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Vaterländische Zeitungsreime zu Beginn des Ersten Weltkriegs

„Kein Federlesen mehr gemacht, jetzt wollen wir sie dreschen!“

Wir sind bereit

veröffentlicht am 15.11.2014 um 00:00 Uhr

Autor:

Zum Kampf und Streit,

Der uns ward aufgezwungen.

Mit Gott voran

Wer kämpfen kann, Vorwärts! Ihr deutschen Jungen!

Diese Zeilen reimte kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges Hermann Schütte aus Steinbergen. Der als „Korl vom Barge (Karl vom Berge) bekannte Heimatdichter war nicht der einzige, der – überwältigt von der Größe des Augenblicks – zur Feder griff und seine überschwappende Begeisterung auf Papier bannte. Landes-Zeitung und Schaumburger Zeitung druckten allein während der ersten vier Kriegsmonate 1914 an die 50 von Siegeszuversicht und Stolz getragene Leserzuschriften ab.

Die meisten Verfasser mochten sich nicht mit schlichten Schriftsätzen begnügen, sondern brachten ihre hehren Gedanken und Empfindungen in Versform dar. Über die dichterische Qualität der vor hundert Jahren abgefassten Abhandlungen darf man streiten. Vieles mutet aus heutiger Sicht unwirklich und/oder lächerlich an. Andererseits geben manche Reime die damalige Stimmungslage im Lande besser und eindringlicher wieder als wissenschaftlichen Abhandlungen.

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Neben Erfolgsmeldungen tauchten immer häufiger „Verlustmeldungen“ auf (hier die SZ-Titelseite vom 2. Oktober 1914). gp (3)

Das Gros der Dichter waren Lehrer. Offenbar war die Pädagogenzunft für Kaiser-, Fürst- und Vaterlandskult besonders anfällig. Nicht umsonst meldeten sich nach Bekanntwerden der Mobilmachung überdurchschnittlich viele Lehramtsinhaber und -anwärter als Kriegsfreiwillige – am Bückeburger Gymnasium Adolfinum beispielsweise mehr als die Hälfte. Neben Direktor Heeren eilten noch sechs weitere Mitglieder des 15-köpfigen Kollegiums an die Front. Dass aus dem vermeintlichen Kurzabenteuer ein vier Jahre andauerndes Gemetzel mit mehr als 17 Millionen Toten werden würde, konnte sich damals in Europa kein Mensch vorstellen.

Wer zu alt zum Kämpfen war oder nicht sofort einberufen wurde, griff zur Feder. Fleißigster Poet im Kreis Rinteln war Karl Julius Carlowitz. Der emsige Heimatfreund aus Welsede bei Hessisch Oldendorf lieferte alle paar Wochen ein neues Werk in der SZ-Redaktion ab. Seine uneingeschränkte Verehrung galt Wilhelm II. Das klang so:

Der Kaiser! Du schönstes deutscher Worte,

Du väterliches Wort, dem wir uns ganz ergeben

Auf treuer Ehrfurcht Wegen;

Denn du bist immer deutsch wie unser Blut und Leben,

Und deutsch zu sein, ist Sonne dir und Segen An jedem deutschen Orte!

Übertroffen wurde Karl Julius Carlowitz mengenmäßig nur von Adolf Holst. Der 57-jährige Bückeburger war ein weit über die Residenz hinaus bekannter Mann und galt als bedeutender Pädagoge und Schriftsteller. 1901 war er vom Hof als Privatlehrer des fürstlichen Nachwuchses engagiert worden. Besonders stolz war er auf die aktive Kriegsteilnahme seiner Ex-Schösslinge. Neben dem amtieren Fürsten Adolf waren auch dessen Brüder Prinz Heinrich und Prinz Stephan zu den Fahnen geeilt.

Hier ein Auszug aus dem am 10. August 1814 in der LZ abgedruckten Holst-Gedicht „Kaisers Erntelied“:

Soweit die deutsche Salve kracht Und deutsche Reiter preschen,

Kein Federlesen mehr gemacht Jetzt wollen wir sie dreschen!

Ob Russenland, ob Frankenreich, England mit Krämertaschen,

Und Belgien auch, ist alles gleich, Ist alles ein Aufwaschen!

Die bis heute heftig diskutierte Frage, wer den Krieg angefangen hatte, stellte sich für unsere Ururgroßväter und Ururgroßmütter nicht. Ein namentlich nicht genannter Poet beschrieb die Verantwortlichkeiten so:

Wir haben ihn nicht gewollt, den Krieg,

Drum, Gott und Herr, verleih‘ uns den Sieg!

Doch nun der Feind bricht vom Zaun den Streit,

Mein Deutschland auf! Und zeig dich bereit! Und zeig dich würdig der hehren Ahnen

Die nun zu großer Tat dich gemahnen.

Es schaut auf dich nieder vom Himmelszelt,

Wer je gestritten vom Rhein bis zum Belt.

Eine heiter-kernige Note brachte der 75-jährige Eilser Kurarzt Dr. Rudolf Bensen mit seinem am 15. August in der LZ abgedruckten Gedicht „Use Neddersassen“ (Unsere Niedersachsen) in die ansonsten höchst pathetisch-heroische Betrachtungs- und Ausdrucksweise ein.

Sau’n strammen Neddersassen De steiht stets sinenMann,

Bi’n Wirken unbi’n Schaffen Da süht man, wat hei kann,

Doch wenn de Kaiser röppt: „Na Jungs koomt alle her!“

Denn lett hei Hus un Arbeit

Ungrippt na den Gewehr.

Hei fürcht’ sik nich vör’n Düwel,

Hei wahrt sin ruhig Blaud.

Un wenn dat Scheiten losgeiht,

Zielt hei undrüppt ok gaud.

Wenn hei denn sine Kugeln Tauleßt verschaten het,

Denn ketelt hei den Franzmann

Medsinen Bangenett.

Med Hurrah geiht ’t tau’n Sturme,

Nu vörwarts Mann für Mann! Taurügge Jungens giwwt ’t nich,

Fix, Jungens, fix vöran! Unsöölt wie med den Kolben

Up die Franzosen schlahn, Eh’ nich dat Feeld is use,

Eh’ bliewet wie nichstahn! Un dräpptohnsülwst die Kugel,

Henflütt sin Blaudsaurod, Swart wird ’t öhnvür den Ogen,

Hei feuhlt, datis de Dod.

Med sinen leßten Aten Reckt hei noch eis die Hand:

„Hoch leweuse Kaiser! Godd schütz us’ Heimatland!“

Ein Vierteljahr nach Kriegsbeginn begannen Gemüts- und Tonlage, sich zu ändern. Der Jubel wurde leiser. Die deutschen Truppen waren, anders als in den Zeitungen dargestellt, auf heftigen Widerstand gestoßen. Die Idee, im Falle eines Zweifrontenkrieges durch einen überfallartigen Erstschlag zunächst Frankreich auszuschalten, um so den Rücken für den Osteinsatz frei zu haben („Schlieffen-Plan“), hatte nicht funktioniert. Die Propaganda konnte das grausame Frontgeschehen nicht länger ausblenden. In den Heimatbriefen der Soldaten war vom qualvollen Leiden und Sterben in den Schützengräben die Rede. Erste Sorgen und Zweifel kamen auf. Die euphorische Stimmung begann zu kippen.

Selbst Julius Carlowitz schlug nachdenkliche Töne an. Am 21. November bekamen die SZ-Leser das folgende Gedicht zu lesen.

Ein Lied der Zeit.

Trübe Zeit, heimliches Trauerlied der Welt -,

Kühle Schauer lösen die letzten Blätter vom Baum.

Herzen, horcht auf, das Leben ist kein Traum;

Tränen wissen, was die Trauer nicht erhellt.

Ob Sie im Kissen der holden Ruhe verrinnen, Ob sie am harten Boden der Mühe zerschellen,

Sie wollen dem schweren Herzen entrinnen,

Stillen seine ruhelosen Wellen.

In grauen Schleiern geistert die Zeit, Stürme lodern ein Lied vom Sterben

Aus den dürren Blättern, den feinen Scherben,

Schweigt unser Leid? Keine Stürme können es übertönen

Das bittere Sterben von Deutschlands Söhnen!

Feldpostkarten mit Motiven vom angenehmen Soldatenleben (hier in Brüssel) kamen während des Ersten Weltkriegs in Umlauf.



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