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Die Korbmacherei im Schaumburger Land – einst eine blühende Industrie mit Hochburg in Exten

Kiepen aus heimischem Weidenholz

Weidenbäume und -sträucher werden heute praktisch nur noch wegen ihres charakteristischen Erscheinungsbildes, ihrer großen ökologischen Bedeutung und der vorösterlich-flauschigen Blütenpracht ihrer „Weidenkätzchen“ wahrgenommen. Ansonsten gilt die artenreiche Pflanzenfamilie eher als „unnützes Gestrüpp“.

veröffentlicht am 06.11.2009 um 23:00 Uhr

Traditionelles Korbflechter-Familienunternehmen in Exten. Repros

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Das war früher ganz anders. Noch vor rund 50 Jahren gehörten die Salix-Gewächse zu den wichtigsten heimischen Nutzgehölzen. Besonders begehrt waren die schnellwüchsigen Jährlingstriebe. Die oft mehrere Meter langen, äußerst biegsamen Ruten lassen sich hervorragend flechten – eine Eigenschaft, die auch und vor allem den hierzulande lebenden Menschen bis in die jüngste Zeit hinein zu Brot und Arbeit verhalf.

Heute erinnern nur noch Kopfweiden an die große Zeit der Weidenflechterei. Um die Triebe der Pflanzen leichter „ernten“ zu können, wurden die Stämme junger Pflanzen auf gut zwei Meter Höhe zurecht- und danach immer wieder zurückgestutzt. Besonders geeignet für eine derartige „Radikalkur“ waren Silber- und Korbweiden. Die trotz oder gerade wegen dieser Verstümmelung stetig nachsprießenden Triebe ließen sich – wesentlich bequemer als bei ungeköpften Artgenossen – ohne großen Aufwand „schneiteln“ (herunterschneiden).

Der hohe Nutzwert der fast überall auf der Welt wachsenden Pflanzen war bereits während der Steinzeit-Ära bekannt. Kein Wunder, dass sich auch die ersten, hierzulande siedelnden Menschen die guten Salix-Eigenschaften zunutze machten. Sie verwendeten sie beim Häuserbau (als Unterkonstruktion und zur Stabilisierung der Lehm-Gefache) sowie zur Herstellung von Werkzeugen, Einfriedigungen und Transportbehältern (Stiele, Pfosten, Zäune, Fischreusen und Körbe). Das handwerkliche Gewusst-wie wurde von einer Generation zu anderen weitergegeben.

Die Robustheit und Regenerationsfähigkeit der Weiden machten sic
  • Die Robustheit und Regenerationsfähigkeit der Weiden machten sich die Bauern früher gern und oft beim Einzäunen von Wiesen und Feldern zunutze. Meist genügte es, in regelmäßigen Abständen Salix-Stöcke in die Erde zu stecken, aus denen sich dann wenige Jahre später bei entsprechender Behandlung Kopfweiden formen ließen.
Unentbehrliches Zubehör in Haus, Hof und Garten: aus Weiden gefl
  • Unentbehrliches Zubehör in Haus, Hof und Garten: aus Weiden geflochtene Kartoffelkörbe

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich neben der bäuerlich-häuslichen Weidenverarbeitung eine professionell und gewerbsmäßig betriebene Handwerkstechnik – die Korbflechterei. Anfangs waren es vor allem Höker, Händler, Hollandgänger und Heringsfischer, die Trage- und Transportkörbe („Kiepen“ und „Kantjes“) in Auftrag gaben. Zu ganz großer Blüte aber gelangte die Verwertung der Weiden, als im Laufe des 19. Jahrhunderts zwischen Stadthagen und Rinteln sowie im benachbarten Raum Minden die Glasindustrie erstarkte. Die meisten Hütten stellten neben Flaschen und anderen Normgefäßen auch bauchige Großballons für Wein („Demijohns“) und chemische Flüssigprodukte her. Die maßgerecht angepassten Weidenummantelungen galten als die damals beste und preiswerteste Lösung für eine bruchsichere Weiterbeförderung.

Während der Aufschwungphase unterhielten die Unternehmen eigene Flechtwerkstätten. Noch Ende des 19. Jahrhunderts waren allein in den Obernkirchener und Rintelner Fabriken mehr als 500 Korbmacher beschäftigt. Bereits kurze Zeit später begann man die Arbeit aus Kostengründen zu „privatisieren“. Das Ergebnis war eine eigenständige, anfangs vor allem von armen Familien in Heimarbeit betriebene Korbmacherindustrie.

Die meisten Weidenflechter gab es in der Umgebung von Rinteln und im Extertal. Die Gegend hatte zuvor besonders hart unter dem Niedergang der Leinenweberei zu leiden gehabt. In dem lange als „industrielles Herzstück“ der Grafschaft Schaumburg geltenden Dorf Exten waren zudem mehr als 100 Arbeitsplätze im Zuge der Schließung der örtlichen Messerschmieden und Eisenhämmer verloren gegangen. Kein Wunder, dass sich die Einwohner besonders intensiv der neuen Verdienstmöglichkeit zuwandten. Der Ort galt schon bald – auch überregional – als „Korbmacher-Hochburg“.

Kinder und Frauen schälen die Ruten

„Angefertigt werden jährlich etwa 30 000 Packkörbe für Säureballons und Demijohns, einige 1000 Packkörbe für Wein und künstliche Wasser in Flaschen, sowie eine Anzahl kleiner Körbe für die Verpackung von Kandiszucker“, heißt es in einem Bericht der Handelskammer Hannover über Art und Umfang der dörflichen Produktion im Jahre 1896. Die benötigten Korbweiden würden „größtenteils an den Böschungen der Weserufer geschnitten“. Das Schälen der Ruten werde „vielfach von Frauen und Kindern besorgt“.

1903 wurden in Exten und Umgebung mehr als 150 Korbflechter gezählt. Als neue Großauftraggeber kamen Kleineisenindustrie, Seefischhandel und – zu Beginn des Ersten Weltkrieges – die kaiserliche Armee hinzu. Sie bestellte in großem Stil Munitionskörbe und Behälter für chemische Kampfstoffe. Die Folge: Ein großer Teil der im Extertal ansässigen Korbmacher-Zunft wurde als u. k. (unabkömmlich) erklärt und musste nicht an die Front.

Da die heimischen Weidenbestände schon bald nicht ausreichten, wurden jährlich bis zu 200 Zentner Weidengeflecht „importiert“. Das Gros des in Waggons heranrollenden Materials kam von der Oder. Was nicht sofort verarbeitet werden konnte, wurde weiterverkauft. „Zumeist nach Obernkirchen, wo damit Glasballons überflochten werden, und ein kleiner Teil auch an zwei Korbflechtereien in Rinteln, welche weiße Waschkörbe anfertigen“, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht.

Die gute Auftrags- und Beschäftigungslage setzte sich – entgegen dem reichsweiten, gesamtwirtschaftlichen Trend – auch nach Ende des Ersten Weltkrieges und in der Weimarer Ära fort. In den zwanziger Jahren wurden in der Gegend um Rinteln bis zu 400, im gesamten Schaumburger Land an die 2000 Korbmacher gezählt. Einige Familienunternehmen beschäftigten mehr als 50 Arbeiter und brachten es auf Jahresumsätze von fast 300 000 Mark. Vor allem in Exten lief das Geschäft so gut, dass über Jahre hinweg alle Jungen des Dorfes nach der Schule Korbflechter wurden.

Den ersten größeren Einbruch erlebte die Branche im Gefolge der Weltwirtschaftskrise (1929). Auftragslage und Wochenverdienst (weniger als 10 RM/Stunde) verschlechterten sich rapide. Besserung schien in Sicht zu sein, als die NS-Regierung im Zuge der Aufrüstungspolitik in großem Stil Munitionsbehälter orderte. Beschaffung und Zuteilung des von Oder und Weichsel herbeigeschafften Flechtmaterials war staatlicherseits reglementiert.

So kam es, dass beim Neustart 1945 als erstes die heruntergekommenen heimischen Weidenbestände auf Vordermann gebracht werden mussten. Nahezu alle infrage kommenden Freiflächen entlang der Weser wurden aufgeforstet. Zunächst sah es so aus, als wenn sich die Investition in neues Flechtgrün lohnen würde. Doch dann bescherten – ab Mitte der fünfziger Jahre – neue, industriell gefertigte Kunststoff-Verpackungsmaterialien dem traditionsreichen heimischen Handwerk das endgültige Aus.

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