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Beim Kita Struwelpetra e. V. in Hameln bestimmen Erzieherin und Eltern gemeinsam das Konzept

Kindheit soll nicht in Innenräumen stattfinden

Hameln. Kindergarten ist gleich Kindergarten oder doch nicht? Wenn statt einhundert Kinder maximal zehn zusammen spielen, ist dieses zumindest schon optisch der erste Unterschied. Bei der Kita Struwelpetra e. V. in Hamelns Nordstadt lassen sich neben der „nur“ knappen zwei Handvoll Kinder aber noch viel mehr Kriterien aufzählen. „Zunächst einmal sollen es gar nicht mehr als 10 Kinder sein“, erklärt die Erzieherin Cornelia Hallemann. „Wir sind weder Halbtags- noch Ganztagskindergarten, sondern liegen mit unseren Öffnungszeiten von 7.30 Uhr bis 13.30 Uhr irgendwo dazwischen.“ Die Struwelpetra sei als Dreiviertel-Kindergarten mit Frühstück und Mittagessen einzustufen.

veröffentlicht am 22.07.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 16:41 Uhr

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Versteckt zwischen üppigem Grün der Hinterhofgärten am Wehler Weg, findet man das 100 Quadratmeter große Haus der Kita auf Anhieb zunächst gar nicht so einfach. Büsche und Bäume verdecken das Gebäude. Ein gepflasterter Fußpfad zwischen den Gärten und ein buntes Schild weisen den Weg.

Hier geht nichts ohne die Eltern

Es ist kein Betonbau mit einem angrenzenden Spielgelände, sondern ein kleines Häuschen. Eingebettet in Spielwiese, Gartenhütte und Kletterturm der naturnahen Außenlage. Trecker und Roller stehen für die Grobmotorik zur Verfügung. Zur Zeit regnet es ein bisschen, aber die Kinder spielen trotzdem draußen. Kindheit findet heutzutage oft in Innenräumen statt, bei Struwelpetra will man dem entgegenwirken, sooft es geht. Wöchentliche Entdeckungsreisen im Wald, vom Frühjahr bis zum Herbst, stehen auf dem regelmäßigen Wochenplan.

Elternarbeit beschränkt sich bei der Kita am Wehler Weg auch nicht nur auf die halbjährliche Eltern-Bastelrunde oder den persönlichen Einsatz für den Kakaoverkauf beim Sommerfest. Bei Struwelpetra geht nichts ohne die Eltern.

Selina, Jule, Carolin und Julian beim Spiel mit Verkleidung.

Als Kita einer privaten Elterninitiative haben sich Erzieherin und Eltern gemeinsam auf das situative Lernen der Zwei- bis Sechsjährigen geeinigt. Das heißt: Kein starrer Lehrplan, sondern der Kindergartenalltag richtet sich nach der Erlebnis- und Erfahrungswelt der Kinder und Erwachsenen.

Von der Stadt Hameln finanziell unterstützt

Der vierjährige Julian Klümper darf natürlich das Blatt behalten, das er für sein Schiff als Segel vom Efeu abgerissen hat; er bekommt aber eine ausgiebige Erklärung, warum er das in Zukunft nicht mehr tun soll. Die Kinder sehen, begreifen, probieren aus, erleben Freude und Enttäuschung. Sie sollen aber ebenso lernen, gemeinsam mit anderen verantwortungsvoll zu handeln. Im Vordergrund der Betreuung stehe laut Elterninitiative nicht allein das Lernen, sondern das Erfahren von Sinnzusammenhängen, bei dem ein Lernen geschehe.

Neben dem Mitbestimmungsrecht bei den pädagogischen Richtlinien, kümmern sich die Eltern um Personal, Finanzen und Einkauf, und das nun schon seit 21 Jahren.

Seit 1993 wird der Verein vonseiten des Landes Niedersachsen als private Kleinkindgruppe durch die Stadt Hameln finanziell unterstützt. Die Eltern zahlen jährliche Vereinsbeiträge und monatliche Betreuungskosten für ihre Kinder wie in anderen städtischen Einrichtungen. „In der Regel ist ein Elternteil der Kindergartenkinder Mitglied in unserem Verein“, erklärt Gabi Bösing vom Vorstand der „Struwelpetra“. Es gäbe auch Eltern, die Vereinsmitglied geblieben seien, obwohl ihr Kind schon längst in die Schule gewechselt hätte. Zurzeit gibt es 15 Vereinsmitglieder.

Vegetarische und biologische Ernährung

In Zeiten von überfüllten Schulklassen mit über 30 Kindern wirkt die „Struwelpetra“ wie ein Kleinod mit ihren Zahlen. „Wir bekommen hier die Chance, enorm viel mitzuentscheiden, was passieren soll“ , freut sich Gabi Bösing. Da die Kita Struwelpetra ein von Eltern aufgebauter und organisierter Verein ist, sind dessen Ziele und Inhalte mit den jeweiligen Eltern auch stets veränderbar. Entschieden wurde bei den monatlichen Treffen beispielsweise über ein täglich angebotenes Mittagessen, über einen festen Turntag oder dass beim wöchentlichen Waldtag das Frühstück mitgebracht werden soll. Auch Wochenendaktionen, wie ein Übernachtungswochenende auf der Riepenburg mit der ganzen Familie, hat es schon gegeben. „Das haben die Eltern vorgeschlagen und völlig allein organisiert, da war ich quasi Gast“, erinnert sich die Erzieherin Cornelia Hallemann, die seit 14 Jahren als fest angestellte Kraft dabei ist.

Die Ernährung hat in der Kita einen besonderen Stellenwert. Es gibt allerdings keine Chance für Mettwurst- und Mortadellabrote. Schon lange hätten sich die Eltern für eine vegetarische und biologische Ernährung in der Kita für die Kinder ausgesprochen, erklärt Cornelia Hallemann zu diesem Thema. Damit berücksichtige der Verein Lebensmittelunverträglichkeiten und Allergien der Kinder. Auch auf Süßigkeiten würde weitgehend verzichtet. Nun muss nicht jeder zum Vegetarierer mutieren, der seinen Sprößling bei „Struwelpetra“ anmeldet. „Auch gibt es beispielsweise keine Vollkornspaghetti, die mögen die Kinder nicht“, sagt Cornelia Hallemann. Der Betreuungsschlüssel der Kinder in der „Struwelpetra“ ist ebenfalls außergewöhnlich. Er wird durch eine Erzieherin als erste Betreuungsperson und ein Elternteil als zweite Betreuungsperson gewährleistet. Das heißt für die Eltern, alle 14 Tage einen Vormittag Kindergartendienst. Dieser Dienst heißt heute „Hamelner Seenplatte“. Eigentlich ist der Sandkasten ja mit einer Regenplane abgedeckt, aber auf der haben sich kleine Spiel-Seen gebildet. Die Kinder schieben Schiffchen und spielen Hafen. Aber auch ein bisschen Greenpeace, denn der sechsjährige Ramon Rutkowski hat gerade eine Kellerassel aus dem Wasser gerettet...



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