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Stehende Ovationen beim Klavierabend von Aleksandra Mikulska

Keine junge wilde Tastenlöwin

Obernkirchen (sm). Der rhythmische Applaus, die Bravo-Rufe und stehenden Ovationen am Ende des Klavierabends der jungen Warschauer Pianistin Aleksandra Mikulska zeugten von der außergewöhnlichen Begeisterung des Publikums im Stift.

veröffentlicht am 14.11.2008 um 00:00 Uhr

Aleksandra Mikulska bringt das Klavier zum Singen und beschert d

Zuvor hatte die zierliche Künstlerin ihre Zuhörer mit mehr als nur ihrer ausgereiften musikalischen Interpretation, makelloser Technik und scheinbar unerschöpflichen Kraftreserven beeindruckt. Anders als viele jungen Tastenlöwen präsentiert sie nicht nur eine glatte, scheinbar musikalisch korrekte Oberfläche, sondern füllt jedes Werk auf eine sehr persönliche Art mit Innenleben. Es ist deutlich, dass wir hier mit einer willensstarken künstlerischen Persönlichkeit zu tun haben. In ihrer Einführung zum Programm betonte die Künstlerin die Bedeutung ihrer Landsmänner Szymanowski und Chopin für die polnische Musik und gestand ihre eigene Affinität zu deren Kompositionen. Sie eröffnete ihr Programm allerdings mit Beethovens "Appasionata" und es war sofort deutlich, dass sie auch einehervorragende Interpretin des Bonner Meisters ist und ihren Zuhörern neue Facetten dieser äußert bekannten Komposition eröffnen konnte. Ihr Beethoven ist dramatisch, ohne massiv zu sein und ihr Anschlag ohne Härte, sodass die Musik stolze Noblesse mit Feinfühligkeit verbindet. Mikulskas Deutung der Sonate zeigte einen Beethoven voller Würde, zugleich männlich stark und doch mit einer Andeutung seelischer Verwundbarkeit. Sie führt ihre Zuhörer durch die große Struktur der Komposition, ohne Details in der Phrasierung zu vernachlässigen. Im Konzert wurden die hervorstechenden Eigenschaft von Mikulskas Interpretationskunst deutlich: Auch bei größter Leidenschaft und tiefster Empfindung in der Interpretation bewahrt ihr Spiel immer eine Eleganz dank der Ausgewogenheit zwischen Form und Inhalt. Bei Chopins "Andante spianato et Grande Polonaise brillante" wurde deutlich, dass wir es mit einer Chopin-Interpretin von Format zu tun haben. Mikulska bringt mühelos das Klavier zum Singen, füllt schnelle Passagen mit Verve und lässt sie in kaleidoskopischen Farben schimmern. Überall, auch in den anderen Werken von Chopin auf dem Programm, bescherte sie den Zuhörern bisher Ungehörtes: In Chopins Scherzo Nr. 1 findet sie im Mittelteil interessante Stimmführungen; keine Wiederholung des Themas bleibt gleich, sondern wird immer neu gedeutet. In der großen Dritten Sonate Chopins bewies sie entgegen der lange Zeit gängigen Meinung, dass der Meister durchaus auch größere Musikformen beherrschte. Mikulska verfiel weder der Versuchung, in den schnellen Sätzen das Werk als Vehikel für leere Virtuosität zu nutzen, noch tappte sie bei langsamen, innigen Abschnitten in die Falle, die Musik als seichte, romantische Salonmusik zu deuten. Immer gelang ihr die Gratwanderung, die Dramaturgie der Komposition nie aus dem Auge zu verlieren, dennoch diese nie zu starr zu halten, sondern genügend Raum für kleine Freiheiten in der Phrasierung zu behalten. In ihrer Zugabe, im F-Dur Walzer von Chopin, zeigte Mikulska wieder all ihre vortrefflichen Interpretationskünste, sodass ihr Publikum das Konzert freudig vergnügt verlies, in der Hoffnung, diese junge Ausnahmemusikerin bald wieder hören zu können.



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