weather-image
28°
Warum Lügdes Bahnhofsunterführung knapp sieben Jahre nach ihrem Bau so schäbig aussieht

Ist gegen die Graffiti kein Kraut gewachsen?

Lügde. Der eine greift zur Sprayflasche, der Nächste setzt den Edding an. Augenfällig werden die Äußerungen jugendlichen Gestaltungsdrangs auf den Sandsteinplatten an den Wänden von Lügdes Bahnhofsunterführung. „Diese Street Art sehe ich relativ ganz entspannt“, sagt Heinrich Schlieker, als er mit seiner Tochter Doraja durch den kurzen Tunnel geht. „Ich weiß noch, wie das war, als man eine Ewigkeit an der Schranke warten musste“, erinnert sich der heute bei Boston im US-Bundesstaat Massachusetts lebende Lügder.

270_008_6081678_pn306_0301_jl_1232.jpg
Juliane Lehmann

Autor

Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen mit Ihrem Digital-Abonnement
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Der weltläufige Blickwinkel des Chemikers mag sowohl seinem heutigen Wohnort als auch der Sicht seiner Frau Astrid Reischwitz geschuldet sein. „Meine Mutter fotografiert auch Street Art“, erzählt die zehnjährige Doraja.

Die Mehrzahl der erwachsenen Lügder betrachtet die Graffiti an der Tunnelwand indes schlicht als Schmierereien. Und im Vergleich zu den bildnerisch anspruchsvollen Farbkompositionen manchen Straßenkünstlers schwächeln die simplen Zeichen denn auch ziemlich. Denn die mehrheitlich schon einige Jahre alten Markierungen spielen eher in der Liga der Dorfdisco-Klosprüche und mögen inzwischen selbst manchem Urheber peinlich sein.

Das Problem: Einfach zu entfernen sind die Graffiti nicht. Die notwendigen Lösemittel würden nämlich nicht nur die Farbe entfernen, sondern auch den empfindlichen Sandstein angreifen.

270_008_6081675_pn305_0301_jl_Tunnel_3_5_2007_jl_06.jpg
270_008_6081043_pn301_0301_5sp_jl_Tunnel_21_12_2012_7229.jpg
  • Echt nachhaltig: die angejahrten Graffiti in Lügdes Bahnhofsunterführung. Heinrich Schlieker und seine Tochter Doraja sehen derlei „Street Art“ entspannt. Wenn sie nicht gerade die Familie in der alten Heimat besuchen, leben sie in der Nähe der US-Millionenmetropole Boston – und sind anderes gewohnt. Foto: jl

Als „Katastrophe“ sieht Bürgermeister Heinz Reker die Situation, wenn er den Blick in den Tunnel richtet. Und nicht nur dorthin: Auch ganz ohne Bemalung sieht die Verkleidung an den Ab- und Aufgängen ebenfalls eher unschön aus. „Die Unterführung war eine Maßnahme, bei der aus gestalterischen Gründen sehr viel Geld ausgegeben wurde“, sagt Lügdes Verwaltungschef, der zu Zeiten der Unterführungsplanung noch Kämmerer war. „Da haben die Planer zu sehr auf die Optik geachtet, und zu wenig auf Zweckmäßigkeit.“

Rainer Huneke von der Kreisverwaltung kann ihm da nur zustimmen: „Die Materialwahl ist der zentrale Punkt“, sagt der heutige technische Leiter des kommunalen Straßenbaubetriebs in Detmold.

Zufrieden mit der schäbigen Optik ist keiner, doch das Problem ist eben nicht einfach und günstig auf der Welt zu schaffen. „Aber es steht für 2013 auf dem Zettel“, verspricht Huneke. „Wir sind nur nicht einig, was wir damit machen wollen.“ Die Bezeichnung „Auseinandersetzung“ über das Thema scheint ihm indes zu hoch gegriffen.

Vor eineinhalb Jahren sei man der Lösung des Problems schon einmal recht nahe gewesen, erinnert er sich. Damals hätten als Tunnelverkleidung fast jene kunststoffbeschichtete Fassadenplatten das Rennen gemacht, wie sie auch die Gigas-Mensa auf dem Ramberg zieren. „Aber die Investition wäre zu hoch gewesen“, sagt Huneke und verweist auf die Kosten, die zulasten der Steuerzahler gegangen wären. So gut seine Behörde ansonsten mit der Stadt Lügde kooperiere, so dämpft Huneke doch die hiesigen Erwartungen: „Der Kreis wird keine sechsstellige Summe in die Hand nehmen können, um eine gemeinsame Fehlentscheidung zu korrigieren.“

Federführend bei der Gestaltung waren vor acht Jahren unter anderem ein Kreis-Mitarbeiter, der längst im Vorruhestand ist, sowie ein freier Architekt; beide hatten offenbar wenig Erfahrung mit solchen Bauten. „Die Einheit von Bau und Betrieb ist hier nicht eingehalten worden“, sagt Huneke heute, der das Projekt damals mur zeitweilig vertretungsweise betreute.

Im Falle einer Umgestaltung schwant ihm zudem ein weiterer potenzieller Konflikt: Würden die Steine zum Beispiel überstrichen, um die alten Liebesschwüre der Teenies ein für alle Mal zu tilgen, „könnte der Bund der Steuerzahler zu Recht fragen, warum seinerzeit so viel Geld für die Sandsteinverblendung ausgegeben wurde“, sagt Huneke, der im Entfernen der Platten auch keine Option sieht. Denn angesichts der 25-jährigen Verwendungsbindung müsste dann eventuell eine sechsstellige Summe Fördergeld zurückgezahlt werden. „Und davon ist die Erneuerung noch nicht bezahlt.“ Die Verkleidung zu verkleiden würde er indes konstruktiv nicht zulassen. Aktuell baut er auf „Fortschritte in der Bauchemie“. Etwas Spruchreifes gebe es jedoch noch nicht.

Grundsätzlich sieht der Ingenieur im Übrigen auch ein ordnungsbehördliches Problem. „Der Datenschutzbeauftragte hat damals Kameras in der Unterführung untersagt.“ Heute würde das vielleicht anders gesehen.

Algen und ausblutender Kalk oder gar Absplitterungen finden sich an manchen Sandsteinplatten. Das anfängliche Problem mit der Feuchtigkeit wurde allerdings schon 2007 gelöst: Damals besserten die Handwerker im Bodenbereich nach (rechts). Fotos: Archiv/jl

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare