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Kulturring bietet Star-Theater mit Hand und Fuß vor vollbesetzten Reihen

"Jungförster" als Großstadtpflanze: Launiger Besuch bei Mr. Green

Rinteln. Wo der Kulturring bei Tournee-Inszenierungen im Programm auf die Zugkraft bekannter Namen von Bühne, Film und Fernsehen setzt, ist allemal mit wohlgefülltem Haus zu rechnen - Garantie für einen rundum erfreulichen Theaterabend sind solche Gastspiele aber nicht unbedingt.

veröffentlicht am 24.01.2007 um 00:00 Uhr

"Du könntest mal wieder aufräumen!" Foto: tol

Autor:

Ulrich Reineking

Wer entsprechende Befürchtungen auch im Blick auf das Stück "Besuch bei Mr. Green" von Jeff Baron mit Alexander May und Hardy Krüger jun. hegte, wurde im restlos ausverkauften Brückentorsaal auf das Angenehmste enttäuscht. Der "Neue im Forsthaus Falkenau" demonstrierte in seiner Rolle als erfolgreicher junger Werbekreative aus New York mit jüdischem Hintergrund und schwuler Orientierung eindrucksvoll, dass er vom unvergessenen Vater nicht nur Aussehen und Charme sowie den großen Namen geerbt hat, sondern auch das schauspielerische Können - ein Können, das er zudem an der berühmten Schauspielschule von Lee Strasberg zu jener souveränen Reife entwickelt hat, die zur differenzierten Ausgestaltung dieser Rolle erforderlich ist. Auch Alexander May, der nach seiner langjähriger Intendanz am Niedersächsischen Schauspielhaus bundesweite Popularität durch Fimproduktionen wie "Zweite Heimat" von Edgar Reitz erlangte und in der TV-Serie "Freunde für's Leben" ein ganzes Jahrzehnt lang regelmäßiger Stammgast in den deutschen Wohnzimmern war, bot mit seiner gestandenen Schauspieler-Persönlichkeit die ganze Palette seiner Möglichkeiten auf, um den kauzig-moralistischen Mr. Green zu einer bewegenden Studieüber das Altwerden vor dem Hintergrund des jüdisch geprägten New York zu machen. In schlicht-schäbiger Genauigkeit entwickelte Gerhard Reihl dazu ein Bühnenbild, das dem von Regisseur Michael Rossie gelassen entwickeltem Handlungsstrang den passenden äußerlichen Rahmen eines verwahrlosten Altmänner-Apartments verleiht. Der smarte junge Ross Gardiner wird nach einem Verkehrsunfall vom Richter dazu verurteilt, den von ihm angefahrenen und nach fast 60-jähriger Ehe verwitweten Mr. Green für etliche Monate in Hausbesuchen zu betreuen - was dieser zunächst eher abweisend zur Kenntnis nimmt. Die sich anbahnende und durch koscheres Essen und melancholisch-witzige Gespräche geprägte Beziehung über die Generationen hinweg wird allerdings auf eine erhebliche Probe gestellt, als sich Ross zu seiner Homosexualität bekennt und Mr. Green vergeblich versucht, aus seiner religiösen Moralität heraus den jungen Gesprächspartner zu missionieren und auf die wunderschönen jüdischen Mädchen zu orientieren: Dabei führen die beiden mal lakonische, mal geschliffene Dialoge, die jede Menge Wortwitz einschließen. Fast hätte diese Einmischung zur "Funkstille" geführt, doch dann zeigt sich, dass Mr. Green trotz seiner immer wieder beteuerten Liebe zu seiner verstorbenen Frau und der Familie eine schlimme Altlast mit sich herumträgt: Er hat die eigene Tochter verstoßen, nachdem diese einen nichtjüdischen Mann geheiratet hat, wollte auch die Kinder aus dieser Ehe nicht als Enkel akzeptieren und hat damit erzwungen, dass auch Mutter und Tochter nur heimlich Kontakt halten konnten - sodass diese nie vom Tod der Mrs. Green erfahren hat. Wie Ross und Mr. Green einen Weg aus diesem Dilemma finden und die Konflikte gemeinsam zu einem Happyend führen, treibt nicht wenigen Besuchern Tränen in die Augen, die sich schließlich in einem jubelnden Schlussapplaus lösen: Entsprechend bewegt sind auch die Schauspieler, die an diesem Abend beispielhaft erfahren, welche Freude ihre Kunst dem Publikum machen kann. Einzig die kleinen Umbauten zwischen den Szenen strapazierten die Geduld des Publikums trotz der eingestreuten Klezmerklänge. Wären diese vielleicht live von einem Klarinettisten vorgetragen worden, hätten sie ihre atmos- phärische Wirkung sicher sehr viel stärker demonstrieren können.



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