weather-image
25°
Bildungsgefälle zwischen den Geschlechtern hat fatale Auswirkungen auf ländliche Regionen

„Jung – schlau – Frau“ ... und weg!

Hameln (kv). Dr. Axel Gorny zitiert bei Wesio einen Vortrag vom Tag der Maschinenringe: „Zukünftig werde die Resource Mensch immer wichtiger für den ländlichen Raum. Wichtiger als Autobahnanschlüsse sei das kreative Potenzial der Menschen in einer Region. Wer allerdings jung, schlau und Frau sei, kehre als erste den ländlichen Regionen den Rücken. Dr. Reiner Klingholz, Direktor des „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ fesselte die Zuhörer beim Tag der Maschinenringe mit überraschenden Ergebnissen seiner Studien.

veröffentlicht am 08.07.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 17:21 Uhr

Die Idylle trügt – mit den Menschen gehen die Jobs.

Erfolgsfaktoren: Talente, Technologie, Toleranz

Mit dem „TTT-Konzept“ leitete Klingholz in seinem Vortrag die wirtschaftlichen Zukunftschancen von Regionen aufgrund von Talenten, Technologien und Toleranz ab. Der Experte für Demographie bediente sich dabei zahlreicher statistischer Erhebungen, zum Beispiel zur Zahl angemeldeter Patente, zur Wachstumsrate in High-Tech-Branchen, zu Wahlergebnissen für rechtsextreme Parteien, zum Ausländeranteil oder dem Anteil von Menschen mit künstlerischen Berufen. Klingholz erklärte, unter welchen Voraussetzungen in Zukunft Arbeitsplätze entstehen werden: „Der Theorie des amerikanischen Ökonomen Richard Florida zufolge entstehen die Arbeitsplätze der Zukunft vor allem dort, wo die drei Komponenten „Talente“, „Technologie“ und „Toleranz“ zusammenkommen. Demnach sammelt sich in den urbanen Zentren jene kritische Masse an Kreativen, die aus Ideen Produkte machen, die mit neuen Technologien neue Jobs schaffen, wodurch wiederum weitere Talente angelockt werden. Für den ländlichen Raum bleiben in diesem TTT-Konzept wenige Chancen.“

Ländlicher Raum im „Teufelskreis“

„Früher zogen die Menschen dorthin, wo es Arbeit und Rohstoffe gab. Heute ist es umgekehrt, die Jobs folgen den Menschen. Dort, wo viele kreative Menschen leben, entstehen die Jobs. Die ländlichen Gegenden besonders im Osten Deutschlands, aber auch zum Teil in Bayern, Niedersachsen oder Baden-Württemberg, bluten regelrecht aus, weil die qualifizierten Menschen als erste gehen. Das setzt eine Art Teufelkreis in Gang, weil die Infrastruktur und Dienstleistungsangebote für die verbliebenen Menschen zurückgefahren werden müssen, was wiederum die Attraktivität der Region weiter verringert.

Junge Frauen zwischen 20 und 30 Jahren mit guter Ausbildung wandern deutlich häufiger aus den ländlichen Regionen ab als junge Männer. Ein Grund ist die im Durchschnitt bessere Schulbildung der jungen Frauen. In einigen Kreisen Ostdeutschlands ist die Zahl der Abiturientinnen um bis zu 50 % höher als die der männlichen Absolventen. Dagegen verlassen mehr als doppelt so viele junge Männer die Hauptschule ohne Abschluss.“

Was lernen wir vom Münsterland?

„Eine Ausnahme vom Trend im ländlichen Raum ist das Oldenburger Münsterland mit den Landkreisen Vechta und Cloppenburg. Es herrscht Zuwanderung wie in kaum einer anderen Region in Deutschland. Die Arbeitslosigkeit liegt deutlich unter der bundesweiten Quote und der Geburtenüberschuss liegt weit über dem Durchschnitt der Republik.

Im Oldenburger Münsterland haben es die Bewohner geschafft, auf Basis der Landwirtschaft überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze zu schaffen. Grundlage sind Fleiß und Solidarität sowie eine hohe regionale Verflechtung, wirtschaftlich wie sozial. Die nachfolgenden Generationen bleiben gerne in der Region. Auch der sogenannte Pillenknick nach dem Baby-Boom in den 1960er Jahren ist im Oldenburger Münsterland deutlich geringer ausgefallen.

Was sind die Erfolgsfaktoren im Oldenburger Münsterland? Die Menschen haben ein positives Selbstbild und ein ausgeprägtes regionales Selbstbewusstsein. Sie sind überwiegend religiös und haben viele Kinder. Die Region war lange Zeit sehr arm, so dass die Menschen gelernt haben, mit Fleiß aus wenig viel zu machen. Das Zusammenleben ist geprägt von Solidarität, Nachbarschaftshilfe und starkem Familienzusammenhalt. Das zivilgesellschaftliche Engagement der Menschen ist bis ins hohe Alter sehr ausgeprägt. Mit 80 % sind deutlich mehr Menschen ehrenamtlich aktiv als im Bundesdurchschnitt. Die dortige Agrargesellschaft hat sich erst spät in eine postmoderne Gesellschaft gewandelt.

In der Wirtschaft gibt es eine große Nähe zwischen Hersteller und Anwender auf der Basis der Landwirtschaft. Die nachgelagerten Unternehmen der Agrarbranche sind erfolgreich und exportieren ihre Produkte in die ganze Welt.

„Wachstum ist in ländlichen Regionen nur auf der Basis einer überproportional engagierten und kreativen Bevölkerung möglich. Die Politik sollte das vorhandene Humankapital durch aktive und kreative Menschen fördern. Vor allem ist es wichtig, kreative Ansätze im ländlichen Raum nicht administrativ zu behindern, sondern entsprechende Freiräume zu schaffen.“ Maschinenringe können kreative Keimzellen im ländlichen Raum sein. Eine Erweiterung des Selbstverständnisses der Ringe in diese Richtung solle deshalb vorangetrieben werden.“

Mehr bei

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare