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Archäologen suchen an der Porta Westfalica nach Hinterlassenschaften von Römern und Germanen

Jeder Krümel kann die Indizienkette verlängern

Barkhausen (thm). Ein paar dunkle Flecken im Erdboden, ein scheibenförmiger Brocken Basaltlava, einige Fragmente aus Bronze - vier Münzen, das Bruchstück eines Zierkopfes, der Rest einer Gewandklammer - außerdem einige verwitterte Bleiklumpen und zwei Nagelköpfe aus Eisen. Der Erdboden hat den Archäologen erst wenige seiner Geheimnisse preisgegeben. Diese müssen sie ihm abringen, denn an der Grabungsstelle in Barkhausen - einem Ortsteil der Nachbarstadt Porta Westfalica - drängt die Zeit. Die spärlichen Funde weisen darauf hin, dass an dieser Stelle vor ziemlich genau 2000 Jahren römische Soldaten gelagert haben. Es ist ein mühsames Geschäft, den Erdboden zum Sprechen zu bringen.

veröffentlicht am 23.09.2008 um 00:00 Uhr

Das Ausgrabungsgelände - unterer Bildrand, etwas links der Mitte

Für die Archäologen Dr. Werner Best und Hannelore Kröger sowie die Grabungstechnikerin Maja Thede misst sich der Erkenntnisgewinn in Millimetern. Mit der Handhacke kratzen sie vorsichtig Erdschicht für Erdschicht ab. Ab und zu wird die abgeschabte Erde mit der Plattschaufel aus einer der vielen flachen Gruben befördert. Deren Ränder zieren - Girlanden gleich - kleine, langsam wachsende Erdhaufen. Nichts, aber auch rein gar nichts, was an wissenschaftlich Wertvollem im Boden stecken könnte, soll den wachsamen Augen der Fachleute entgehen. Seit Ende Juli herrscht Baustopp in dem etwa drei Hektar großen Neubaugebiet, das nach den ersten Funden sofort unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Es ist in Barkhausen überhaupt die letzte größere Fläche, die bebaut werden kann - und die archäologisch untersucht werden und so Aufschluss über die Geschichte kann. Hier sollen ein Altersheim und viele Einfamilienhäuser entstehen. Die Investoren müssen sich kraft Gesetzes gedulden, doch sie drängen. Verständlicherweise - für sie ist Zeit Geld. Drei Hektar, das sind 30 000 Quadratmeter Fläche. Bislang wurden sechs sogenannte "Suchschnitte" angelegt, Gräben, in denen die oberste Bodenschicht von etwa einem halben Meter Dicke entfernt wurde. Das Suchgebiet umfasst zurzeit eine Gesamtfläche von etwa 2000 Quadratmetern. Summa summarum wären das gerade etwas mehr als sechs Prozent dessen, das untersucht werden soll. Nicht eben viel, und doch gewaltig, wenn es doch nur im Millimetertakt in die Tiefe geht. Warum der Aufwand, wo doch die Zahl der bisherigen Funde so spärlich scheint? Einige dieser Funde nähren in Zusammenhang mit dem vor fast 60 Jahren erfolgten Fund einer etwa 2000 Jahre alten römischen Goldmünze den Verdacht, dass römische Soldaten genau hier - am Rand der Weserterrasse nur wenige Meter vom Fluss entfernt - ihr Lager aufgeschlagen haben könnten. Genau das soll dem Geschichtsschreiber Cassius Dio zufolge im Jahr 9 n. Chr. geschehen sein. Römische Legionen hatten für einige Zeitein Lager an der Weser aufgeschlagen. Dann wollten sie zurück in ihre Winterquartiere jenseits des Rheins, und wurden unterwegs vernichtend geschlagen. Bislang ist die Indizienkette kurz. Aber: Jeder noch so unscheinbare Krümel könnte sie verlängern. Kröger, Best, Thede und einige Helfer gehen jeder Spur nach. Zum Beispiel einer dunklen Verfärbungen des Bodens. Solch eine Spur heißt "Befund". Was kann der nicht alles verraten: Dort könnte ein Gebäudepfosten im Boden gestanden haben, oder ein Grab angelegt worden sein, oder eine Abfallgrube. Oder, oder, oder ... Auf erst sechs Prozent aufgedeckter Fläche gibt es schon jetzt an die hundert Befunde, die einer nach dem anderen untersucht werden müssen - Millimeter für Millimeter. Manche Befunde enthalten Funde. Etwa Scherben. Scherben von wem? Auch jeder Fund wirft neue Fragen auf. Archäologie ist ein mühsames Geschäft, das Zeit braucht. Antworten sind zu erwarten. Schnelle Antworten nicht.

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