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Festung Rinteln: der Bau, das unrühmliche Ende und was von ihr übrig blieb

Kampflos übergeben

Baumeister und Ingenieur der Rintelner Festung wurde Johannes Rotarius (1619- 1676), ein Artillerieoffizier im Hauptmannsrang, der Anfang Juni 1665 mit 350 Soldaten in Rinteln eintraf und sofort mit der Organisation der Bauarbeiten begann. Fast gleichzeitig landeten Werkzeuge und Arbeitsgeräte per Schiff aus Kassel in der Weserstadt an: 450 Schiebkarren, 300 Schaufeln, 120 Plattschaufeln, 120 Hacken, 100 Barten, 60 Äxte, zwölf Handsägen und vieles andere mehr. Als Arbeitskräfte reklamierte die Landesherrschaft Burgfesten und Landfolgen; Adel und Stifte hatten ihre erbuntertänigen Bauern mit Hand und Spanndiensten bereitzustellen – ein problematisches Unterfangen angesichts der bevorstehenden Erntezeit. Als ständige Bewaffnung erhielt die Festung sechs Geschützbatterien mit jeweils vier Kanonen, zusätzlich vier große Zwölfpfündergeschütze und zwei sogenannte halbe Kartaunen, ebenfalls eine größere Geschützklasse.

veröffentlicht am 22.08.2015 um 00:00 Uhr

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Autor:

von Dr. Stefan Meyer

Zur Ausstattung der Festung gehörten neben der Hauptwache am Markt das Zeughaus (ein einfacher Fachwerkbau in der Wallgasse), zwei große Barackengebäude im Bereich des heutigen Rosengartens am Blumenwall, ein großes Provianthaus am Ende der Schulstraße sowie ab etwa 1760 ein Kommandanturgebäude auf dem Wesertor. Alle diese Bauten gibt es heute nicht mehr. Nur die „Esplanade“, die Exerzierstrecke der Truppe, ist noch heute an der Lindenallee im Blumenwall vorhanden.

Die Bauarbeiten an der Befestigungsanlage kamen im Wesentlichen 1678 zum Abschluss, jedoch zog die vergleichsweise einfache Bauweise in reinen Erdwerken durch Setzungen und Hangrutschungen auch in der Folge erhebliche Erhaltungs- und Folgekosten nach sich. Die Palisaden und hölzernen Brücken über die Gräben waren ebenso reparaturanfällig wie die Wallabschnitte an der Weser, die ständig der Abspülung ausgesetzt waren.

Rund 1000 Soldaten waren für eine effektive

Verteidigung notwendig

Über den eigentlichen Festungsalltag wissen wir relativ wenig. Der etwa 200 Mann starken Garnisonstruppe stand ein adliger Festungsgouverneur vor. Den eigentlichen militärischen Alltag regelten ein Kommandant und ein Platzmajor. Im Ernstfall konnte die Truppe durch Reservisten in Rinteln und der Grafschaft Schaumburg auf die doppelte Stärke aufgestockt werden. Für eine wirklich effektive Verteidigung wären allerdings rund 1000 Mann benötigt worden, eine Truppenstärke, die in der entlegenen hessischen Exklave ohne erhebliche Schwierigkeiten kaum zu bündeln war. Während des Siebenjährigen Krieges wurde Rinteln daher gleich zweimal, 1757 und 1759, von französischen Truppen kampflos besetzt. In beiden Fällen war das Rintelner Regiment anderweitig im Einsatz, eine Verteidigung daher aussichtslos.

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  • Einziges Überbleibsel der Festung Rinteln: die Lindenallee am Blumenwall, einstige Exerzierstrecke. tol

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts spielte Rinteln als Garnisons- und Festungsstadt nur noch eine bescheidene Rolle. Von hier aus rückten 1787 hessische Truppen zur überfallartigen Besetzung der benachbarten Grafschaft Schaumburg-Lippe aus, ein Ereignis, das im ganzen Reich für Aufsehen und Empörung sorgte. Nach einer erfolgreichen Intervention der schaumburg-lippischen Regentin Juliane beim Reichshofrat in Wien musste sich das Rintelner Regiment Loßberg wieder in seine Garnison zurückziehen.

Das Ende für die Rintelner Festungswerke kam 1806, als französische und holländische Truppen im Zuge der napoleonischen Eroberungen Norddeutschland besetzten. Rinteln wurde erneut kampflos übergeben. Zu diesem Zeitpunkt war das Schicksal der Rintelner Festung wie auch fast aller anderen Festungen im Nordwesten Deutschlands bereits besiegelt. Sie wurden auf Geheiß Napoleons in den folgenden Monaten weitestgehend zerstört. In Rinteln allein schaufelten zeitweise 2000 Mann bis in das folgende Frühjahr hinein, um die Wallanlagen möglichst unbrauchbar zu machen. Napoleons Truppenstärke ließ eine ständige Besetzung der vielen eroberten Befestigungsanlagen nicht zu, und so wollte er auf diese Weise vermeiden, dass sich in lokalen Erhebungen Widerstandsgruppen in solchen Verteidigungsanlagen festsetzen konnten.

Mit dem Ende der napoleonischen Herrschaft an der Oberweser im November 1813 begann die Restauration der politischen Verhältnisse. Kurfürst Wilhelm I., aus dem Exil zurückgekehrt, setzte in bemerkenswerter Konsequenz fast die gesamte Gesetzgebung wieder auf den Stand von 1806, auch der Festungsstatus Rintelns blieb ungeachtet der bereits geschleiften Wall- und Grabenanlagen erhalten. Von 1816 bis 1821 bestand auch wieder eine Garnison in der Stadt, an einen Wiederaufbau der Festung war allerdings nicht zu denken. Erst Wilhelms Sohn und Nachfolger, Kurfürst Wilhelm II., sollte es vorbehalten sein, nach seinem Regierungsantritt 1821 die Konsequenz aus den veränderten politischen und militärischen Verhältnissen zu ziehen und die Rintelner Garnison aufzulösen. Auch wenn der Festungsstatus offiziell weiter bestand: Die vormaligen Wallanlagen waren zu diesem Zeitpunkt bereits als Gartenland verpachtet. Im Nordwesten entstand mit dem „Blumenwall“ seit 1815 Schaumburgs erster Stadtpark.

Nur die Institution des Rintelner Festungskommandanten lebte noch Jahrzehnte fort, als Amt eines Befehlshabers ohne Truppe. Diesen Dienst mussten hohe Offiziere strafweise versehen, die am Hofe in Kassel missliebig geworden waren. Mit Uniform und Degen einsam in Rinteln boten sie ein hohn- und mitleiderregendes Beispiel biedermeierlicher Fürstenwillkür. Dieses Schauspiel endete erst 1866 mit der Annexion Hessens durch Preußen. Nun erst erlosch auch der offizielle Festungsstatus Rintelns. Die bisher lediglich in Pacht gegebenen Wall- und Grabenbereiche wurden an die hausbesitzende Bürgerschaft verteilt und ermöglichten die Entstehung eines Rings wilhelminischer Villenbauten rund um die enge Altstadt.

Zwischen ihrer Fertigstellung 1678 und ihrem Ende im Jahr 1806, als französische und holländische Truppen im Zuge der napoleonischen Eroberungen Norddeutschland besetzten, erlebte die Festung Rinteln unrühmliche Zeiten. Teil 2 unseres Berichts über das jahrhundertelang größte Bauwerk des Schaumburger Landes.



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