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Ärger um Gutachten: Pächter und Stadt uneins über Maßnahmen an Töneböns Teichen

Ja zum Naturschutz – aber ohne Kormorane?

Hameln(kar). „Der See ist leergefischt. Graureiher, Eisvögel und Haubentaucher sind verschwunden, weil sie keine Nahrung mehr finden“, stellen Dr. Axel Jaenicke und Klaus Hoppe für den Blauen See im Naturschutzgebiet Töneböns Teiche fest. Die beiden Hauptpächter einer seit 50 Jahren bestehenden Pachtgemeinschaft aus elf Mitgliedern haben den Schuldigen längst ausgemacht: der Kormoran. Nicht einige wenige seiner Spezies haben die Bäume am See zu Schlafplätzen erkoren, sondern bis zu 300 Tiere überwintern dort seit zwei bis drei Jahren regelmäßig. Weiß sei es dort seither geworden. Denn: „Die koten alles zu“, sagt Jaenicke.

veröffentlicht am 03.11.2009 um 10:08 Uhr
aktualisiert am 12.11.2009 um 11:28 Uhr

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Autor:

Karin Rohr

Hameln(kar). „Der See ist leergefischt. Graureiher, Eisvögel und Haubentaucher sind verschwunden, weil sie keine Nahrung mehr finden“, stellen Dr. Axel Jaenicke und Klaus Hoppe für den Blauen See im Naturschutzgebiet Töneböns Teiche fest. Die beiden Hauptpächter einer seit 50 Jahren bestehenden Pachtgemeinschaft aus elf Mitgliedern haben den Schuldigen längst ausgemacht: der Kormoran. Nicht einige wenige seiner Spezies haben die Bäume am See zu Schlafplätzen erkoren, sondern bis zu 300 Tiere überwintern dort seit zwei bis drei Jahren regelmäßig. Weiß sei es dort seither geworden. Denn: „Die koten alles zu“, sagt Jaenicke. Durch die aggressiven Ausscheidungen sei eine Wildorchideen-Population nahezu verschwunden: „Früher gab es hier vom Stendelwurz 50 bis 60 Pflanzen“, erzählt Jaenicke, „Jetzt muss man suchen, um eine einzige zu entdecken.“ Wildorchideen vertrügen keinen Dünger, erklärt der Experte, der selbst Orchideen züchtet. Hoppe und Jaenicke sehen sich als Naturschützer: „Wir haben aus einem müden Kiesloch ein Naturparadies gemacht.“ Der Blaue See sei zwar nicht öffentlich zugänglich, aber die Pachtgemeinschaft betreibe dort Landschaftspflege, hänge Nistkästen auf und gebe vielen Tieren ein störungsfreies Rückzugsrefugium. „Nebenbei nehmen wir auch soziale Aufgaben wahr“, sagt Jaenicke und denkt dabei an die Senioren des Tönebönstiftes, die regelmäßig im Sommer zum geselligen Nachmittag an den See eingeladen werden. Die Stiftung ist Verpächter, kassiert jährlich 5000 Euro von der Pachtgemeinschaft: „Geld, das die Stiftung auch dringend braucht“, weiß Jaenicke.

Geld, das die Pachtgemeinschaft aber „nicht zum Fenster rausschmeißen“ will, wenn der See weiter ohne Fische ist und die Natur dort leidet. Laut Fangbuch, das akribisch von der Gemeinschaft geführt wird, gab es früher im Blauen See 150 bis 200 Kilogramm Edelfische: „Karpfen, Zander, Schleie, Hechte, Aale und jede Menge Weißfische“, listet Hoppe auf. Als vor zehn Jahren die ersten Kormorane auftauchten, war das noch kein Problem. Als aus einzelnen Hunderte wurden, ging der Fangertrag zurück: „Seit zwei bis drei Jahren ist er gleich Null“, so Hoppe: „Es gibt keine Fische mehr.“

Diese Tatsache und die Auswirkungen auf die Natur haben die Pächter veranlasst, im Jahr 2006 bei der Stadt Hameln einen Antrag auf „Vergrämungsabschuss“ der Kormorane zu stellen. Jaenicke: „Er wurde mit der Begründung abgelehnt, dass es genügend Wildorchideen in Niedersachsen gebe und auch das Verschwinden von Tieren wie Graureiher, Eisvogel oder Haubentaucher ein natürlicher Prozess sei und vorkomme.“

„Utopische Verbesserungsvorschläge“: Die Teichpächte
  • „Utopische Verbesserungsvorschläge“: Die Teichpächter Dr. Axel Jaenicke (li.) und Klaus Hoppe studieren das Gutachten.
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Die Pachtgemeinschaft legte Einspruch ein, das Tönebönstift schaltete sich ein, beauftragte eine Anwaltskanzlei in Hannover, die der Stadt Hameln Formfehler nachwies. „Dann kam es zwar endlich zum Gespräch mit der Verwaltung“, sagt Hoppe rückblickend: „Aber man bat uns um Geduld. Die Stadt werde ein Gutachten veranlassen.“

Für dieses Gutachten tummelten sich bald renommierte Landschaftspfleger und Biologen auf dem Gelände des Blauen Sees: „Bäume, Wasser, Tierbestand – alles wurde untersucht und aufgelistet“, sagt Jaenicke. Und: „Die Vorschläge zur Verbesserung des Naturschutzgebietes können wir alle unterstützen.“ Der Haken dabei: „Wenn man sie umsetzen wollte, braucht man dafür einige hunderttausend Euro“, stellen die Pächter fest. Denn zu den Vorschlägen in dem Gutachten zählen so eingreifende Maßnahmen wie:

Das Abholzen ufernaher Bäume und Anlage einer Flachwasserzone mit einem Schilfgürtel.

Vergrößerung des Naturschutzgebietes und damit verbunden Aufgabe einiger Gartenhäuser in der angrenzenden Kolonie sowie Verlegung eines Wanderweges.

Verlegung eines Entenfutterplatzes und Anlage eines Aussichtsturmes.

Auch der Lärm vom Tönebön-Camp und Sportplatz sei problematisch.

„Alles gut und schön, aber reine Utopie“, kritisieren die Pächter die Vorschläge, denn Geld zur Umsetzung sei nicht vorhanden. Sie unterstellen der Stadt vielmehr Hinhaltetaktik und das Verpulvern von 20 000 Euro für ein Gutachten, das reine Makulatur sei. „Stimmt nicht“, hält Stadtsprecher Thomas Wahmes dagegen. Das Land Niedersachsen habe das Gutachten bezahlt: „Um die Situation in dem Naturschutzgebiet zu untersuchen und zu verbessern.“ Wahmes räumt aber ein: „Wir kommen nicht weiter, weil das Land die Umsetzung dieser Maßnahmen nicht fördert.“ Gleichwohl versuche man in der Verwaltung aktiv zu werden und „Gelder für Strukturverbesserungen lockerzumachen.“ Dazu würden Gespräche mit Fachbehörden und der Vogelschutzwarte geführt. Ein Ansatz des Gutachtens, das zu dem Schluss kommt, der Abschuss von Kormoranen sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu empfehlen, sei es, Rückzugsgebiete für Fische zu schaffen, zum Beispiel durch Schilfgürtel.

Mit der Antwort der Stadt wollen sich Hoppe und Jaenicke nicht zufriedengeben: „Wenn man nichts umsetzen kann, muss man erneut über das Kormoranproblem nachdenken“, fordern die Pächter.

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