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Kampf dem Eindringling in den Städten

Als Britta Bremer (Name von der Redaktion geändert) nachts um drei von Geräuschen wach wird, denkt sich die 41-Jährige noch nichts dabei. „Werden wohl die Katzen sein“, vermutet die Hamelnerin, die in einem Haus am Waldrand wohnt. Doch ein Blick in die Küche belehrte sie eines Besseren: Vor dem Fressnapf stehen, traulich vereint, zwei Tiere und lassen es sich schmecken: der Hauskater – und ein Waschbär.

veröffentlicht am 09.06.2011 um 19:58 Uhr

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Britta Bremer und ihr Ehemann Horst sind geschockt. „Wir haben versucht, das Tier zu verscheuchen, aber das war gar nicht so einfach. Ganz langsam ging es die Kellertreppe runter und schaute sich dabei noch mal zu uns um“, erinnert sich die 41-Jährige, die nicht zum ersten Mal Besuch von den Plagegeistern bekommen hat. „Schon letztes Jahr im Herbst hatten wir einen Waschbären im Keller. Der hatte sich bereits ein Regal ausgeräumt und sich dort einen Schlafplatz geschaffen“, sagt sie.

Die Ursache, warum Waschbären das Haus der Bremers offenbar anziehend finden, liegt vermutlich im überreichen Nahrungsangebot. „Nachbarn haben die Tiere oft gefüttert, weil sie sie so putzig finden“, hat die Hamelnerin beobachtet. Inzwischen stattet Familie Waschbär, eigentlich nachtaktiv, ihr sogar schon im Hellen einen Besuch ab, trinkt aus der Vogeltränke auf der Terrasse oder versucht, durch die Katzenklappe ins Haus zu gelangen. „Den Kater stört das offenbar nicht“, sagt sie. Die Hausbewohner aber schon, zumal die Eindringlinge einen unangenehmen Geruch verbreiten und Krankheiten übertragen können. „Manche bei uns in der Straße haben bereits Steine auf ihre Mülltonnen gelegt, damit die Waschbären nicht an die Abfälle herankommen“, schildert die 41-Jährige den Versuch, der Plage Herr zu werden.

Auch Christiane Kaiser hat kürzlich erlebt, wie wenig scheu sich die Waschbären in der Gegenwart von Menschen verhalten. Die Mitarbeiterin der Stadtverwaltung war auf Inlinern unterwegs, als sie in Höhe von Gut Helpensen zwei kleine Waschbären entdeckte, die versuchten, trotz des dichten Verkehrs die Straße zu überqueren. Christiane Kaiser und ihre Begleiter hatten Sorge, dass die Tiere unter den Reifen von Autos zerquetscht würden und schafften sie deshalb zunächst in einen Kleingarten. Doch was tun? Die Hamelner wandten sich an Polizei und Feuerwehr. Doch keiner fühlte sich zuständig. Und das sind sie auch nicht, genauso wenig wie das Tierheim. „Wir dürfen nur Hunde und Katzen aufnehmen“, sagt Tierheim-Leiterin Claudia Gebhardt. In der vergangenen Woche erst stand sie vor diesem Problem: Zwei Waschbären sollten untergebracht werden. Der Saupark – überfüllt, andere Behörden – nicht zuständig. Schließlich fand sich eine Auffangstation in Schleswig-Holstein, die die zwei Hamelner Waschbären aufnehmen wollte. „Das waren 600 Kilometer. Das ist die absolute Ausnahme“, sagt die Tierheim-Chefin, die ausdrücklich darauf hinweist, dass ihr Haus keine Wildtiere unterbringen darf.

Stimmt, bestätigt auch Jürgen Ziegler. Der Kreisjägermeister kennt das Problem mit den Waschbären in der Stadt schon seit einigen Jahren. Die Tiere, ursprünglich in Nordamerika beheimatet, waren im letzten Jahrhundert nach Europa eingeführt worden, um sie in Pelztierfarmen zu züchten. Manche entwischten, andere wurden freigelassen. Und so vermehrten sie sich immer weiter und sind mittlerweile fast überall in Deutschland anzutreffen. Vorzugsweise in Städten übrigens, denn dort wartet auf sie ein wahres Schlemmerparadies. Die knapp 70 Zentimeter großen Kleinbären mit der typischen schwarzen Gesichtsmaske sind Allesfresser und tun sich nicht nur gütlich an Regenwürmern oder Fallobst, sondern auch an Speiseresten, wie sie vor allem in Mülltonnen oder Abfallkörben in der Nähe von Imbissbuden zu finden sind. Nicht zu vergessen das Futter, das Katzenbesitzer oder Igelfreunde ihren kleinen Lieblingen hinstellen.

„Deutschlands Waschbärhauptstadt ist Kassel“, sagt Ziegler. Dort leben etwa 150 Tiere auf nur 100 Hektar – eine immense Zahl, wenn man bedenkt, dass auf gleicher Fläche im Wald nur etwa vier Waschbären ihr Auskommen hätten. Von Kassel aus hat sich das Tier immer weiter ausgebreitet, vor allem in Südniedersachsen. Und das zu jeder Zeit uneingeschränkt verfügbare Nahrungsangebot tut nach seinen Worten ein Übriges, um die Population immer weiter anwachsen zu lassen. „Im vergangenen Jahr haben wir 500 Waschbären erlegt. Das bedeutet eine Steigerung um einhundert Prozent, verglichen mit dem Vorjahr“, so Ziegler, der warnt: „Wenn wir nicht aufpassen, rollt was auf uns zu!“

Aufpassen, das bedeutet nach den Worten des Kreisjägermeisters vor allem eines: das Nahrungsangebot für Waschbären zu verknappen. „Füttern ist grundsätzlich schlecht“, sagt er. Denn der Waschbär findet nicht nur alles, was er braucht, in menschlichen Siedlungen, sondern lockt selbst, da er ein Sozialwesen ist, immer weitere Artgenossen an. „Man sollte ihn auf keinen Fall durch Futter an einen Platz binden“, rät Ziegler. Denn Waschbären nutzen gern zusammen mit anderen sogenannte Latrinen, die nicht nur stinken, sondern auch – die Tiere sind Wirt des Spulwurms – Krankheiten übertragen können.

Neben der Verknappung des Nahrungsangebots gibt es nach den Worten des Kreisjägermeisters nur wenig, was man gegen die Waschbärplage in der Stadt tun kann. „Dazu gehört, dass man Bereiche, in denen man die Tiere nicht haben will, aussperrt.“ Bäume, die nah am Haus stehen und so einen leichten Aufstieg aufs Dach ermöglichen, sollten nach seinen Worten unbedingt gekappt werden. Sonst gelangen die Tiere über verschobene Dachziegel oder andere Schwachstellen leicht auf Dachböden oder Zwischendecken, wo sie sich häuslich einrichten. Auch Fallrohre nutzen die geschickten Kletterer gern als Hilfe, deshalb sollten Regenrinnen nach Möglichkeit mit glatten Blechmanschetten umwickelt werden. Manche vermeintliche Lösung entpuppt sich aber oft als das Gegenteil: Wird die Regenrinne mit Stacheldraht umwickelt, ist das für die Waschbären kein Hindernis, sondern eine Aufstiegshilfe.

Pülverchen, die Waschbären vergrämen sollen, sind nach Zieglers Meinung allenfalls eine beschränkte Möglichkeit im Kampf gegen die Waschbären, eine „partielle Hilfe“ – das Grundsatzproblem lösen sie offenbar nicht. Auch Fallen sind offenbar kein probates Mittel. Zum einen müsse der jeweilige Hauseigentümer, der den Kampf gegen Waschbären auf seinem Grund und Boden aufnehmen will, einen Fallenschein nach dem niedersächsischen Jagdgesetz besitzen. Und dann sei das Ganze auch noch recht kompliziert. „Bei einer Totschlagfalle etwa besteht die Gefahr, dass auch Katzen in sie hineingeraten könnten“, sagt er.

Außerdem regelt das Jagdgesetz auch den Lebensraum der Tiere, den es zu beachten gelte. „Wenn ein Waschbär in Ihrem Garten sitzt, müssen sie ihn erst einmal dort lassen“, weiß Ziegler. Gleiches gelte auch dann, wenn sich der Waschbär einen Dachboden zu eben diesem „Lebensraum“ auserkoren hat. Ziegler: „Mit rund zehn Kilo hat er ein recht gutes Kampfgewicht. Und damit versucht er, sich gegenüber dem Menschen zu behaupten, den er als den eigentlichen Eindringling ansieht.“

Eine – wenn auch nicht immer Erfolg versprechende – Alternative neben der Bejagung (nur außerhalb der Schonzeiten) ist das Einfangen. Aber auch das ist streng reglementiert: „Jetzt etwa ist Aufzuchtzeit für die Jungen. Da darf man das sowieso nicht“, wie der Kreisjägermeister betont. Bliebe eigentlich nur eins: den Neubürger mit der schwarzen Maske auszuhungern. Wenn das nicht gelingt, hat der Mensch den Kampf gegen den Waschbären in seinem Lebensraum eigentlich schon verloren...

Ein „Amerikaner“ hat mit der Besiedlung Deutschlands begonnen. Und geht dabei zunehmend rücksichtsloser vor, betrachtet Menschen, die den von ihm auserkorenen Lebensraum bewohnen, als Eindringlinge – vor allem in Städten wird der Waschbär zur Plage.

Ungebetener Gast: Selbst am helllichten Tag kommt dieser Waschbär regelmäßig auf die Terrasse einer Hamelner Familie.

Eindringling aus Nordamerika: Vor allem in den Städten Südniedersachsens hat sich der Waschbär neuen Lebensraum erobert.



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