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Wie Milchbauer Karl-Heinrich Niehoff auf den Titel unserer Zeitung kam / "Jetzt will ich auch nicht mehr verlieren"

Jeden Tag 1700 Liter Wut und Verzweiflung von 65 Kühen

Möllenbeck. Vor vielen Jahren hat er schon mal demonstriert, in Stadthagen war das. Dort sind die Bauern damals schweigend durch die Stadt gegangen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Geholfen hat es nicht, erinnert sich Karl-Heinrich Niehoff. Doch wer ihm erzählt hätte, dass er einmal auf der Titelseite unserer Zeitung zu sehen sein würde, wie vier Polizisten ihn wegtragen, weil er nicht weichen will, den hätte er glatt ausgelacht. Auch vor ein paar Wochen noch. Dann kam der Streik der Milchbauern. Und dann das Foto.

veröffentlicht am 04.06.2008 um 00:00 Uhr

Karl-Heinrich Niehoff

Autor:

Frank Westermann

Niehoff war von Anfang an dabei: Nach Freising ist er mitgefahren, dort wurde vor 9000 Bauern der Streik ausgerufen. Dieses große Gefühl, das dort alle am Montag vergangener Woche um 11 Uhr morgens hatten, Niehoff hat es geteilt: Endlich geht es los. Und auch in Rehburg, vor den Toren des Frischli-Werkes, hat Niehoff am Wochenende eine zentrale Rolle gespielt. Er ist morgens mit dem Trecker nach Rehburg gefahren, nicht um dort das Werk zu bestreiken, nein, "ich wollte sehen, was das Werk mit meiner Milch macht". Niehoff geht vorsichtig mit den Worten um, rechtliche Schritte werden dem Kampf um die Milch wohl folgen, ganz gleich, wie er ausgeht. In Rehburg wurde er von den Milchbauern zu einem der drei Bauern gewählt, die mit dem Werksleiter verhandeln sollten. Die Polizei war schon da und hat die Bauern friedlich begrüßt. Auch die verschiedenen Eskalationsstufen wurden ihnen gerne erklärt, erinnert sich Niehoff. Und noch ein eher diffuses Gefühl hat er deutlich in Erinnerung: "Niemand wusste, was aufuns zukommt." Ausgeschimpft wurde er auch, von seinen Kollegen als "Verräter" bezeichnet, als er nach Rücksprache mit dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) gemeinsam mit der Einsatzleitung der Polizei und der Werksleitung auf einem Anhänger das Ende des Boykotts ausgerufen hat. Auch hier werden rechtliche Überlegungen eine Rolle gespielt haben. Seine Kollegen haben ihre Trecker weiter stehen lassen, der offiziell beendete Boykott ging weiter. Und Niehoff und Kollegen kamen ins Staunen: Die Polizei hatte für jeden Trecker einen Schlüssel und löste die Blockade so auf. Die Erklärung lieferte ein Polizist: "Wir haben Wendland-Erfahrung." Eine kleine Gruppe von Landwirten hat sich dann auf dem heißen Asphalt niedergelassen, die Polizei trug sie weg. Und das Foto mit dem hohen Symbolgehalt entstand: Wir werden nicht mehr weichen, wir geben nicht nach. Und das will Niehoff auch nicht mehr, er möchte den Systemwechsel: Der Bauer bestimmt den Preis, der er für seine Milch braucht. "Ich will jetzt auch nicht mehr verlieren", sagt der Möllenbecker, der sich über die Folgen einer Niederlage keine Illusionen macht: "Dann braucht unsere Generation keinen Streik mehr auszurufen." In dritter Generation führt der Möllenbecker den Hof, den sein Großvater einst kaufte. Und wie alle Landwirte möchte er seinen Kindern die Möglichkeit bieten, einen Hof zu übernehmen, der eine Perspektive besitzt: "Wenn er will, soll er auch können", formuliert es Niehoff, der jeden Tag 1700 Liter "innerbetrieblich verwertet", 1700 Liter Wut und Verzweiflung von 65 Kühen, die jeden Tag weiterhin zwei Mal am Tag gemolken werden. Gemolken werden müssen. Was ihnärgert, ist ein Aspekt der Berichterstattung. Zwar haben die Bauern im Kampf gegen das Preisdiktat alle Sympathien auf ihrer Seite, doch seit dem Streik ist ein leichter Schatten auf ihre weiße Weste gefallen: Immerhin haben sie durch ihren Boykott verhindert, dass andere, lieferwillige Milchlandwirte ihr Produkt verkaufen können. Niehoff sieht das anders: Sie hätten liefern können, ihre Lieferungen seien auch an anderen Orten umgepumpt worden. Selbst der Leiter des Werkes habe ihm gesagt, dass nicht eine Fracht sauer geworden sei. Wer als Milchbauer nicht am Streik teilnehme, verliere auch kein Geld, sagt der Möllenbecker. Ob es ihnärgert, dass diese Kollegen im Erfolgsfall künftig mehr Geld mitverdienen werden, das sagt er nicht.



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