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Agrarexperte Willi Bommert zeigt auf, weshalb die Preise für Lebensmittel in Zukunft extrem steigen werden

Kein Brot für die Welt – Kommt der Hunger auch zu uns?

Hameln (kv). Müssen wir Angst davor haben, dass in absehbarer Zukunft die Lebensmittel auch bei uns knapp werden? Samstags, beim Einkauf im Supermarkt auf der grünen Wiese, können wir uns das nicht vorstellen, aber Wesionär Peter Bergengrün stellt bei Wesio das aktuelle Buch des Agrarexperten Willi Bommert vor. Es hat den Titel „Kein Brot für die Welt“ und ist vollgespickt mit beunruhigenden Fakten aus der Dritten Welt aber eben auch von fatalen Entwicklungen in unserer Heimat. „Der Klimawandel“, sagt er in einem Interview im Deutschland Radio Kultur, „ist nur das, was oben drauf kommt. Die Krise hat schon viel früher begonnen.“

veröffentlicht am 09.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 10:41 Uhr

Wassererosion wie hier bei Hilligsfeld und der Wind zehren an de

„Vom Schlaraffenland mit Siebenmeilenstiefeln in die Ernährungskrise“, so beginnt Wesionär Bergengrün seine Erläuterungen. „Das Jahr 2008 hat uns einen Vorgeschmack darauf gegeben, was auf uns zukommen wird: Der Getreidepreis in Deutschland stieg innerhalb weniger Monate um 120 Prozent, gleiches galt für Mais und Soja. Der Weltmarkt für Reis brauchte 2008 gerade mal drei Monate, um sich zu verdoppeln. Die Silos waren leer gegessen. Exportländer wie Thailand und Vietnam behielten die gesamte Ernte für sich. In Kairo wurden Textilarbeiter, die mit ihren Löhnen das Essen für ihre Familien nicht mehr bezahlen konnten, von der Polizei in ihre Fabriken zurückgeprügelt, weil die Regierung ein Übergreifen der Hungerrevolte auf ganz Kairo im Keim ersticken wollte.

Welche Fakten führten aber zu den gestiegenen Nahrungsmittelpreisen, was kann sich ändern? Dieser Frage versucht Bommert zu beantworten.

Seitdem der republikanische Präsident der USA, George W. Bush, den nordamerikanischen Ackerboden als Waffe gegen die Energieabhängigkeit von den Arabern einsetzte, würden über 20 Prozent der US-Maisernte für die Ethanolherstellung verbraucht. Tendenz steigend. Auch in Deutschland, wo es bei der Biodieselproduktion Rückschläge gegeben habe, sei man in die Ethanolproduktion eingestiegen. Bommert wörtlich: „100 Kilo Getreide reichen aus, um 100 Brote zu backen oder um 40 Liter Biosprit zu destillieren, das ist die Gleichung, die die Gefühle anheizt.“

Zersiedelter Acker bei Afferde

Die chemische Industrie ist ebenfalls auf der Suche nach Erdölersatzstoffen. „Bioraffinerie“ ist hier ein Zauberwort. Chemiefabriken der Zukunft sollen mit Pflanzenrohstoffen wie Getreide, Stroh oder Holz unterschiedliche Produkte herstellen.

Laut Wikipedia verzehren wir in Deutschland pro Kopf 84 Kilo Fleisch. „Die FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) rechnet weltweit bis 2030 mit einer Steigerung von derzeit 25 auf 45 Kilo pro Kopf und Jahr weltweit. Für diese Fleischmengen müssten die Rinderherden um 390 Millionen Tiere, die Schaf- und Ziegenherden um 560 Millionen und die Schweineställe um 190 Millionen Tiere aufgestockt werden“, erläutert Bommert. Die Fischmast müsste verdoppelt werden. Bis 2030 wird die Fleischproduktion zusätzlich eine Milliarde Tonnen Getreide verschlingen. Wo aber soll das angebaut werden?

Allein in Deutschland verschwinden 120 Hektar fruchtbaren Ackerlandes unter Beton – täglich! Wie man bei Wesio.de lernen kann, meint dazu Prof. Onno Poppinga, dass der deutsche Wald eine gute Lobby hat. Unter den Jägern gibt es viele einflussreiche Persönlichkeiten. Der Ackerboden benötigt dringend eine ebenso starke Lobby. „Es muss Schluss sein mit Umgehungsstraßen, Flughäfen und Reihenhaussiedlungen“, so Poppinga bei Wesio. Die wachsende Weltbevölkerung wird in den nächsten 20 Jahren allein fürs Wohnen und Arbeiten 100 Millionen Hektar Ackerland zupflastern.

Die FAO setzt ein Großteil ihrer Hoffnung auf künstliche Bewässerung. Die aber ist ein weiterer Faktor, der fruchtbaren Ackerboden vernichtet. Die Versalzung durch Bewässerung ist schon heute ein großes Problem. Der Klimawandel aber hat gerade erst begonnen. Er wird die Bodennachfrage erheblich stärken.

In den 80er-Jahren hat die EU-Agrarpolitik begonnen, die Sahelzone unfruchtbar zu machen. Der Rindfleischberg, den die industrialisierte Landwirtschaft in Europa produziert hatte, wurde hoch subventioniert in Richtung Afrika abgebaut. Laut Bommert kostete das Fleisch in den westafrikanischen Städten statt 7,30 DM nur etwa 3,30 DM je Kilo. Über Nacht verloren die Viehherden der Nomaden und Bauern die Hälfte ihres Wertes. Also schlachteten sie das Vieh nicht und warteten auf bessere Preise. Die Zahl der Rinder wuchs wie nie zuvor. Die dünne Vegetation wurde restlos abgeweidet. Geringe Niederschläge verwandelten die Sahelzone in unfruchtbare Wüste. Ein Viertel der Landoberfläche der Erde hat vergleichbare Boden- und Klimabedingungen wie die Sahelzone. Ein gigantischer Verlust an Ackerfläche! 135 Millionen Menschen leben in diesem Klimagürtel.

In letzter Zeit hat der Export der „Abfälle“ aus deutschen und europäischen Geflügelkonzernen zu Schleuderpreisen nach Afrika allein in Kamerun 110 000 Arbeitsplätze in der heimischen bäuerlichen Geflügelproduktion vernichtet. Früher kauften die Kameruner auf den städtischen Märkten frisches Hühnerfleisch vom Bauern „um die Ecke“, heute billigste Hähnchenflügel aus ,Vechta’. Die Existenz von 675 Millionen bäuerlichen Viehzüchtern weltweit sind laut FAO durch Industriefleisch bedroht!

Auch in Europa und den USA ist die industrialisierte Landwirtschaft mit Artenarmut, Massentierhaltung und Gentechnik nicht die Lösung, sondern maßgeblicher Teil des Problems.

Landmaschinen, Kunstdünger und Schädlingsbekämpfungsmittel verschlingen Energie. Sobald die Wirtschaftskrise vorbei ist, werden die Energiepreise und die Lebensmittelpreise steigen.

Bommerts Buch ist ein faktenreiches Plädoyer für die bäuerliche Landwirtschaft. Seiner Meinung nach kann sie die Landbevölkerung der Dritten Welt und der Schwellenländer von der Landflucht abhalten und der Verstädterung entgegenwirken. Nach dem Bevölkerungsbericht der UNO wird die städtische Bevölkerung von 3,3 Milliarden in 2008 auf fünf Milliarden in 2030 anwachsen. Slums werden zwei Milliarden Menschen „beherbergen“. Ein Viertel davon junge Männer. „500 Millionen männliche Jugendliche ohne Arbeit und Perspektive, konfrontiert mit steigenden Lebensmittelpreisen, das bedeutet eine große Gefahr für den Weltfrieden, Nachwuchs für die Terrorbrigaden.“ Mehr dazu lesen Sie bei



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