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Abendgespräch mit Ursula Krüger vom DRK: "Leben am Existenzminimum"

"Jeder Achte ist von Armut bedroht"

Rinteln (cok). "Hilfsaktionen sind meistens nur Almosen! Warum gehen wir nicht mit den Betroffenen auf die Straße und protestieren?" sagte ein Zuhörer während des "Rintelner Abendgespräches zum Thema "Leben am Existenzminimum", wo Ursula Krüger, Kreisgeschäftsführerin des DKR Schaumburg einen Vortrag über die Situation der "Armutsgefährdeten" im Landkreis hielt.

veröffentlicht am 24.03.2007 um 00:00 Uhr

"Armut ist keine Schande", so zitierte sie einen alten Spruch und berichtete zum Einstieg von einer Architektenfamilie, die durch Arbeitslosigkeit zu Hartz IV-Empfängern geworden war. Seit im Januar 2005 das "Arbeitslosengeld II" eingeführt wurde, ist es eine ziemlich bunte Klientel aus "erwerbsfähigen Arbeitslosen", die vom Staat ein Existenzminimum erhalten, das oft nur knapp oder gar nicht ausreicht, um den alltäglichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Es sindüberwiegend alleinerziehende Mütter, Arbeitslose jeden Alters und zugewanderte Familien, die als "armutsgefährdet" gelten, ebenso wie alle Erwerbstätigen, die insgesamt weniger als 856 Euro netto im Monat zur Verfügung haben, also weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens von 1427 Euro. Im Westen Deutschlands gilt das für 12 Prozent der Bürger, Tendenz steigend. "Damit ist fast jeder achte Mensch in unserem reichen Land von Armut bedroht", so Ursula Krüger. "Alle Wohlfahrtsorganisationen halten das für sehr besorgniserregend." In ihrem Vortrag nannte sie eine Reihe von Hilfsangeboten, die das Deutsche Rote Kreuz vor Ort anbietet. An erster Stelle stehen die "Tafeln", Lebensmittelausgabestellen in Rinteln, Stadthagen, Bad Nenndorf und bald auch in Obernkirchen, wo sich regelmäßig insgesamt 3500 Menschen aus dem Landkreis einfinden, um sich und ihre Familien mit dem zu versorgen, was Supermärkte und Bäckereien wegen des ablaufenden Verfallsdatums aussortiert haben. Dazu gibt es noch die Bekleidungsläden und den "Sozialverein", der in dringenden Notfällen unbürokratisch finanzielle Unterstützung leistet. "Wir werden die Welt nicht von der Armut befreien können, aber wir können die Armut wenigstens in unserem Landkreis etwas lindern", so Ursula Krüger. Die Angebote seien keine Almosen, auch die Arbeitslosen, die befristet für sechs oder zwölf Monate in den Tafeln und Bekleidungsläden arbeiten, würden als Kollegen wahrgenommen. Dass die Annahme dieser Hilfeleistungen für die Betroffenen trotzdem nicht immer ganz einfach ist, wurde eher beiläufig deutlich. So wurde in einem Beispiel eine Frau, die im schicken Wagen zur Tafel kam, darauf angesprochen, ob sie denn auch wirklich bedürftig sei, so, als würde man auch ohne Not mal eben zur Lebensmittelausgabe gehen (die Frau hatte das Auto nur ausgeliehen). Oder es fallen Bemerkungen wie: "Das kann ich mir ja selbst nicht mal leisten", wenn manchmal Lebensmittel wie Spargel oder Krabben ausgegeben werden. Oder man spricht von"diesen Menschen", als könne nicht fast jeder in die Lage kommen, unvermutet mitten aus dem bisher geregelten Arbeitsleben heraus und allen vorherigen Absicherungen zum Trotz, als zur Dankbarkeit verpflichteter Hilfebedürftiger dazustehen, oft ohne irgendeine Aussicht auf zukünftige Besserung. So kamen auch mehrere Beiträge aus dem Publikum, die forderten, das Armutsproblem politisch zu lösen. "Armut muss nicht sein!", sagte einer. "Armut in unserer Gesellschaft ist ein Skandal", ein anderer. Und ein dritter fragte: "Warum lassen die Betroffenen das mit sich machen?" Auch Krüger stimmte diesen Ansichten zu: "Wenn Hartz IV-Empfänger wirklich auf der Straße protestieren würden - ich bin sofort dabei!"

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