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Von Geburt an nehmen sie bestimmte Rhythmen wahr – erst später entwickelt sich ein Zeitbegriff

Kinder ticken nicht im Takt der Erwachsenen

Hameln. „Oma, hast du eigentlich Ritter gekannt?“ Als Oskar mich das gefragt hat, war er kaum fünf Jahre alt und waren Ritter gerade angesagt bei ihm. Dass es diese Männer mit Rüstung und Lanze heute nicht mehr gibt, war ihm schon klar. Aber nicht, warum ich keine kannte, obwohl die Ritter doch vor ganz vielen Jahren wirklich gelebt haben und ich doch schon so uralt bin.

veröffentlicht am 28.03.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 14.04.2011 um 15:04 Uhr

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Hameln. „Oma, hast du eigentlich Ritter gekannt?“ Als Oskar mich das gefragt hat, war er kaum fünf Jahre alt und waren Ritter gerade angesagt bei ihm. Dass es diese Männer mit Rüstung und Lanze heute nicht mehr gibt, war ihm schon klar. Aber nicht, warum ich keine kannte, obwohl die Ritter doch vor ganz vielen Jahren wirklich gelebt haben und ich doch schon so uralt bin. Das Thema war dann ziemlich schnell abgehakt, denn erstens schaltete Oskar, ab, als ich im etwas von „vor vielen hundert Jahren“ zu erzählen versuchte. Und zweitens waren seine Plastik-Ritter und Pferde und seinetwegen auch die blöde Prinzessin, auf die die „große“ Schwester beim gemeinsamen Spielen mit der Ritterburg eisern bestand, eigentlich ja sowieso lebendig.

Kleinkinder haben keine Vorstellung von Zeit. Sie leben im Hier und Jetzt. Erst ganz langsam tasten sie sich zu Begriffen wie gestern und morgen vor, bekommen eine Ahnung davon, dass „später“ etwas anderes meint als „früher“ oder „bald“. Babys wissen davon noch gar nichts. Babys schreien, wenn sie sich unwohl fühlen, und zwar sofort. Nach heutigem Erkenntnisstand der Entwicklungspsychologie kann ein Neugeborenes gerade einmal zwei Sekunden lang geduldig und sorgenfrei warten“, erklärt Dieter Krause. Wird sein Bedürfnis nach Beseitigung dieses Unwohlseins nicht binnen dieser zwei Sekunden befriedigt, „gerät es in Stress“, so der Diplom Psychologe und Leiter der Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Hameln-Pyrmont. Mit jedem Lebenstag verlängere sich diese Toleranzspanne ein bisschen. Und dass das so ist, habe mit Erfahrungen zu tun, die das kleine Wesen mache. Von Geburt an (und sogar schon davor), nehmen Kinder bestimmte Rhythmen wahr: den Herzschlag der Mutter; sich wiederholende Signale, die Eltern intuitiv senden, wenn sie sich im immer gleichen Takt und mit immer gleichen Worten zu ihrem Baby auf dem Wickeltisch herunterbeugen; den eingängigen Rhythmus des Schlafliedes. „Das alles hilft Kindern schon im ersten Lebensjahr, ein Zeitgefühl zu entwickeln“, so Krause. Später sind es die Rituale, die sich im Tagesablauf wiederholen: der Wechsel von Tag und Nacht, die Regelmäßigkeit von Aufstehen, Frühstück, Kindergarten, Mittagessen, Schlafen, Spielen, Abendessen, zu Bett gehen.

Mit drei, vier Jahren können Kinder Zeitangaben schon besser „erfühlen“, und um so besser, je mehr sie einen emotionalen Bezug dazu haben. „Noch dreimal schlafen, dann ist Weihnachten“ – darunter können sie sich etwas vorstellen. Aber die Aufforderung „Beeil dich mit dem Anziehen, der Bus fährt in zehn Minuten“, könnten Eltern sich genau so gut sparen wie nüchterne Zeitangaben auf die Frage: „Wann sind wir endlich da?“ Diese Frage kommt so sicher wie das Amen in der Kirche, kaum dass der hoffnungsvolle Nachwuchs im Kindersitz auf der Rückbank des Autos festgezurrt ist. „In einer halben Stunde“ ist keine adäquate Antwort für ein Kind, das nur scheinbar nach der Zeit fragt und im Grunde genommen nichts anderes wissen will als: „Wann passiert endlich wieder was?“ Ablenkung funktioniert da wesentlich besser. Kinder, die damit beschäftigt sind, nach roten Autos Ausschau zu halten, Kinderlieder zu singen oder Geschichten um ihr Lieblingsspielzeug zu spinnen, quengeln nicht – jedenfalls nicht pausenlos. Stunden, Minuten, Tage, nach denen Erwachsene ihren Alltag takten – ein Dreijähriger kann damit überhaupt nichts anfangen. Er weiß aber schon, dass Papa morgens zur Arbeit geht und dann weg ist; und dass nach Papas Rückkehr Abendessen und Schlafengehen auf dem Programm stehen. Kommt Papa ausnahmsweise einmal mittags nach Hause, wundert sich der Knirps nicht etwa, „oh, du bist schon da“, sondern fühlt die Zeit des Zubettgehens näherrücken.

Zeit hat im Alter bis zu sieben Jahren viel mit der Entwicklung des räumlichen Verständnisses und des beginnenden Verständnisses von Zahlen zu tun. Kinder lernen zu vergleichen und den Unterschied zwischen groß und klein, lang und kurz, mehr und weniger zu begreifen und verknüpfen diese Erkenntnisse ganz eng mit dem Zeitbegriff. „Wer größer ist, ist für sie älter“, erklärt Krause. Und „länger“ gefahren ist für sie immer das Spielzeugauto, das weiter weg stehen bleibt. Dass dieses Auto genau so lange, nur viel schneller unterwegs war und darum eine längere Strecke zurückgelegt hat, registrieren sie nicht.

Im Alter zwischen sieben und neun Jahren gewinnen Kinder ein Verständnis von Zeitintervallen und allgemeiner Gültigkeit von Zeit, abgekoppelt vom unmittelbaren Erleben. Erst mit neun, zehn Jahren, hat sich ihr Zeitgefühl so ausgebildet hat, dass sie in die Lage sind, ihren Tag zu planen. Dann wissen sie: „Wenn ich heute Nachmittag zum Schwimmen gehen will, muss ich vorher noch meine Hausaufgaben machen“ und können einigermaßen abschätzen, wie viel Zeit sie dafür einplanen müssen.

Wenn Erwachsene aufgefordert werden, „Zeit“ zu malen, zeichnen sie die meisten von ihnen einen Pfeil (über 80 Prozent) und nur die wenigsten einen Punkt. Zeit ist für die meisten Menschen ein lineares Fortschreiten, die wenigsten verbinden damit den „Zeitpunkt“, den Augenblick. Bei Kindern ist das ganz anders. Sie ticken noch nicht im Zeittakt der Erwachsenen. „Wenn Kinder spielen, dann tun sie das, was sie tun, ganz“, sagt Krause. Als ich Oskar, der gerade damit beschäftigt war, ein Piratenschiff zu malen, gefragt habe, ob er gestern im Kindergarten war, lautete seine Antwort: „Guck mal Oma, mein Piratenschiff hat ganz viele Kanonen. Das schenke ich dir, und jetzt male ich noch eins für Papa.“ Der Kindergarten hatte in diesem Moment überhaupt nichts mit Oskars Wirklichkeit zu tun.



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