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Rintelner Universität gibt Ratschläge gegen die „Rohte Ruhr“

Kampf gegen den Blutgang

Der Krancke soll in acht nehmen, daß er meide feiste, süsse, gesaltzene und gewürtzte Speisen alß Hering, Speck, fett Schöpfen Fleisch und andere unverdauliche harte Speisen“, heißt es in einem 1624 von der Facultas Medica der Uni Rinteln abgefassten und gedruckten Gesundheitstipp. Darüber hinaus sei es gut, wenn in den Getränken „ein glüender Staal oder Kieser Stein abgelöscht“ werde. Und als hilfreich habe sich auch „der Gebrauch von Zweyback, so von Rocken Meel und Holderbeerweinsafft zugerichtet ist“, erwiesen.

veröffentlicht am 22.06.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die Empfehlungen der Professores waren als Unterstützung der hiesigen Untertanen bei deren Kampf gegen die „Rohte Ruhr“ gedacht – damals auch „Hoffgang“, „Blutgang“, „Roter Schaden“ oder auch „Blutiger Hoffgang“ genannt. Höchste Gefahr war laut Aussage der Rintelner Gelehrten immer dann geboten, „wann Jemande untatürliche Stuelgänge bekömpt, wodurch böse Feuchtigkeiten mit Reissen oder Schmertzen abgehen mit oder ohne Blut“.

Die Warnung aus der Alma Ernestina kam nicht von ungefähr. Die heute „Dysenterie“ genannte und meist problemlos zu heilende Infektionskrankheit gehörte bis ins 19. Jahrhundert hinein zu den gefährlichsten Seuchen der Menschheitsgeschichte. Nach übereinstimmenden Berichten der Geschichtsforscher fielen der im Laufe des Mittelalters immer wieder auftretenden Epidemie Hunderttausende zum Opfer. Nicht selten sollen ganze Dörfer und Landstriche ausgelöscht worden sein. Exakte Zahlen und sonstige Aufschreibungen gibt es nicht. Auch über das Auftreten und die Folgen der Ruhr hierzulande sind in den Archivunterlagen kaum Aufschreibungen zu finden. Grund: Krankheitsbild und Krankheitsverlauf waren äußerst vielfältig. Das Leiden führte nicht zwangsläufig zum Tode. Es wurde – wie das Sterben der Säuglinge an Brechdurchfällen oder die Schwindsucht der armen Leute – als Begleiterscheinung des Alltagsdaseins wahrgenommen. Außerdem: Betroffen waren vor allem „gemeine“, auf dem platten Lande lebende Leute. Und um die musste man sich aus Sicht vieler Landesherren keine allzu großen Gedanken machen.

Eine Ausnahme scheint der von 1622 bis 1635 amtierende Schaumburger Graf Jobst Hermann gewesen zu sein. Über das 13-jährige Wirken des Junggesellen ist – anders als über das seines berühmten Vorgängers Fürst Ernst – wenig bekannt. Fest steht: Sein Gestaltungs- und Entscheidungsspielraum war äußerst begrenzt. Unmittelbar vor seinem Dienstantritt war der Dreißigjährige Krieg in der heimischen Region angekommen. Dicht hintereinander rückten mehrere, für die katholische und/oder evangelische Sache kämpfende Söldnerheere ein. Landesherr und Untertanen mussten dem Plündern, Brandschatzen und Morden hilflos zusehen. Mehr noch: Jobst Hermann wurde in seinem eigenen Land verhaftet und festgesetzt. Möglicherweise ließ die Ohnmacht gegenüber dem Würgegriff von außen den Gedanken aufkommen, den gebeutelten Untertanen, wenn schon nicht mit Geld und Waffen, dann doch mit guten Ratschlägen unter die Arme zu greifen. Das war keine schlechte Idee. Das Gros der Einwohner lebte und hauste in extrem beengten und unhygienischen Verhältnissen.

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  • Hier das Titelblatt der 1676 von dem kurfürstlich-brandenburgischem Leibarzt Johann Mathias Nester veröffentlichten Buch „Kurtze Anleitung und Getreuer Rathschlag, wie man sich beyitzo fast überal einschleichender anfälligen Seuche der Rohten Ruhr vor derselben bewahren kann“.
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  • „Kurtzer Unterricht von der Rohten Ruhr“, zusammengestellt von der Facultas Medicia zu Rinteln, und daselbst gedruckt durch „Petrum Lucium bestalten Buchdrucker der Universität 1624 (Quelle: Staatsarchiv Bückeburg).
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Eines der ersten Ergebnisse der Gesundheitskampagne war die eingangs erwähnte Aufklärungsschrift „Kurtzer Unterricht von der Rohten Ruhr“. Mit der fachlichen Ausarbeitung wurde die drei Jahre zuvor von Stadthagen nach Rinteln umgesiedelte Universität Ernestina beauftragt. Verfasser der Schrift dürfte der Erste Medizinprofessor Ernst Nicenius (1590-1647) gewesen sein.

Die vor 390 Jahren erschienenen Tipps und Hintergrundinformationen gehören, soweit bekannt, zu den der frühesten, mit diesem Thema befassten deutschsprachigen Aufklärungsschriften. Neben den Krankheitssymptomen, Erste-Hilfe-Vorschlägen und Verhaltensregeln sind auch Hinweise auf schmerzlindernde Arzneimixturen enthalten. Sie wurden „auff den Apotecken zu Bückeburg, Rinteln und Stadthagen“ ausgegeben. Was aus heutiger Sicht skurril und amüsant anmuten mag, macht vor allem das Ausmaß an Unwissenheit der damaligen Zeitgenossen deutlich. Ihr Denken und Fühlen war vor allem von Aberglauben und Angst vorm Jüngsten Gericht beherrscht. Aufklärung und wissenschaftliche Vernunft waren (noch) kein Thema.

Eine 1676 von dem „Med. Doctor und Fürstl. Brand. Bestelltem Leib-Medicum“ Johann Mathias Nester abgefasste Schrift mit dem Titel „Kurtze Anleitung und Getreuer Rathschlag, wie man sich beyitzo fast überal einschleichender anfälligen Seuche der Rohten Ruhr vor derselben bewahren kann“, setzt sich auch mit der Frage „woher die Rohte Ruhr anitzo bey uns entstanden“ auseinander.

Laut Nester gab und gibt es drei Gründe: Erstens: „Die Lufft, wenn dieselbe in ihrer Substanz von obern Ursachen und Himmlischen Influenzen durch Finsternüsse, große Zusammenkunfften der Planeten oder sonsten verderbet ist“. Zweitens: „Unordentliches Leben, Fressen und Sauffen, insonderheit unmässiger Gebrauch hitziger Weine“. In die gleiche Schadenskategorie falle „die Näscherey des rohen und offtmals unreiffen Obstes und der Gartenfrucht, insonderheit der der Gurken und Schoten. Als drittes großes Verderbnis hatte laut Nester „allerley starcke und scharffe medicamente und Purganzen von der Wolffsmilch, Coloquinten und sonderlich Antimonio“ zu gelten, „wie solches die Marcckschreyer und Zahnbrecher unter einen falschen Namen als Magenzucker, Wurmküchlein verkauffen“.

Kein Wunder, dass unsere Vorfahren den Infektionskrankheiten über Jahrhunderte hinweg wehrlos ausgeliefert waren. Dass beim massenhaften mittelalterlichen Sterben winzige Lebewesen beteiligt waren, konnten sich bis weit ins 19. Jahrhundert hinein kein Mensch und auch kein Medizinprofessor vorstellen. Bakterien und Viren wirkten noch im Verborgenen. Das für die Volksseuche Rohte Ruhr hauptverantwortliche Bakterium wurde erst 1897 entdeckt.

Hier wurde der „Kurtze Untericht von der Rohten Ruhr“ erarbeitet: die ehemalige Universität Rinteln.gp



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