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"Confessio": Mennoniten aus dem Kalletal stellen sich vor

Kein Fernsehen, kein Internet - und keine Frauen in Jeans

Rinteln. Im Rahmen der Informationsreihe "Confessio", in der sich unterschiedliche christliche Gruppierungen vorstellen, waren in der baptistischen Christuskirche diesmal die Mennoniten zu Gast, Vertreter der mennonitischen Brüdergemeinde im Kallet al.

veröffentlicht am 13.01.2007 um 00:00 Uhr

Autor:

Ulrich Reineking

Der hauptamtliche Prediger Peter Esau war mit zwei weiteren Angehörigen seiner Gemeinde erschienen - und machte deutlich, dass sich eine mennonitische Brüdergemeinde in deutlicher Abgrenzung zur "Welt" versteht, wobei dieser Begriff für alle Erscheinungsformen des Bösen schlechthin steht, vor dem die Gläubigen durch Wahrung strikter "Gemeindezucht" zu bewahren sind: "Das ist die Prüfung des Lebens, mit dem Ziel, das verirrte Schaf in die Herde zurückzuholen." Ansonsten gelte: "Satan ist der Fürst der Welt", von der man sich abzugrenzen habe. Das Bekenntnis zur Schuld stehe am Anfang des Lebens im Glauben, die Bibel ("ohne verfälschte Übersetzungen und Veränderungen") stehe im Mittelpunkt der Lehre und die Wehr- und Waffenlosigkeit sei gemeinsames Glaubensgut aller mennonitischen Gemeinden - selbst wenn diese ansonsten weltweit auch andere Schwerpunkte im Profil setzen. Ihre historischen Wurzeln sehen die Mennoniten in der Täuferbewegung, nach deren friesischem Vertreter Menno Simons sie ihren Namen erhalten haben. "Das Gebot der Liebe steht obenan, im Geiste der Bergpredigt." Ansonsten gelten traditionelle Tugenden wie Treue und Gehorsam, Fleiß und Familiensinn: Ehescheidungen, Rebellion oder gar vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr haben in diesem strengen Bezugssystem keine Berechtigung. "Man muss auch lehren, wie die Kinder ohne Zorn gestraft werden und man unter keinen Umständen schwören darf." Weshalb traditionelle Mennoniten zwar dem Staate untertänig sein sollen, aber in der Regel keine Beamten sein werden. Fundamental wirkt auch der Grundsatz, dass Frauen in den Brüdergemeinden kein Predigtamt innehaben dürfen - und auf "zivilisatorische Segnungen" wie Fernsehen und Internet verzichten die Mennoniten im Kalletal ohnehin - dabei durchaus vergleichbar mit ihren amerikanischen Glaubensbrüdern etwa bei den "Amish People". Frauen in Jeans? Unmöglich. Freizeit am Strand? Ein Unding, denn das Tragen von Badekleidung könnte der Augenweide dienen und damit zur Sünde einladen. Auch vor Rockmusik und freizügiger Mode werden die Jugendlichen energisch geschützt - dass zu den rund 300 erwachsenen Gläubigen der in Hohenhausen residierendenGemeinde immerhin 100 Jugendliche und viele, viele Kinder in Gruppen organisiert sind, zeigt immerhin, dass auch dieser Lebensstil junge Menschen nicht unbedingt abschrecken muss. "Wir lehren die Jugend, was erbaulich ist und was kaputt macht", erläutert Esau dazu in beeindruckender Schlichtheit. Nahezu ausschließlich stammen die Angehörigen der Kalletaler Gemeinde aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, haben überwiegend noch persönliche Erfahrungen mit staatlicher Repression auf Gläubige gemacht und müssen jetzt in der westlich-freiheitlichen Gesellschaft ganz neue Erfahrungen mit den Gefahren machen, die auf ein derart rigoroses Glaubensverständnis einwirken können. Der Familie kommt dabei eine zentrale Rolle in der Abwehr der Verweltlichung zu: Man achtet auf feste Strukturen - Strukturen, die dazu führen, dass auch schwerkranke Eltern oder Großeltern nicht in ein Altersheim kommen, sondern in der Familie betreut werden. Mit einer eigenen Bibelschule sorgt die Gemeinde für geistlichen Leitungsnachwuchs auch über den eigenen Rahmen hinaus - und lässt sich auch dabei von dem Gedanken tragen: "Ein Schiff gehört in das Wasser, nicht aber das Wasser in das Schiff. " Auch wer sich von den Zuhörern den Vorstellungen der traditionellen Mennoniten nicht anschließen mochte - am Ende überwog wohl der Respekt vor einer Gemeinde, die ihren Angehörigen aller liberalen Beliebigkeit zum Trotz Heimat und Orientierung zugleich sein will. Hinweis: Fortgesetzt wird die Veranstaltungsreihe "Confessio" in der Freikirche am Blumenwall am 25. Januar um 20 Uhr mit einer Präsentation der Rintelner "Jesus!"-Gemeinde durch Bernhard Koch.

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