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Jubiläum wurde schon einmal im Jahr 1930 gefeiert / Für große Feier damals zu wenig Geld

Ist Schaumburg schon 980 Jahre alt?

Fürstenumzug, Historiker-Symposion, Sonderbeilage der heimischen Tageszeitungen und reges Interesse vonseiten der „Landeskinder“ – das Jubiläum „900 Jahre Schaumburg“ kommt – nicht zuletzt auch dank stattlicher finanzieller Förderung – als gelungene Mischung aus seriöser Information und öffentlichkeitswirksamer Show-Inszenierung daher.

veröffentlicht am 20.08.2010 um 15:14 Uhr

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Angesichts von so viel kreativem Engagement ist es kein Wunder, dass die lange Zeit höchst umstrittene Frage nach den Anfängen der Schaumburg und ihrer Bewohner sowie die Tatsache, dass es bereits vor 80 Jahren eine 900-Jahr-Feier gab, in Vergessenheit geraten ist und in der derzeitigen Berichterstattung keine Rolle mehr spielt. Hintergrund: Bis in die jüngste Vergangenheit hinein gingen viele der hierzulande tonangebenden Geschichtsforscher und Heimatkundler davon aus, dass der Beginn der heimischen Region nicht, wie man heute überzeugt ist, ins Jahr 1110, sondern ins Jahr 1030 zurückzudatieren sei. Das führte dazu, dass am 18. Juni 1930 die erste, hierzulande begangene Gedenkveranstaltung „900 Jahre Schaumburg“ über die Bühne ging.

Austragungsort der damaligen Zeremonie war die Schaumburg, Initiator und Ausrichter der Heimatbund der Grafschaft Schauburg. Der vor allem aus Lehrern, Apothekern, Fabrikanten und höheren Verwaltungsbeamten der Kreismetropole Rinteln getragene Verein war 1908 als „Museumsverein der Grafschaft Schaumburg zu Rinteln“ aus der Taufe gehoben worden und kümmerte sich in erster Linie um Ausbau und weitere Ausstattung des damals neu eingerichteten Museums.

Daneben war das Interesse auf die Erforschung der Heimatgeschichte ausgerichtet. Dabei spielte naturgemäß auch die Schaumburg als Ursprung, Namensgeber und steinernes Symbol der Region eine besondere Rolle.

Als eine Art „befremdliche, aber unabänderliche Fügung des Schicksals“ empfand man in der bis 1866 hessischen und später preußischen Kreisstadt dabei die Tatsache, dass die nur wenige Kilometer vor der eigenen Haustür und im eigenen Zuständigkeitsbereich gelegene Festung der Schlossherrschaft im fernen schaumburg-lippischen Bückeburg gehörte. Hintergrund: Das über lange Zeit unbeachtet gebliebene und total verfallene Gemäuer war im Jahre 1907 dem damals amtierenden Fürsten Georg vom preußischen König Wilhelm II., in Personalunion deutscher Kaiser, als Silberhochzeitsgeschenk vermacht und von diesem mittlerweile rundum saniert worden.

Als die Rintelner ihre Jubiläumsveranstaltung planten, hatte Georgs Sohn Adolf das Burgherren-Erbe angetreten. Er stellte dem Heimatbund die Anlage bereitwillig als Treff- und Versammlungsort zur Verfügung. Zu einer weitergehenden Unterstützung der zu Ehren seiner Vorfahren gedachten Veranstaltung mochte sich Adolf jedoch nicht durchringen. Auch die Stammesbrüder und -schwestern des schaumburg-lippischen Heimatvereins und die hiesige Bevölkerung insgesamt zeigten wenig Interesse. So kam es, dass die Rintelner Initiatoren mit ihrem damaligen Vorsitzenden Landrat Dr. Erich Möwes an der Spitze bei der Vorbereitung und Durchführung des Festes weitgehend unter sich blieben.

Für eine größere Veranstaltung und ein aufwendigeres Rahmenprogramm habe das Geld gefehlt, klagte Möwes bei der Begrüßung der Gäste. Auch die lange gehegte Idee, ein historisches Theaterspiel zu inszenieren, habe man aus Kostengründen über Bord werfen müssen. So begnügten sich die Anwesenden mit historischen Vorträgen und Fachdiskussionen. Hauptthema war naturgemäß die Entstehungsgeschichte des Schaumburger Grafengeschlechts und deren Burg.

Die historische Begründung der augenblicklichen Jubiläumsfeierlichkeiten liefert bekanntlich ein um 1167 verfasstes Dokument – die sogenannte „Slawenchronik“. Darin wird berichtet, dass im Jahre 1110 einem bis dato unbekannten „edlen Herrn Adolf von der Schaumburg“ (nobili Adolfo de Scowenburg) das Amt des Grafen von Holstein und Stormarn übertragen worden sei. Auf Papier festgehalten hat diesen Sachverhalt ein holsteinischer Pfarrer namens Helmold. Seine Darstellung ist nach derzeitigem Erkenntnistand die älteste und zugleich einzig glaubwürdige Quelle bei der Suche nach den Anfängen der heimischen, heute als „Schaumburger Land“ bezeichneten Region.

Das sahen frühere Geschichtsforschergenerationen noch anders. In den älteren Untersuchungsberichten und Veröffentlichungen taucht eine ganze Reihe von unterschiedlichen Jahreszahlen und Darstellungen zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Festung und ihrer Bewohner auf.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts rückte das Thema erneut in den Blickpunkt. Auslöser war eine Erkundungstour der „Vereinigung zur Erhaltung deutscher Burgen“ mit Sitz in Berlin. Anfang Mai 1926 war die hochrangige, 120-köpfige Delegation mit dem Architekten Bodo Ebhard an der Spitze auch auf der Schaumburg zu Gast.

Während der anschließenden Diskussion setzte sich mehr und mehr die Auffassung durch, dass die Burg im Jahre 1030 erbaut worden und dieses Datum auch als Beginn von Schaumburgs Geschichte zu werten sei. Hauptwortführer dieser These war der zu jener Zeit angesehene Geschichtsforscher Professor Otto Zaretzky, der seine Meinung in mehreren Zeitungsveröffentlichungen kundtat.

Als Beweis führten er und die anderen Befürworter unter anderem eine bereits von früheren Chronisten erwähnte, zwischenzeitlich jedoch vermutlich verloren gegangene und bei den Sanierungsarbeiten auf der Schaumburg 1907 angeblich (wieder-)entdeckte Steinplatte ins Feld, auf der nach Aussage von Augenzeugen – wenn auch nur schwer lesbar – die Jahresangabe 1030 eingraviert war.

Das Merkwürdige daran ist, dass die Platte mittlerweile erneut verschwunden ist. Nach einem Hinweis der Schaumburger Zeitung vom 10. Mai 1930 war jedoch zuvor ein originalgetreuer Gipsabguss angefertigt worden, der damals „in dem im sogenannten Amtshause eingerichteten Museum“ zu sehen war.

Zur (ersten) Feier zum 900-jährigen Bestehen der Schaumburg im Juni 1930 findet sich eine „stattliche Zahl von Mitgliedern und Gästen“ des Heimatbundes der Grafschaft Schaumburg ein.



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