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Lehrer mussten an einigen Orten Schulgeld und Neujahrsgeld als Teil ihres Lohnes selbst einsammeln

Kinder sollen in die Schule geschickt werden

Das Schicksal der alten Schule in Rühle aus dem Jahr 1764 dürfte besiegelt sein. Der Arbeitskreis Dorferneuerung hatte sich in einer Sitzung einstimmig dafür ausgesprochen, das Gebäude abzureißen und den gesamten Platz unter Einbeziehung des Kirchengeländes neu zu gestalten. Verschiedene Bemühungen und Initiativen, den Fachwerkbau einer sinnvollen Nachnutzung zuzuführen, waren fehlgeschlagen. Und auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Lutz Stratmann hatte bei einer Besichtigung vor Ort geraten, bei den entsprechenden Behörden eine Abbruchgenehmigung zu erwirken und den bisherigen Denkmalschutz aufzuheben.

veröffentlicht am 13.11.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 16.11.2009 um 11:52 Uhr

Die alte Schule in Rühle von 1764 mit dem Verkehrsbüro.

Autor:

Gottfried Hetzer

Über kurz oder lang wird nun ein Zeuge ereignisreicher Orts- und Schulgeschichte verschwinden. Noch aber erinnert die alte Schule an eine bemerkenswerte Entwicklung im ländlichen Bildungswesen durch die Jahrhunderte und soll noch einmal lebendig werden: Nach Einführung der Reformation in den braunschweigisch-wolfenbüttelschen Gebieten 1568 fing man an, auch auf dem Lande Schulen einzurichten, um die Jugend mit den Grundlagen der evangelischen Lehre vertraut zu machen. Die erste Schulordnung erließ Herzog Julius (1568 bis 1589), datiert vom 1. Januar 1569. Sie betraf aber nur die größeren Ortschaften und Flecken. In einer Aufstellung 1599 wird in Rühle der Köster Hans Latusch erwähnt. Ob die landesherrliche Ordnung damals auch schon für das Pfarrdorf Rühle Geltung hatte, ist fraglich. Er wäre sonst der erste bekannte Lehrer des Dorfes. Eine namentliche Aufstellung der seit 1666 in Rühle tätig gewesenen Lehrer ist durch das erste Kirchenbuch vom gleichen Jahr übermittelt. Im Corpus bonorum (Güterverzeichnis der Kirche) heißt es 1749 über die Schule: „Das Schulhaus ist eine alte Strohhütte und drohet alle Tage der Einfall.“ Die Dorfbeschreibung von 1764 gibt Auskunft: „Das Gebäude, ,nur mit Steindach, ohne Schornstein, ist neu, nicht völlig ausgebauet“. Im allgemeinen lagen die Schulverhältnisse auf dem Lande nach dem 30-jährigen Krieg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch sehr im Argen. Herzog August (1634 bis 1666) hatte 1647 den Schulzwang eingeführt: Alle Kinder sollen in diese Schule geschickt werden. Säumige Eltern sind „vermittels ernstlicher Bestrafung dazu anzuhalten“. In der Schulordnung von 1651 war festgelegt, dass Küster und Opferleute als Lehrer tätig sein sollten. Über das Schulgeld wurde bestimmt, dass jeder Einwohner mit oder ohne Kinder dem Schulmeister soviel an Geld und Getreide zu geben habe wie dem Kuh- und Schweinehirten. Die Eltern waren trotzdem oft nicht gewillt, ihre Kinder in die Schule zu schicken, weil sie beim Viehhüten und bei der Feldarbeit dringend gebraucht wurden. Man war darum schon zufrieden, wenn die Kinder sonntags zur Schule kamen. In dem „Expeditionsbuch für die Prediger zu Rühle und Dölme 1766 bis 1809“, einem Verzeichnis über die eingegangenen Verfügungen und Verordnungen für die Kirchen und Schulen, finden sich regelmäßige Eintragungen über Bemühungen von vorgesetzten Behörden zur Verbesserung des ländlichen Schulwesens.

Im Juni 1802 hielt Superintendent Starcke aus Golmbach eine Kirchen- und Schulvisitation in Rühle ab. Ihm lag es auch am Herzen, dass die Kinder im Buchstabieren, Lesen, Schreiben, Kopfrechnen und richtigem Verstehen der Hauptlehren der Religion Fortschritte machten. Es wurde angeregt, außer Bibel, Gesangbuch, Katechismus immer brauchbare Lesebücher und Fibeln einzuführen. Trotzdem blieben die Ergebnisse aller Bemühungen doch recht kümmerlich. So konnten in der Inspektion Halle im Jahre 1786 nur 15 Prozent der Kinder schreiben und nur zwei Prozent rechnen. Das ist nicht verwunderlich, wenn man liest, wie mangelhaft der Schulbesuch in den Dörfern damals war. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts klingen die Beschreibungen, unter denen die Lehrer ihre Arbeit versahen, wie wahre Klagelieder. Es konnten daher die Lehrer wegen ihrer kärglichen Besoldung sich dem wichtigen Geschäfte des Jugendunterrichts nicht die ganze Zeit einsetzen. Die Nahrungssorgen störten die Gemütsruhe der Lehrer, so dass Nebenbeschäftigungen oft zur Hauptsache wurden und der Unterricht vernachlässigt wurde. In einer Stellungnahme heißt es auch: „Noch viel widerlicher ist es, dass der Lehrer an einigen Orten das Schulgeld und Neujahresgeld als Teil seines

Lohnes selbst einsammeln muss.“

Um die Raumverhältnisse war es vielerorts ebenfalls schlecht bestellt. Es gab Schulhäuser, in denen eine Stube das Schul- und Familienzimmer zugleich war. Nicht selten musste hier im Winter sogar das Vieh mit untergebracht werden.

Ansicht der alten Schule vom Kirchengelände aus.
  • Ansicht der alten Schule vom Kirchengelände aus.

In Rühle muss es um die räumlichen Verhältnisse nach dem Neubau der Schule 1764 nicht so schlecht bestellt gewesen sein. Der Fachwerkbau verfügte über ein geräumiges Klassenzimmer und eine gesonderte Lehrerwohnung. Heute noch dient ein Teil des Hauses als Gemeinde- und Fremdenverkehrsbüro. Über die Einkünfte des Lehrers gibt das Corpus bonorum von 1749 genaue Auskunft. Nach einer Aufstellung stand ein Lehrer in Rühle wohl nicht auf der untersten Stufe der Einkünfte, wenn er auch nur drei Ratstaler an barem Gelde zur Verfügung hatte, wofür er etwa drei Zentner Roggen kaufen konnte.

Hier nun ein Blick auf die Lehrerversorgung seit 1666: Es unterrichteten Johann Heinrich Demant, Christoph Schmeccius, Johann Conrad Schmeccius, Georg Friedrich Sager, Johann Justus Wilhelm Lohmann, Johann Andreas Geries, Heinrich Friedrich Wilhelm Schucht, Lehrer Thiele und Kantor Ludwig Querfurth, der 1876 nach Rühle kam und zugleich das Amt des Opfermanns und Organisten bekleidete. 1909 folgten Friedrich Wiegand, Kurt Fricke und 1911 Hermann Gravenhorst. In den Aufzeichnungen der Pastoren wird von 1907 bis 1920 näher über den Bereich Schule berichtet. 1905 hatte man „auf der Breite“ unter dem Weinberge ein neues Schulgebäude errichtet und 1906 durch einen Anbau erweitert. 1907 wurden dort in drei Klassen 85 Knaben und 82 Mädchen unterrichtet. Lehrer Hermann Rose unterrichtete ab 1901 in Rühle und ist nach seiner vorzeitigen Pensionierung 1939 hier gestorben. Während des Ersten Weltkrieges musste man sich mit Vertretungen behelfen. Mit Ende des Krieges wurden Kirche und Schule in der Verwaltung getrennt. 1920 übernahm Kurt Sandau den Schuldienst. Er starb als Hauptlehrer 1974 in Rühle. Als Schulleiter fungierten im 20. Jahrhundert: Hermann Rose, Kurt Sandau (1938 bis 1965), 1945 bis 1949 Paul Heller und 1965 bis 1977 Gottfried Haupt, der 1958 aus Bautzen kam. Mit dem 1. Juli 1977 wurde die Rühler Schule im Rahmen der Reformpolitik aufgelöst.

Der Schulbericht entstand in Anlehnung an die Rühler Aufzeichnungen von Heinrich Jago (Chronik von 1984).

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