ja, da ist sie wirklich wieder) zum hundertsten Mal mit einem Rosenstrauch versöhnt, um sich gleich danach rücksichtslos und kettenrauchend den Frust über seine gescheiterten Geschäfte bei rasender Rockmusik von der Seele zu schreien. Es dauert eine Weile, bis man begreift, dass er wohl nicht immer so war, bis man sich vielleicht erinnert, dass man selber Menschen kennt, die - in ihre eigenen Probleme verwickelt - vergessen, dass auch andere Menschen ein Leben haben, bis man schließlich sogar bereit sein mag, in Franz Brenningers Furor zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt eigene Gefühlszustände gespiegelt zu sehen, freilich - in einem Zerrspiegel. Franz Schuberts Winterreise-Jüngling wird mit einem Liebeskummer nicht fertig, er zieht einsam hinaus, nicht in die Welt, sondern in die Wildnis, die von Wegmarke zu Wegmarke einsamer wird und eisiger. Franz Brenninger macht sich schließlich auf den Weg nach Afrika, auf der Suche nach dem Geld, das sein Sohn ihm gab, damit er davon die Operation der kranken Frau bezahlt, 50 000 Dollar, die er in egomanischer Großherrlichkeit und gegen alle freundschaftlichen Ratschläge kenianischen Trickbetrügern überwiesen hatte. Auch für ihn ist es, trotz guter Begleitung, eine Reise in die Erkenntnis der eigenen eisigen Einsamkeit. Dass er keine Chance hat, ist klar. Manchmal liegt er, der in seiner Manie und durch die schauspielerische Kraft Josef Bierbichlers eine unglaubliche und oft auch quälende Präsenz entwickelt, nur noch apathisch auf dem Bett und dann brüllt er keine Rocksongs heraus, sondern singt, rau und leise, Bruchstücke aus Schuberts bewegenden Liedern, als wüsste er doch, dass er genau so wahnsinnig ist wie der Jüngling bei Schubert. Das Liedüber den verrückten Leiermann, der irgendwo am Ende der Welt barfuß auf dem Eise wankt, ungehört, ist das letzte in Schuberts Zyklus: "Wunderlicher Alter! / Soll ich mit dir geh'n? / Willst zu meinen Liedern / deine Leier dreh'n?" Franz Brenninger, mit seinem bayrischen Tonfall, singt es am Klavier eines kenianischen Hotels, und es ist wohl die eigenartigste Interpretation dieses berühmten Liedes, die je eingespielt wurde. Seine junge Begleiterin, die Kurdin Leyla (Sibel Kekilli) weint, ebenso ein im Lande lebender Deutscher (Andre Hennicke), der seine eigenen Winterreise-Gründe hat, und sicherlich auch der eine oder andere Zuschauer. Hans Steinbichler drehte im Jahr 2005 diesen ungewöhnlichen Film und er versah ihn schließlich mit einem zweideutig offenen Ende, das man so nur wünschen kann. Großartige Bilder zeigt er, einen umwerfenden Hauptdarsteller. Und bestimmt verführt er nicht wenige dazu, endlich mal oder endlich wieder Schubert zu hören.

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