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Bethel-Freunde hören Vortrag über Babyklappen / Die Dunkelziffer in Deutschland ist sogar noch höher

Jedes Jahr werden 50 Neugeborene ausgesetzt

Bückeburg (bus). Das ungemein diffizile Thema der Kindesaussetzung ist Vortrags- und Diskussionsgegenstand der jüngsten Zusammenkunft des Freundeskreises Stiftung Bethel gewesen. "Babyklappen und anonyme Geburt - lassen sich Kindesaussetzungen durch Maßnahmen des Gesetzgebers verhindern?", lautete die Vorgabe für das von der Bückeburger Richterin Eike Höcker gehaltene Referat. Dass im Fazit der Juristinallerhand Fragezeichen auftauchten, kam für die Bethel-Freunde nicht überraschend.

veröffentlicht am 10.06.2008 um 00:00 Uhr

Eike Höcker

Höcker verdeutlichte am Beispiel der alttestamentarischen Geschichte über Mose, der in einem Bastkörbchen am Ufer des Nils aufgefunden wurde, und einer tagesaktuellen Meldung über ein in einer Mülltonne entdecktes Baby die zeitliche Spannweite der Thematik. Aktuelle Schätzungen gehen von etwa 50 Aussetzung pro Jahr in Deutschland aus. Naturgemäß existieren keine genauen Zahlen, denn statistisch zu erfassen sind nur Kinder, die auch tatsächlich gefunden werden. In früheren Zeiten hatten Aussetzungen oft den handfesten Grund der Nichtehelichkeit, die nicht nur für das Kind sondern gerade auch für die Mutter einen lebenslangen Makel bedeutete. Bereits im 12. Jahrhundert verfügte Papst Innozenz III, dass an den Pforten der seinerzeit eingerichteten Findelhäuser sogenannte Drehladen anzubringen sind. Diese Laden waren sozusagen die Vorgänger der heutigen Babyklappen. Trotz geänderter Wertevorstellungen - nicht eheliche Kinder sind heute rechtlich in allen Bereichen ehelichen Kindern gleichgestellt - existiert das Phänomen der Kindesaussetzung, bei dem es sich nach unserer Rechtsauffassung um eine schwere Straftat handelt, nachwie vor. Wird ein ausgesetztes Kind gefunden, hat die Polizei sofort nach den Eltern, insbesondere der Mutter, zu suchen. Alle Beteiligten, die Betreiber und Angestellten der Babyklappe,Ärzte, Hebammen und Krankenhausträger, müssen ihr Wissen gegenüber der Polizei offenbaren. Das Gesetz kennt für diese Fallkonstellation kein Aussageverweigerungsrecht. Bei Bekanntwerden sogenannter anonymer Entbindungen (gesetzlich ebenfalls nicht erlaubt) muss die Staatsanwaltschaft ermitteln. Höcker gab in ihrem Vortrag zu bedenken, dass sowohl die Babyklappe als auch die anonyme Geburt den Anspruch des Kindes auf Kenntnis seiner biologischen Abstammung vereiteln. Diese Kenntnis gilt heute als grundlegende Voraussetzung für die Identitätsbildung eines Kindes. Staatliche Stellen dürfen nichts tun, was dem Kind das Wissen um seine Herkunft verweigert. Die fundamentale Verbindung von Eltern und Kindern ist in der Europäischen Menschenrechtskonvention und im Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes auch völkerrechtlich gesichert. Höckers Fazit: "Mütter, die sich in der Schwangerschaft und während der Geburt in einer tatsächlichen oder von ihnen so empfundenen Notlage befinden, dass sie das Kind nicht wollen und es sogar aussetzen, brauchen ohne Zweifel jede erdenkliche Hilfe. Es ist aber auch unsere gesellschaftliche Pflicht, den Schwächsten der Schwachen, dem neugeborenen Leben, allen erdenklichen Schutz zukommen zu lassen." Bleiben hinsichtlich Babyklappe und anonymer Geburt drei Fragen: Wer garantiert, dass die Notlage der Frau auch objektiv so schwerwiegend ist, wie von ihr geschildert? Wer garantiert, dass das Kind wirklich keinen Vater hat, der sich zu ihm bekennen will? Wer garantiert, dass die Angaben der Mutter wirklich richtig sind? "Gesetzgeberische Maßnahmen, um Geburten unter Garantie einer Anonymität der Mutter zuzulassen oder flächendeckend Kliniken mit Babyklappen auszustatten", mahnte die Direktorin des Amtsgerichts Burgwedel, "richten eventuell mehr Schaden als Nutzen an." Gleichwie sei es schwierig, dem Problem beizukommen - "rechtlich womöglich gar nicht".



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