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Abgeordnete der Linken seit 100 Tagen im Bundestag / Die Größe der Stadt macht ihr zu schaffen

Jutta Krellmann hat erst einen Koffer in Berlin

Hameln-Pyrmont. 100 Tage schwarz-gelbe Regierungskoalition in Deutschland bedeuten auch 100 Tage Jutta Krellmann in Berlin. Die Politikerin der Linken aus dem beschaulichen Coppenbrügger Ortsteil Brünnighausen zog nach der Bundestagswahl im vergangenen September über die Landesliste ihrer Partei in den Bundestag ein, um dort den Wahlkreis 47 und damit auch den Landkreis Hameln-Pyrmont zu vertreten. Doch so richtig angekommen in der deutschen Hauptstadt ist die 54-Jährige immer noch nicht.

veröffentlicht am 05.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 09:16 Uhr

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Hans-Joachim-Weiß-Redakteur-Lokales-Hameln-Dewezet

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Hans-Joachim Weiß Reporter zur Autorenseite

„Berlin ist zu groß, zu laut, zu unübersichtlich und viel zu weit weg von meinem Dorf“, bekennt die gebürtige Rheinländerin freimütig und gesteht: „Noch immer brauche sie ein Navigationssystem, um mich im Reichstagsgebäude zurechtzufinden.“ Deshalb habe sie bislang auch nur einen Koffer in Berlin, übernachte während der Sitzungswochen des Deutschen Bundestages im Hotel, um anschließend mit dem Zug wieder in ihren Wahlkreis zu reisen. Was die Bundespolitikerin der Linken auch damit begründet, dass ihr Abgeordnetenbüro immer noch nicht fertig und komplett sei. „Ich habe noch nicht mal einen eigenen Schreibtisch“, beklagt die Linke, die das Chaos mit dem „großen Stühlerücken“ nach der Wahl begründet. Viele Abgeordnete hätten ihre Büros auch noch nicht geräumt, was die Lage etwas prekär gestalte. „Insofern liegen 100 Tage Provisorium hinter mir“, sagt Krellmann.

Bei dem Hinweis, dass ja bald das Büro ihres Fraktionschefs frei werde, weil Oskar Lafontaine sein Bundestagsmandat an den Nagel hängt, um ins Saarland zurückzukehren, winkt sie ab. Dieses Arbeitszimmer ist ihr dann doch etwas zu groß, und sie betont, inzwischen einen Termin zu haben: „Übernächste Woche wird der Schreibtisch geliefert.“

Den Rückzug des an Krebs erkrankten Lafontaine allerdings bedauert Krellmann, wenngleich sie ihn menschlich nachvollziehen kann: „Er ist eine wichtige Figur, nicht die wichtigste. Aber ohne Oskar wird es schwierig, das Ergebnis zu wiederholen. Er hat auch innerhalb der Fraktion dafür gesorgt, den roten Faden nicht zu verlieren.“ Die ersten 100 Tage der gelb-schwarzen Regierung bewertet die Abgeordnete, die in ihrer Fraktion den Posten der Sprecherin für Arbeit und Mitbestimmung bekleidet, als „grottenschlecht“ und merkt an: „Blöd, dass wir in dieser Zeit zu sehr mit uns selbst beschäftigt waren. Da hätte man mehr draufhauen müssen.“

Auch wenn Jutta Krellmann jetzt MdB ist; ihren Job als Gewerkschaftssekretärin bei der IG Metall in Hameln hat sie behalten, jedoch auf wöchentlich zehn Stunden reduziert. Langsam, aber konsequent tastet sie sich in die Sphären der höheren Politik. „Mein Weg ist zu den Menschen und zu den jeweiligen Gewerkschaften“, sagt sie. Den Umgang mit den Abgeordneten anderer Parteien bezeichnet die Politikerin als „sehr nett, aber oberflächlich“. „Die waschen sich zwar nicht die Hände, wenn sie einer Linken die Hand gegeben haben, doch in der Sache – da kann man selbst die besten Argumente haben; es nutzt nix.“ Für die Linken sitzt Jutta Krellmann im Ausschuss Arbeit und Soziales – mit der heimischen Abgeordneten Gabriele Lösekrug-Möller. Die Sozialdemokratin habe sie bei ihrer Ankunft im Bundestag freundschaftlich begrüßt, aber zu einer engeren Zusammenarbeit zum Wohle des Wahlkreises sei es bislang aus Zeitmangel noch nicht gekommen.

Ihre Jungfernrede im zu diesem Zeitpunkt recht gut besuchten Bundestag aber hat Jutta Krellmann inzwischen gehalten. Zur Kurzarbeit. „Und ich habe sogar Zwischenrufe aus Reihen der CDU bekommen“, erzählt die Linke. Und dabei schwingt sogar ein kleines bisschen Stolz in ihrer Stimme mit. Ihren Redebeitrag im Parlament habe sie unter der Dusche in ihr Diktiergerät gesprochen, von ihren Berliner Mitarbeitern abtippen lassen und dann mit Fraktionskollegen am „Feinschliff“ gearbeitet. Ob sie aufgeregt war, kann Jutta Krellmann nicht mehr sagen: „Da habe ich gar nicht drüber nachgedacht.“

Schon zweimal in ihrer jungen Bundestagskarriere durfte die 54-Jährige den „Hammelsprung“ miterleben. Hat ihr fehlender Orientierungssinn sie die richtige Tür finden lassen? „Das ist nicht schwer, denn für die Medien unsichtbar steht Ja, Nein und Enthaltung drüber“, schmunzelt sie.

Zusammen mit ihrer Fraktionskollegin Sabine Zimmermann aus Zwickau, hat Krellmann im Bundestag auch bereits eine Anfrage formuliert, die dann für ein großes mediales Echo sorgte. „Es ging um Meniar, die Leiharbeitsfirma von Schlecker“, berichtet sie und kündigt weitere Anfragen an: „Ich will auch künftig etwas bewegen und auf Probleme aufmerksam machen. Dann mache ich einen guten Job.“

Privat hat sich für Jutta Krellmann in den zurückliegenden 100 Tagen ebenfalls einiges geändert. „Wenn ich heute samstags auf den Markt gehe, werde ich erkannt und angehalten. Das war vor dem Wahlkampf nicht so.“ Aber auch dann ist die Politikerin für die Menschen da.

Die heimische Abgeordnete der Linken, Jutta Krellmann, bei ihrer Jungfernrede im Reichstags-Gebäude.

Foto: Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim Mende



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