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Kann eine gute Mutter Karriere machen?

Erfolgreiche Unternehmerinnen, kluge Wissenschaftlerinnen und Verantwortung tragende Politikerinnen sind zu einer Selbstverständlichkeit in Deutschland geworden. Das war nicht immer so, wie auch die Frauen des Weserberglandes wissen. Elisabeth Beerbom-Schönig meint sogar, dass die alten Strukturen immer noch erkennbar seien und der Prozess noch lange nicht abgeschlossen sei.

veröffentlicht am 07.03.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 09.03.2010 um 16:02 Uhr

Autor:

Matthias Rohde

Erfolgreiche Unternehmerinnen, kluge Wissenschaftlerinnen und Verantwortung tragende Politikerinnen sind zu einer Selbstverständlichkeit in Deutschland geworden. Das war nicht immer so, wie auch die Frauen des Weserberglandes wissen. Elisabeth Beerbom-Schönig meint sogar, dass die alten Strukturen immer noch erkennbar seien und der Prozess noch lange nicht abgeschlossen sei. Die stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Hamelner Frauenverbände fügt hinzu: „Vor allem der Wiedereinstieg ins Berufsleben nach der Elternzeit ist für Frauen nach wie vor mit großen Hindernissen verbunden.“ Und die zweite Vorsitzende des Hamelner Landfrauenvereins, Monika Redeker, geht noch einen Schritt weiter. Sie betont, die Arbeitswelt sei weiterhin eine Männerwelt. Die Sprecherin der Grünen im Niedersächsischen Landtag, Elke Twesten, fordert, die Rahmenbedingungen für Frauen weiter zu verbessern. „Das gilt vor allem für die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern. Flexible Arbeitszeitmodelle, ausreichend Kinderbetreuungsplätze und ein umfassendes, qualitativ hochwertiges Ganztagsschulangebot sind elementare Grundvoraussetzungen für die Beschäftigung von Frauen.“

Ingryt Paterok, Mitbegründerin des Arbeitskreises Unternehmerinnen im Arbeitgeberverband der Unternehmen im Weserbergland (AdU), stellt fest: „Noch immer gibt es in der Arbeitswelt Frauen gegenüber Vorbehalte.“ Diese führten in der Folge vor allem zu einer ungleichen Entlohnung. Die Unternehmensberaterin kennt durch ihren Beruf eine ganze Reihe solcher Fällen, aber auch in ihrem privaten Freundeskreis gebe es Beispiele. „Eine befreundete Tischlerin kann oftmals für die gleiche Arbeit nicht den gleichen Preis verlangen wie ihr männlicher Kollege, der ebenfalls ein guter Freund von mir ist“, sagt Paternok und erklärt: „Viele Kunden gehen davon aus, dass weibliche Handwerker körperlich im

Nachteil sind.“ So entste-

he für die Frauen ein

Nachteil bei der

Entlohnung.

Zum Welt frauentag kommt da der Vorstoß der EU-Justizkommissarin Viviane Reding, die Unternehmen nötigenfalls mit Strafgeldern dazu bringen will, Frauen und Männer gleich zu entlohnen. Laut Statistischem Bundesamt verdienen Frauen in Deutschland rund 23 Prozent weniger als Männer. Ursächlich für diesen Unterschied sei in erster Linie, dass überwiegend Frauen schlechter bezahlte Jobs annähmen. Nach früheren Angaben der Statistiker lag das durchschnittliche Bruttogehalt von Frauen 2008 bei 14,51 Euro pro Stunde, bei Männern bei 18,90 Euro. Als fatal beurteilen Experten, dass angesichts der schlechteren Karrieremöglichkeiten gut ausgebildete Frauen dem Arbeitsmarkt verloren gingen und damit Wirtschaftskraft auf der Strecke bleibe.

Für Katharina Haacke, Mitbegründerin der Frauenorganisation Ladies circle Weserbergland, steht fest, dass in die Bildung investiert werde muss. „Für viele Frauen ist es immer noch ein Problem, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen.“ Die Kinderbetreuung sei noch nicht ausreichend ausgestaltet. Gezielte Investitionen in die Bildung und den beruflichen Wiedereinstieg von Frauen kämen nicht nur den Frauen selbst, sondern der ganzen Familie zugute. Beerbom-Schönig stimmt zu: „Geht es der Frau gut, geht es auch den Kindern gut.“ Und Unternehmensberaterin Paterok befürchtet: „Angesicht der allgemeinen Wirtschaftslage und der damit einhergehenden Arbeitslosigkeit werden Frauen wieder verstärkt aus dem Berufsleben verdrängt.“ Ihrer Einschätzung zufolge liegt das auch an dem traditionellen Frauenbild: „Etwas Gutes zu tun, Nächstenliebe, soziales Engagement – das sind Werte, die vornehmlich Frauen zugeschrieben werden.“ In der Tat sind die meisten sozialen Verbände und Vereine von ehrenamtlich tätigen Frauen geprägt. Allein bei den heimischen Ortsvereinen des Deutschen Roten Kreuzes liegt der Anteil der weiblichen Aktiven teilweise bei über 90 Prozent. „Bei uns sind ohnehin nur weibliche Mitglieder zugelassen“, sagt Landfrau Redeker, fügt aber an, dass bei den zahlreichen Angeboten des Landfrauenvereins Männer gern gesehene Gäste seien. Paterok beobachtet darüber hinaus, dass in dörflichen Strukturen junge Frauen immer seltener einen Karrierewunsch hegen und stattdessen dem tradierten Familienbild zustreben.

Dennoch wird die Liste der Karriere machende Frauen stetig länger. Doch auch wenn zum Beispiel in Hameln Stadtverwaltung, Stadtwerke, Arbeitsagentur, Finanzamt und Müllabfuhr von Frauen geleitet werden: Von einem Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern in leitenden Positionen sei auch diese Region weit entfernt, heißt es bei den Expertinnen. So hat Hameln zwar eine Oberbürgermeisterin, aber unter den fünf Fachbereichsleitern der Stadtverwaltung findet sich keine Frau. Selbst auf Abteilungsleiterebene sind von 30 Stellen nur 9 mit Frauen besetzt. Immerhin hat den Personalratsvorsitz im Rathaus eine Frau . Und die Gleichstellungsbeauftragte ist auch weiblich.

Bei der Elisabeth-Selbert-Schule des Landkreises Hameln-Pyrmont – eine der wenigen Lehreinrichtungen, die nach einer Frau benannt wurde – ergibt sich ein anderes Bild. Aber es handelt sich ja auch um die frühere „Frauenfachschule“ für die frauentypischen Berufe aus dem Hauswirtschafts- und Sozialbereich. Dort finden sich heute in der fünf Köpfe umfassenden Schulleitung vier Frauen, die sechs Abteilungsleiter- und Koordinatorenposten sind zur Hälfte mit Männern und Frauen besetzt.

Für Beerbom-Schönig ist noch ein weiterer Aspekt interessant: „Für viele Frauen ist die Frage, wie sie sich selbst in der Öffentlichkeit darstellen ein heikles Thema.“ Denn die Frage, ob eine Frau, die Karriere macht, gleichsam eine gute Mutter sein kann, oder andersherum, eine gute Mutter überhaupt Karriere machen darf, spiele bei den Überlegungen der Frauen vielfach eine wichtige Rolle.

Während Männer von Natur aus Selbstdarsteller seien und sich und ihre Tätigkeiten gut „verkaufen“ könnten, versuchten Frauen eher den Spagat zwischen Beruf und Familie in aller Bescheidenheit hinzubekommen.

Für viele Frauen sind die klassischen Frauenthemen unentflechtbar mit Familienthemen verbunden. So erklärt sich auch der Anspruch der ehrenamtlichen Vereinsmitglieder, ein umfassendes Kulturangebot vorzuhalten. Redeker: „Wir machen unseren Mitgliedern Reiseangebote, laden Referen-

ten ein, die über politische Fragen, die Gesundheit betreffende oder sportliche Themen berichten, erkunden gemeinsam die Heimat und vieles mehr.“ Als gesellschaftlichen Verein bezeichnet Redeker den Landfrauenverein und stimmt den Aussagen anderer engagierter Frauen zu: „Frauen müssen heutzutage 150 Prozent Einsatz zeigen, um mit Männern mithalten zu können.“

Zum Internationalen Frauentag sammelt Unicef Spenden für Bildungsprogramme, die sich an Frauen in Afghanistan richten. Die EU-Kommission will in Europa unter Androhung von Strafen gleiche Löhne für Männer und Frauen durchsetzen. Und im Weserbergland? Frauen aus der Region schildern ihre Eindrücke zur Situation der hiesigen Frauen.



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