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Ist das Jühnder Erfolgsmodell auf die Bergstadt anwendbar? Durchaus, sagt der Grünen-Kandidat

Kann Obernkirchen von der Bioenergie leben?

Jühnde/Obernkirchen. Ein paar Bauernhöfe, ein kleiner Laden, ein Arzt: Nichts unterschied das 760-Seelen-Dorf Jühnde im südlichen Landkreis Göttingen bis vor wenigen Jahren von anderen ländlichen Siedlungen. Das hat sich geändert: Jühnde ist das erste Bioenergiedorf in Deutschland. Seit dem letzten Herbst bezieht der überwiegende Teil der 200 Haushalte den Wärme- und Strombedarf aus nachwachsenden Rohstoffen der umliegenden Äcker. Ob das Jühnder Projekt für Obernkirchen übertragbar sei, wollte Thomas Stübke wissen - und besuchte mit Vertretern der Schaumburger Grünen das Dorf, das als Vorreiter moderner Energieversorgung gilt.

veröffentlicht am 28.07.2006 um 00:00 Uhr

In Jühnde freut man sich über Neubürger, die dort hinziehen, wei

Autor:

Frank Westermann

Direkt zu importieren gebe es nichts, zog Stübke ein erstes Fazit. Soll heißen: Jühnde sei ein Dorf, Obernkirchen dagegen eine Stadt - ohne Untersuchungen und ein ausgefeiltes Konzept sei es "eher unwahrscheinlich", dass die Bergstadt ihre Versorgung auf nachwachsenden Rohstoff umstelle. Immerhin habe es auch inJühnde vier Jahre gedauert, bis endlich der Startschuss gefallen sei. Aber, so Stübke, "wir könnten heute anfangen, diesen Weg zu beschreiten." So sei natürlich eine der wichtigsten Fragen, an welcher Stelle denn ein Hackschnitzel-Heizwerk oder eine Biogasanlage wie in Jühnde gebaut werden könnte. Stübke verweist auf die Harden Barracks: Dort, in den still vor sich hin verfallenen Ruinen, wäre auf jeden Fall viel Platz: "Wir müssen erst prüfen, was überhaupt umsetzbar ist." Einen ersten Schritt in diese Richtung hat Stübke bereits getan: Mit anderen Bürgern der Stadt gehört er einer Gruppe an, die sich im Namen der Stadt Obernkirchen am Ideenwettbewerb "Energieregion Weserbergland" beteiligen. Beworben hat sich die Gruppe mit einem Konzept, das die Versorgung des Freibades, die umgebenden Wohnbebauung und die Firma Heye mit Energie untersucht. Ziel ist dabei ein möglichst hoher Einsatz von Regenerativer Energie, bei einer optimalen Nutzung der vorhandenen Prozesswärme soll eine weitgehend autarke Energieversorgung sichergestellt werden. Gut vorstellen kann sich Stübke auch, dass die beiden bereits vorhandenen Biogasanlagen in Vehlen und Gelldorf in ein Biostadt-Konzept mit eingearbeitet werden könnten - damit die dort erzeugte Wärme effektiver genutzt werden könne. Auch in Jühnde spielt die Biogasanlage eine wichtige Rolle: Sie wird mit Gülle und Mistaus den Jühnder Viehställen, vorwiegend aber mit silierten Grünpflanzen von den heimischen Äckern betrieben. In der Anlage zersetzen Bakterien die organischen Stoffe zu Methan. Dieses Gas wird anschließend im benachbarten Blockheizkraftwerk verbrannt. Die Wärme kommt in den Pufferspeicher derBioenergieanlage. Der zugleich produzierte Strom kommt in das allgemeine Netz. Mit diesem Erlös könne der Betrieb der Anlage finanziert werden, teilte Klaus Hassenzahl dem Grünen-Kandidaten bei dessen Besuch mit. Hassenzahl ist mittlerweile in Jühnde für den Tourismus zuständig: Jeden Tag kommen Leute, die sich das Bioenergiedorf anschauen wollen. Im Gespräch mit den Bürgern, so Stübke, stelle sich ganz schnell heraus, dass alle zufrieden seien: Im letzten, harten Winter habe die Umstellung der Heizungen bestens geklappt, außerdem werde gegenüber dem Erdöl gespart. Stübke sah am Ende seines Besuches durchaus -langfristige - Chancen für einen Transfer des Modells nach Obernkirchen: Aber man müsse zuerst die Bevölkerung von der Idee begeistern und auf dem Weg zur Eigenversorgung mit Energie intensiv mitnehmen, dann viel Zeit und Kraft investieren, damit man in kleinen , transparenten, aber erkennbaren Schritten vorwärts gehen könne, um die Energieautarkie möglich zu machen, denn man habe ja in Obernkirchen ein vorhandenes Potential an Ideen und handwerklichen Geschick, das benötigt und eingebunden werden könne, ehe günstige und verbindliche Wärmekosten für Heizung und Warmwasser möglich seien. Und: "Wir sollten eine Energiegenossenschaft gründen und brauchen einen allseits akzeptieren Motor für eine Zielerreichung." In Südniedersachsen wollen dem Jühnder Beispiel viele Dörfer folgen. Allein im Kreis Göttingen, so meldete die "Welt" , hätten mehr als 30 Orte ihr Interesse angemeldet, ebenfalls Energiedorf zu werden. Dort wird auch August Brandenburg zitiert. Der Bürgermeister verweist dabei auf einen Nebeneffekt, der auch in Obernkirchen gerne mitgenommen werden würde: Es gib bereits Neubürger, die in Jühnde gebaut haben, weil es Bioenergiedorf ist.

Thomas Stübke
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