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Ronald Zelewski und sein Sohn David (11) leben an der Armutsgrenze

Kein Computer, kein neues Shirt: "Für Kinder ist Armut brutal"

Landkreis. Im Kinderzimmer liegt Spielzeug kreuz und quer auf dem Boden, zwei Meerschweinchen quieken leise in ihren Käfigen, der elfjährige David hat Besuch und hört mit einem Freund laute Musik. Es könnte ein ganz normaler Haushalt sein. Wäre da nicht der abgewetzte Teppichboden mit den vielen Flecken, die alte Fleece-Decke über den dünnen Stellen auf dem Sofa, die Schlafcouch für den Vater neben dem Kinderbett des Jungen. Es fehlt am Platz, es fehlt an allem. David und sein Vater sind arm.

veröffentlicht am 27.10.2006 um 00:00 Uhr

Autor:

Christiane Riewerts

"Dabei hab' ich früher gut verdient", erzählt Davids Vater, Ronald Zelewski. Krankenpfleger hat er damals nach dem Hauptschulabschluss gelernt, später hat er als Wachmann gearbeitet. Dass er einmal von Sozialleistungen leben würde, war für ihn damals undenkbar: "Ich hab' immer gedacht, so weit kannst Du gar nicht sinken." Dann der herbe Schicksalsschlag, als Davids Mutter vor dreieinhalb Jahren starb. Über Nacht war Zelewski allein erziehender Vater, genauso schnell war er seinen Job los. Nachtschicht, das ging nicht mit einem kleinen Kind zu Hause. "Und dann sind Sie drinne." Ruhig, bedächtig, mit gewählten Worten spricht Zelewski von seiner Situation, die er offen und ohne falsche Scham thematisiert. "Mir ist meine Armut sehr, sehr bewusst." Mit Witwerrente, Halbwaisenrente, Kindergeld und Hartz IV muss der 46-Jährige sparsam wirtschaften, um über die Runden zu kommen. 30 bis 35 Euro bleiben Vater und Sohn in der Woche zum Leben - für Lebensmittel, Schulsachen, Klamotten. Je 1,50 Euro von dem Budget gehen ab für die beiden Besuche der Rintelner Tafel in jeder Woche. "Das hilft ein ganz schönes Stück weiter", ist Zelewski für das DRK-Angebot dankbar. Nicht nur bei der Tafel bemüht sich Zelewski um soziale Kontakte. In der Alleinerziehenden-Gruppe der Diakonie ist er Ansprechpartner, beim Ultimo-Frühstück der reformierten Gemeinde trifft er gerne Menschen. Gerade erst an diesem Mittwoch war er wieder da. "Und ich hab' es so genossen, mal mit anderen Leuten zu reden." Denn die Vereinsamung ist ein besonders bitterer Aspekt der Armut. Zelewski berichtet von früheren Freunden, die sich abgewandt haben. Da spielt auch das soziale Stigma eine Rolle, der Begriff "Unterschicht" tut weh. "Trotzdem muss man sich zu seiner Armut bekennen", sagt Zelewski und erzählt von seinem ersten Tag in der Tafel. Von den Befürchtungen, dass Bekannte einen erkennen, von den Tränen, die geflossen sind. "Man merkt, dass man am untersten Level angekommen ist", sagt Zelewski. "Aber immerhin: Wir haben eine Wohnung, David geht zur Schule, wir können leben." Doch selbst den kleinsten Luxus können sich Ronald und David Zelewski nicht leisten. "Kino oder mal eine Tasse Kaffee, das ist nicht drin." Und wenn er durch die Stadt geht, wendet Zelewski den Blick von den Auslagen der Geschäfte ab. "Ich kann es mir ja doch nicht leisten, das tut nur weh." Auch für Neuanschaffungen ist kein Geld (dabei wäre ein Ersatz für die betagte Schlafcouch so nötig) und für Klamotten schon gar nicht. Alte Turnschuhe trägt Zelewski, eine zerbeulte Jeans, ein Sweatshirt mit verblasster Nike-Aufschrift. Er selber könne damit ja umgehen, sagt er, für seinen Sohn aber tut es ihm in der Seele weh. "Für Kinder ist Armut brutal." Keine Markenklamotten, kein neuer Game Cube, kein Computer - und die Meerschweinchen sind auch nur von Bekannten. Was für seine Klassenkameraden Alltag ist, bleibt für David unerreichbar. "Von Armutskindern wird sehr viel verlangt, sie werden viel schneller erwachsen." Dabei tut er alles für seinen Sohn. Jeden Cent, den er erübrigen kann, bekommt David. 15 Euro Messegeld hat der Vater seinem Sohn versprochen. Und wann immer es gerade drin sitzt, bekommt David seine geliebten "Dinos", kleine Puten-Schnitzelchen, von denen acht Stück 1,99 Euro kosten. Viel Geld. Hat Zelewski dennüberhaupt noch die Hoffnung, aus dieser Situation jemals wieder herauszukommen? "Ja", sagt er, nickt. "Sonst würde ich vieles nicht machen." Über einen Mini-Job hofft er, irgendwann wieder ins normale Alltagsleben einzusteigen. Und bis dahin hält er sich an ein Geschenk von seiner Mutter, das im kleinen Flur hängt. Ein Täfelchen mit einem bekannten, ganz schlichten Spruch, der für Ronald Zelewski so viel Wahrheit enthält. "Immer wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her."

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