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Interview: "Predigten auf Deutsch müssen unser Ziel sein"

veröffentlicht am 27.04.2009 um 19:09 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:37 Uhr

Schünemann

Hameln. Mit Innenminister Uwe Schünemann (CDU) sprach Ulrich Behmann über Imame, Hasspredigten und neue Wege zur Integration von Migranten.

 

Herr Minister, Sie haben jüngst vorgeschlagen, Niedersachsen solle in die Ausbildung der islamischen Imame einsteigen. Bitte erläutern Sie uns ihren Plan im Detail.


Schünemann: Niedersachsen ist bereit, mit der Ausbildung von Imamen Neuland zu betreten. Die Anregung dazu kam aus dem Beraterkreis „Integration von Muslimen“. Inzwischen ist das Niedersächsische Ministerium für Inneres, Sport und Integration gemeinsam mit dem Kultusministerium sowie dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur mit ersten Überlegungen befasst, um dieses Vorhaben voranzutreiben. Wir wollen einen Studiengang für eine Imamausbildung realisieren. Dabei sollten zwei Gruppen in den Blick genommen werden: Zum einen die bereits in Deutschland tätigen und in der Regel im Ausland ausgebildeten Imame, zum anderen in Deutschland aufgewachsene junge Muslime, die hier ihr Abitur gemacht haben und ein entsprechendes Studium anstreben. Das heißt, es muss zwei Studiengänge geben, nämlich einen Weiterbildungs- und einen Bachelorstudiengang.

 

Was bezwecken Sie damit?

Schünemann: Imame können einen entscheidenden Einfluss auf das Gelingen oder Misslingen der Integration der hier lebenden Musliminnen und Muslime haben. Neben ihrer Funktion als Vorbeter stehen sie ihren Gemeindemitgliedern nicht selten auch als Ratgeber in schulischen, familiären oder anderen sozialen Fragen zur Seite. Wenn sie jedoch selbst die deutsche Sprache nicht beherrschen und kein Wissen über die Abläufe und die Institutionen in der deutschen Gesellschaft haben, ist die Gefahr der Isolation gegeben. Schlimmstenfalls kann dieses Unwissen bis hin zu Hasspredigten führen. Mit dem Angebot einer Weiter- oder Ausbildung für Imame in Niedersachsen wollen wir diesen Tendenzen entgegen wirken. Vielmehr möchten wir die Imame in ihrer Funktion als Brückenbauer zwischen Religion und Gesellschaft stärken, um die Integration der muslimischen Bevölkerung voran zu bringen.

 

Gibt es Erkenntnisse, dass in Moscheen Hass gepredigt wird?

Schünemann: Knapp ein Prozent der in Deutschland lebenden Musline – also eine sehr kleine Minderheit – sind als Anhänger von islamistisch-extremistischen Organisationen, die den Islam für verfassungsfeindliche Zwecke missbrauchen, anzusehen. Der wehrhafte Rechtsstaat muss einerseits die Gefahren des weltweiten islamistischen Terrorismus wahrnehmen, sie nicht verharmlosen. Hasspredigten sind inakzeptabel, genauso wie der Anspruch, den Rechtsstaat in Deutschland nach der Scharia ausrichten zu wollen. Inakzeptabel ist auch, wenn die Rechte von muslimischen Frauen entgegen unserer Verfassung aus religiösen Gründen eingeschränkt werden sollen. Andererseits müssen wir uns vor einem Generalverdacht gegenüber Muslimen hüten. Die große Mehrheit der bei uns lebenden Muslime distanziert sich vom Islamismus und akzeptiert unsere Rechtsordnung. Mit ihnen zusammen gilt es, die aufgeklärten Kräfte innerhalb des Islam stärken. Deshalb wollen wir eine Imam-Ausbildung in Deutschland, in deutscher Sprache. Dies ist auch ein entscheidender Beitrag zur Integration. Wichtig ist doch, dass wir im Gespräch bleiben. Nur im Dialog entsteht Verständnis.

 

Bislang ist es so, dass der türkische Staat die Vorbeter für vier Jahre nach Deutschland schickt und auch deren Gehälter bezahlt. Wenn nun Imame in Deutschland ausgebildet werden und eine Anstellung finden sollten, wer soll dann für den Lebensunterhalt dieser Islam-Gelehrten aufkommen?

Schünemann: Das hängt natürlich mit dem jeweiligen späteren Einsatzort der dann ausgebildeten Imame zusammen. Denkbar wäre beispielsweise, sie in einer Teilzeitstelle als Religionslehrer zu beschäftigen. Für konkrete Aussagen hierzu ist es noch zu früh. Im Übrigen trifft es nur für die Ditib-Imame zu, das sie vom türkischen Staat bezahlt werden. Daneben gibt es in Deutschland auch andere Moschee-Gemeinden und unterschiedliche Modalitäten in der Bezahlung von Imamen.

 

Kritische Türken sagen, ein dreijähriges Studium mache aus keinem Gläubigen einen Imam. In der Türkei entscheide man sich bereits in der 8. Klasse dafür, Vorbeter zu werden.

Schünemann: Das ist der Weg, den ein Imam in der Türkei in aller Regel einschlägt. Entscheidend für uns ist jedoch die Frage, welche Anforderungen an Imame in Deutschland gestellt werden müssen. Hier geht die Funktion der Imame weit über die reine Glaubensvermittlung hinaus. Wir erwarten von Personen in einer solchen Schlüsselfunktion, dass sie über Kommunikationsfähigkeiten verfügen, dass sie sich mit dem Rechtsstaats- und Gesellschaftssystem in Deutschland auskennen und dass sie mit all diesen Kompetenzen ausgestattet ihre Brückenfunktion optimal wahrnehmen können. Dies sind die Inhalte, die auch in den geplanten Studiengängen vermittelt werden sollen.

 

Soll in den Moscheen ausschließlich auf Deutsch gepredigt werden?

Schünemann: Wir denken über eine Imamausbildung an deutschen Hochschulen in deutscher Sprache nach. Es wäre doch geradezu paradox, wenn diese Imame ihre Predigten in den Moscheen nicht auf Deutsch halten würden. Predigten auf Deutsch müssen natürlich unser Ziel sein.

 

Wie sieht es mit Islam-Unterricht an deutschen Schulen aus? Wer soll ihn in welcher Sprache halten? Und wer bezahlt die Lehrer?

Schünemann: Auch hier ist Niedersachsen bundesweit führend. Im Rahmen eines Modellversuchs wird seit fünf Jahren Islamischer Religionsunterricht angeboten. Zurzeit werden an 29 Schulstandorten über 1400 Schülerinnen und Schüler in diesem Fach unterrichtet. Lehrkräfte islamischen Glaubens erteilen diesen Unterricht in deutscher Sprache. Diese Lehrkräfte werden kontinuierlich didaktisch und theologisch fortgebildet. Und seit dem Wintersemester 2007/2008 werden an der Universität Osnabrück in einem bundesweit einmaligen Studiengang islamische Religionslehrerinnen und -lehrer für Grund- und Hauptschulen sowie Realschulen ausgebildet. Der schulische Einsatz dieser Lehrkräfte wird – wie bei allen Religionslehrern – vom Land Niedersachsen finanziert.



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