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Innere Versöhnung

Astrid Bunselmeyer

veröffentlicht am 15.11.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Pastorin

Mein Opa hat nie vom Krieg erzählt. Als kleines Kind habe ich ihn einmal gefragt, woher er denn die Narben am Hals und Kopf hat. "Da wurde ich im Krieg angeschossen." Mehr wurde von ihm nicht dazu gesagt und ich spürte, es war besser, nicht weiter nachzufragen. Andere Menschen haben mir inzwischen allerdings von ihren traumatischen Erlebnissen erzählt. Obwohl sie mir nicht so nahe stehen wie mein Opa, geht es mir sehr nahe. Das Erzählen ist dabei schmerzhaft und befreiend zugleich. Mit Tränen in den Augen beschreibt ein Altersgenosse meines Opas die schrecklichen Momente, in denen er als Soldat auf andere Menschen geschossen und sie verletzt oder getötet hat. Nach dem Krieg habe er darüber nicht reden können, erst als er sich in der Friedensbewegung für Abrüstung einsetzte und das Gefühl hatte, er tut sein Möglichstes, dass kein neuer Krieg beginnt, habe er sich seinen Schuldgefühlen stellen und anderen davon erzählen können. Unvergessen ist die kleine Tochter, die in den Armen ihrer Mutter auf der Flucht aus dem Osten gestorben ist. Derälteren Frau ist es wichtig, mir von ihrer Tochter zu erzählen, so sehr sie auch bei der Erinnerung weinen muss. Daher ist das Gedenken am Volkstrauertag für mich kein anonymes Gedenken, sondern verbunden mit Lebensgeschichten Einzelner, Opfer und Täter, die mir erzählt wurden oder die ich gelesen habe. Deräußere Frieden ist in unserem Land seit Jahrzehnten wiederhergestellt. Doch heißt das, dass die Menschen auch zu einem inneren Frieden, zu innerer Versöhnung gefunden haben? Direkt nach Ende des Krieges standen das reine Überleben, der Wiederaufbau einer eigenen Existenz und die Stabilisierungder Demokratie im Vordergrund. Es war keine Zeit, keine Kraft, gab kaum Angebote und Interesse seitens des Staates und daher oft wohl auch keine Möglichkeit, traumatische Erlebnisse der Opfer und Schuld der Täter aufzuarbeiten, neben den körperlichen auch die seelischen Verletzungen heilenzu lassen. So konnte manche Geschichte bis heute nicht erzählt werden und Versöhnung im ganz persönlichen Bereich noch nicht geschehen. Der Volkstrauertag ist für mich inzwischen ein Tag, an dem ich daran erinnert werde, dass es eine meiner Aufgaben als Pastorin ist, denen, die erzählen möchten, von dem, was sie aus dieser Zeit bedrückt, zuzuhörenund das Schreckliche mit ihnen zusammen auszuhalten. Nicht als Zuhörende für Heldengeschichten, sondern für Klage und Beichte. Mein Opa ist vor einigen Jahren verstorben. Doch ich vertraue darauf, dass er vor Gottes Angesicht seine Geschichte erzählen kann und durch Gott zur inneren Versöhnung und den Frieden für seine Seele findet. ist Pastorin an St. Nikolai.



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