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238 Kilometer in den Alpen, 5500 Höhenmeter: Vier Schaumburger fahren den Ötztal-Radmarathon

Kein Heldentod im letzten Kreis der Hölle

Landkreis/Auetal. Den Spruch, der den Nagel auf den sprichwörtlichen Kopf tritt, hört Bruno Scheel nach 181,2 Kilometern. Gut sieben Stunden hat er da schon hinter sich, hat mit dem Rennrad drei Steigungen überwunden, die es in sich hatten, die bis zu 18 Prozent stark waren - und jetzt kommt das Trimmelsjoch. Und da hört er es einen Fahrer hinter sich sagen: "Das war alles nur die Vorspeise, jetzt kommt der Hauptgang."

veröffentlicht am 24.10.2007 um 00:00 Uhr

Arne Frärks, Bruno Scheel, Detlef Schier und Thomas Meyer (v.l.)

Autor:

Frank Westermann

Denn 1774 Höhenmeter sind jetzt auf dem Trimmelsjoch zu absolvieren, eine einzige Strapaze, bei der jeder Muskeln schreit, jeden Meter, bei jedem Tritt. Es ist der letzte Kreis der Hölle, denn der 30 Kilometer lange Aufstieg ist der krönende Abschluss des Ötztaler-Radmarathons, eines der härtesten Jedermann-Radrennen. BeimÖtztal-Radmarathon in den österreichischen und italienischen Alpen warten 238 bergige Kilometer auf die Sportler, 5500 Höhenmeter sind insgesamt zu überwinden, rund 4000 Radsportler treten seit 26 Jahren Jahr für Jahr an. Scheel ist nicht allein nach Sölden gefahren: Die Schaumburger Thomas Meyer, Arne Frärks und Detlef Schier begleiten ihn. Im Finale am Trimmelsjoch, so erzählt Scheel, "da sieht man dann viele Helden sterben." Er gehörte nicht zu ihnen, er ist hochgestrampelt, wie Schier, Meyer und Fräks auch. Der Beweis ist das Trikot: Das gibt es nur, wenn das Rennen erfolgreich beendet wurde: Das "Finisher-Trikot", so nennt es Scheel. Warum tut man sich eine solche Strapaze an? "Tja" sagt Scheel und dreht nachdenklich die Kaffeetasse in seinen Händen, "ich war schon immer ein Draußenmensch". Stimmt, denn wer den Energieanlageelektroniker Scheel suchte, der musste nach draußen, in die Natur. Scheel hatte sich schon früh im Naturschutz engagiert, zunächst im Auetal, dann im ganzen Landkreis; das war zu einer Zeit, als die meisten noch gar nicht wussten, was in der Natur denn alles so zu schützen sein soll. Vor fünf Jahren, da war er 48, ist Scheel in den Radsport intensiv eingestiegen. Sportlich war er schon immer, eben ein Draußenmensch, ist gelaufen und geschwommen, ist für den einen oder anderen Kurz-Triathlon auch Fahrrad gefahren, doch das war mit dem Radfahren nicht zu vergleichen: Rund 7000 Kilometer Training spult Scheel im Jahr runter, draußen auf den Schaumburger Straßen, wenn das Wetter mitspielt, drinnen auf dem Spinning-Rad im Fitness-Center, wenn es stürmt und schneit. Im Landkreis gibt es gute Trainingsmöglichkeiten, sagt Scheel, der sich einer sechsköpfigen Gruppe angeschlossen hat, zu der auch Meyer, Schier und Frärks zählen: Selbst Steigungen von 18 Prozent können hier geübt und gefahren werden. Denn für den Ötztal-Radmarathon ist es schon wichtig, sagt Scheel, "das Fettgewebe gegen Muskelgewebe auszutauschen". 126. ist Scheel dieses Jahr in seiner Altersklasse geworden, und als er nach zehn Stunden und elf Minuten oben angekommen ist, hat er das gedacht, was er in den beiden letzten Jahren auch gedacht hat, als in den Alpen alles hinter ihm lag: "Nie wieder." Zehn Tage hält dieses Gefühl an, zehn Tage, in denen er von der nächsten Schinderei nichts mehr wissen will, dann kommt es: das gute Gefühl, dass ja doch alles wunderbar geklappt, dass sich das Training gelohnt hat, es stellt sich das Wissen um einen Willen ein, der so groß ist, das er unterwegs den inneren Schweinehund wieder und wieder überwindet, Tritt für Tritt.

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