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Der Germanenkult und die Runenbildtafel vom Hohenstein – Karl von Münchhausen spürte ihnen nach

Irdene Scherbe verschüttgegangen?

Eigenwillig und urtümlich wirkende Felsgebilde haben schon immer die Fantasie der Menschen beflügelt. Eines der bekanntesten Beispiele dieser Art hierzulande sind die Hohenstein-Klippen. Jahr für Jahr lassen sich Tausende von Besuchern von Anblick und Aura der bis zu 50 Meter aufragenden Gesteinsformationen beeindrucken. Nicht umsonst wurden weit mehr als 100 wissenschaftliche Bücher, Broschüren und Einzelbeiträge über das auffällige Süntel-Areal geschrieben.

veröffentlicht am 05.03.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 09.03.2010 um 16:21 Uhr

Eine romantische Darstellung des Hohensteins aus der Zeit Karl v

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Eigenwillig und urtümlich wirkende Felsgebilde haben schon immer die Fantasie der Menschen beflügelt. Eines der bekanntesten Beispiele dieser Art hierzulande sind die Hohenstein-Klippen. Jahr für Jahr lassen sich Tausende von Besuchern von Anblick und Aura der bis zu 50 Meter aufragenden Gesteinsformationen beeindrucken. Nicht umsonst wurden weit mehr als 100 wissenschaftliche Bücher, Broschüren und Einzelbeiträge über das auffällige Süntel-Areal geschrieben. Das Gros der aktuellen Veröffentlichungen dreht sich um erdgeschichtliche Fragen und um die Untersuchung und Beschreibung des charakteristischen Tier- und Pflanzenbestands der bereits 1930 unter Naturschutz gestellten Landschaft. Einst stand vor allem das Thema „vorchristliche Kult- und Opferstätte“ im Vordergrund.

Der erste, der sich mit der mythischen Vergangenheit der Naturerscheinung auseinandersetzte, war der Kriegsherr und Dichter Karl Ludwig August Heino von Münchhausen. Der von 1759 bis 1836 lebende Adlige ist, anders als einige seiner ebenfalls schreibenden Verwandten wie der „Lügenbaron“ Hieronymus (1720-1797) und der Balladendichter Börries (1874-1945), heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Das war nicht immer so. Zu seiner Zeit war der von der Besitzung Lauenau stammende Zeitgenosse Goethes, Kants und Schlegels ein recht bekannter Mann. Seine Veröffentlichungen über urdeutsche Legenden und Gottheiten lagen im Trend der Zeit. Die von Vernunft geprägte Ära der Aufklärung war von einem eher romantischen, von der Suche nach nationaler Identität begleiteten Lebensgefühl abgelöst worden. Das Bildungsbürgertum hatte mit zuweilen schwärmerischer Begeisterung die Natur entdeckt. Dabei rückte auch das vermeintlich ursprüngliche Dasein der germanischen Vorfahren in den Vordergrund. Da es keine architektonischen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Hinterlassenschaften vorzuzeigen und zu bewundern gab, wurden die Naturverbundenheit und die Glaubens- und Lebensgewohnheiten der heidnischen Vorfahren zu Zeugnissen einer vermeintlichen Hochkultur stilisiert.

Genau auf diesem Felde waren auch die Themen und Interessen Karl von Münchhausens angesiedelt. In seinen Beiträgen ging es um Lebensart, Glaubenskraft und Identität stiftende Bedeutung der Germanen. Dabei gab es seiner Ansicht nach „auch in der Grafschaft Schaumburg an der Weser, welche einen Teil von der Heimath der Cherusker und Engern (Angrivari) ausmachte“, viel zu entdecken. „Man findet da z. B. noch den Sinngrünen- oder Druidenaltar, den Taufstein Karls des Großen, die Trümmern der Widekinds- und Arminius- oder Hermannsburgen, die Götzen- und Todtenhaine, Tempelplätze etc.“

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Schon bald nach dem Erscheinen von Münchhausens Aufsatz begannen
  • Schon bald nach dem Erscheinen von Münchhausens Aufsatz begannen „Übersetzungsversuche“ der Runenschrift. Die buchstäbliche Übertragung ergab keinen rechten Sinn. Unter Zuhilfenahme von etwas Fantasie stimmte man jedoch der bereits von Münchhausen verbreiteten Interpretation zu. Danach war der Hohenstein „wahrscheinlich einst ein alter heiliger Hayn, wo der Gott oder die Göttin Ostor, bei den Nordländern auch Mani genannt, wovon sich auch der Name Mond ableitete, verehrt wurde. Hier waren die Versammlungen des Volks, hier feyerten sie ihre Feste zu Ehren der Gottheiten“.

1798 brachte von Münchhausen einen Aufsatz mit der Überschrift „Wold und Ostar, zwo altteutsche Gottheiten“ zu Papier. Darin berichtete er über ein Ereignis, das sich „ohngefähr gegen Ausgang des 15ten oder mit Anfang des 16. Jahrhunderts in den schaumburgischen Hauptgebürgen, dem Sündel und Hohnstein“ zugetragen habe. Damals sei „tief im rauen Gebürge“ ein „Stein oder eine große irdene Scherbe mit Figuren und Runschrift zu Tage gespühlt“ worden.

Über den Verbleib des Fundstücks konnte Münchhausen keine konkreten Angaben machen, wusste jedoch zu berichten, dass das gute Stück zunächst eine Zeit lang „in der Rüst- oder Rumpelkammer einer der Münchhausischen Burgen“ gelegen habe und von dort später verschwunden sei. Gott sei Dank habe jedoch einer seiner Vorfahren die „Runenscherbe“ vorher „kopeyen“ und ein auf Holz gemaltes „Konterfey“ herstellen lassen. Diese Nachbildung lag Münchhausen bei der Abfassung seines Fundberichts offenbar vor. Jedenfalls illustrierte er seinen Aufsatz mit einer selbstgefertigten Skizze des Holz-Duplikats.

Um es vorweg zu sagen: Bis heute ist die „irdene Scherbe mit Figuren und Runschrift“ nicht wieder aufgetaucht. Einige Jahre nach dem Tode Münchhausens glaubte ein Geschichtsforscher herausgefunden zu haben, dass das Original einst zur Begutachtung an die Universität Helmstedt geschickt worden und dort vermutlich verschüttgegangen sei. Einen Beweis für die Richtigkeit dieses Hinweises gibt es nicht. Auch das von Münchhausen für seinen Artikel abgezeichnete Holz-Imitat hat außer ihm nie jemand zu Gesicht bekommen. Das hinderte spätere Historikergenerationen nicht, Münchhausen und seine Runentafel als seriöse Quellen zu werten und bei Abfassung einer ganzen Reihe pseudowissenschaftlicher, mit vielen Mythen und Mutmaßungen gespickter Beiträge zugrunde zu legen. Vor allem nach dem Ersten Weltkrieg und während der NS-Zeit wurde der vermeintliche Fund immer wieder als Beleg für die große Bedeutung und Vergangenheit der heimischen Rasse ins Feld geführt.

Die moderne Geschichtsforschung steht derartigen Auslegungsversuchen mehr als skeptisch gegenüber. Hinter vorgehaltener Hand ist von einem „Germanenfimmel“ Karl von Münchhausens die Rede. Eine Erklärung für dessen Denkweise liefert möglicherweise ein Zeugnis, das Münchhausens zeitweiliger Vorgesetzter, der zu seiner Zeit sehr bekannte Offizier, Schriftsteller und „Freigeist“ Johann Gottfried Seume (1763-1810), über seinen adligen Kriegskameraden abgegeben hat: „Münchhausen war ein Mann von gesundem, gediegenem, ungelerntem Verstande“, ist darin zu lesen. „Die einzige Bedenklichkeit war, dass er ein Edelmann war, der den Kopf voll alten Ritterwesens hatte“.

Ein frühes Foto aus dem 1909 erschienenen Bildband „Das Weserbergland und der Teutoburger Wald“ des Reiseschriftstellers Oswald Reißert (1861-1931).

Repros: gp



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