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Von Wendthagen bis nach Kathrinhagen: Auf einem alten Pfad unter einem weinenden Himmel

Jedem Pilger-Anfang wohnt ein Zauber inne

Auetal. Wenn der Himmel weint, wird dem Pilger warm ums Herz. Denn das Leben ist nicht immer eitel Sonnenschein, daher darf es auch beim Pilgern ein bisschen ungemütlicher sein. Darum treten die 16 Mitglieder der Kirchengemeinden Rolfshagen und Kathrinhagen den Teil des alten Pilgerweges, der von Loccum nach Volkenroda führt und das Auetal berührt, trotz Dauerregens mit erwartungsfrohen Mienen an: Denn beim Pilgern muss der Mensch sich öffnen, weil manches ungewiss und nicht immer planbar ist.

veröffentlicht am 06.05.2006 um 00:00 Uhr

Der Weg ist auch hier das Ziel: Durch nebelverhangene Wälder geh

Autor:

Frank Westermann

Das Pilgern gehört zu den ursprünglichen Formen christlicher Frömmigkeit. Dann kam es schwer in Verruf: Der Ablasshandel, das von Gefahren und Versuchungen bedrohte Pilgerleben, dazu die immer stärker werdende Vergötterung der Reliquien und die mangelnde Rückwirkung des Pilgerns auf das alltägliche Leben und Handeln - all das waren in verschiedenen Zeiten Angriffspunkte gegen das Pilgern. (Auch die Stadt Obernkirchen hat ja im Schatten der Stiftskirche jahrhundertelang gut von dieser Tradition gelebt: Wallfahrten zum wundertätigen Marienbild brachten Pilger und Einkünfte in die Stadt.) Und Martin Luther, der ja selbst als Pilger in Rom war, kritisierte ja auch nicht das Pilgern an sich, sondern seine vorwiegend finanziellen Missbräuche und Auswüchse. Dennoch war die Reformation der entscheidenden Traditionsbruch und das Pilgern wurde zu einer fremden Glaubenspraxis. Jetzt wird es wiederentdeckt. Gaby Bühne, Gaby Wedemeier und Rita Weber von der verbundenen Kirchengemeinde Rolfshagen/Kathrinhagen haben die Pilgerwanderung vorbereitet, es ist eine Premiere für alle. Nach einer halbstündigen Andacht in der Rogate-Kirche, wo ein orangenes Band in den Fenstern den Kirchenbesucher zum Altar und wieder hinaus begleitet, geht es über den "Schaumburger Weg" in Wendthagen durch den Wald. Denn jeder Pilgerweg beginnt ja mit dem Aufbruch. In ihm liegt die große besondere symbolische Kraft, denn er markiert das Heraustreten aus dem Alltag. Das Gewohnte wird ganz zurück gelassen, im Grunde bleibt sogar die eigene Individualität zurück. Der Weg selbst bietet dann viele Erfahrungsmöglichkeiten, die für Menschen heute von besonderem Reiz sein können: Das Leben verlangsamt und vereinfacht sich, konzentriert sich auf Gegenwärtiges und Wesentliches. Der Körper wird intensiv erfahren: Stärke und Schwäche, Anspannung und Entspannung werden wahrgenommen. Der Pilger macht neue Erfahrungen mit und in der Natur, dazu kommen Erfahrungen mit anderen Menschen, mit denen er geht oder die ihm auf dem Weg begegnen. Kurzum: Der Wanderer entwickelt eine "Pilgeridentität". Dazu gehört auch der richtige Rhythmus. Gehen am Anfang noch alle Auetaler Neupilger strammen Schrittes durch den Wald, wird die Gruppe nach ein paar Kilometern langsamer - die Sinne beginnen, die Natur bewusst wahrzunehmen, jeder sucht - und findet - seinen eigenen Rhythmus. Flüsse, Berge, Wälder, Wirklichkeit und Postkartenbilder: Der Weg von Wendthagen nach Kathrinhagen ist rund zehn Kilometer lang - und er ist schön. Entlang des Steinbruches Obernkirchen geht es zu einer kleinen Hütte, wo Rolfshagen und Kathrinhagens Seelsorgerin Dr. Heike Köhler mit einem bewusst karg gehaltenen Imbiss wartet - auch die Pilger in längst vergangenen Tagen mussten sich meistens von dem ernähren, was sie entlang des Weges in Wald und Flur fanden. Weiter geht es durch den Wald nach Kathrinhagen, wo Tretbecken und Köhlerhütte besucht werden, ehe eine kleine Andacht die Pilger-Wanderung beschließt. Dann geht es nach Hause, denn jeder Pilgerweg führt letztlich auch wieder zurück in den Alltag. Aber er bietet die Chance, auf dem Weg Erfahrenes für den Alltag fruchtbar werden zu lassen. Und womöglich neu gewonnene Erfahrungen könnten zudem in die tägliche Gemeindearbeit einfließen. Ein Nachgedanke: Die Organisatoren solltenüberlegen, ob sie diese schöne Wanderung nicht mehrmals im Jahr anbieten. Zum einen kann so das richtige Schreiten durch Flora und Fauna, das Pilgern eben, geübt werden, zum anderen präsentiert sich die Natur ja nicht immer von ihrer nassen Seite. Und bei schönem Wetter kann es auf dem Weg von Wenthagen nach Kathrinhagen ja auch ganz angenehm sein.

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