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Vortrag in der Lebenshilfe: Dr. Wygold setzt auf Prävention und Aufklärung

Kindesmisshandlung: "Eltern meist keine Sadisten, sondernüberfordert"

Rinteln (who). Meldungenüber Vernachlässigung und Misshandlungen von Kindern machen die Öffentlichkeit zunehmend auf ein wachsendes gesellschaftliches Problem aufmerksam. Dass dieses Phänomen auch in Rinteln wahrgenommen wird, hat die große Resonanz von rund 130 Zuhörern bei einem Vortrag zum Thema in der Lebenshilfe an der Waldkaterallee gezeigt.

veröffentlicht am 11.09.2008 um 00:00 Uhr

Initiatorin Jutta Steding mit Referent Dr. Thorsten Wygold. Foto

Auf Initiative von Jutta Steding als Leiterin des Arbeitsbereiches Frühförderung in der Lebenshilfe war Dr. Thorsten Wygold vom Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover nach Rinteln gekommen. Angesprochen und eingeladen war der Personenkreis, der in vorderster Front mit den Auswirkungen von Kindesmisshandlungen konfrontiert wird: Erzieher, Kinderärzte, Mitarbeiter von Gesundheits- und Jugendämtern, des Kinderschutzbundes sowie der Lebenshilfe. Es sei nicht Thema seines Vortrags, zu erklären, "welcher blaue Fleck normal ist und welcher nicht", schickte Wygold voraus. Priorität habe für ihn, insgesamt Kindern und Eltern Hilfestellung zu geben um das Problem zu lösen. Denn: "Vernachlässigung oder körperliche Misshandlung geschehen in 95 Prozent aller Fälle durch Eltern oder Stiefeltern." Nicht zuletzt Überforderung und Hilflosigkeit in Alltagssituationen sei für misshandelnde Eltern der Auslöser für Vernachlässigung und Gewalt gegen ihre eigenen Kinder. Er sei überzeugt, "die meisten Eltern sind keine Sadisten und wollen nicht misshandeln". Der Kinderarzt aus Hannover, der an seinem Krankenhaus selbst an einem Präventions-Projekt mitarbeitet, sieht eine Hauptursache in der demografischen Entwicklung. Denn "die vorherige Generation gibt ihr Wissen über Erziehung nicht mehr weiter". Als Folge müssten staatliche Institutionen den Eltern Aufklärung und Hilfestellung bieten. Erfolgreiche Beispiele seien die in den USA sogenannten "Schütteltraumata- Projekte". Gestresste und überforderte Eltern neigten nämlich dazu, schreiende Kleinkinder durch heftiges Schütteln zum Schweigen zu bringen. Die Folgen können Blutungen im Gehirn oder das Abreißen von Nervenverbindungen im Rückenmark sein, was zu schweren Entwicklungsstörungen führe. Durch die Aufklärung von Eltern habe man in New York die Zahl der Verletzungen bei Kindern um 45 Prozent reduzieren können. Verbesserungsbedürftig seien in Deutschland auch die Kommunikationswege, um die Anzeichen von Misshandlung zu deuten und Hilfe für Kinder und Eltern einzuleiten. Zurzeit werde hauptsächlich der niedergelassene Kinderarzt konsultiert. Der Aufbau eines wirksamen Präventions- und Hilfesystems erfordere noch eine Menge Theorie- und Grundlagenarbeit, beispielsweise bei der Frage der Zuständigkeit wie des Datentransfers, so Dr. Wygold. Die Gründung des neuen Koordinierungszentrums für Kinderschutz durch das Niedersächsische Sozialministerium sei der erste große Schritt auf dem Wege zu einer nachhaltigen Lösung.

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