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Bert Simonüberlebt Messerattacke / Auf dem Jakobsweg zurück ins Leben - 1. Station: Bad Nenndorf

Innere Stimme: "Willst du leben, steh auf !"

Bad Nenndorf (tes). Bert Simon gilt als einer der führenden Langstreckenmarschierer der Welt. Mehr als 64 000 Kilometer ist der Expeditionsfotograf gewandert. Bis sich ein weiblicher Stalker (von "to stalk", engl. für belästigen/auflauern) in der ARD-Talkshow Beckmann in seine lungentransplantierte Lebensgefährtin verliebte und ein dreijähriger Albtraum mit tragischem Höhepunkt begann. Scheinbar seelenruhig erzählt der Mann aus Hannover beim Empfang im Haus der Begegnung von dem Tag, als er den Mordanschlag nur knapp überlebte. Auf dem Jakobsweg will er zurück ins Leben finden und der Opferschutzorganisation helfen, die ihm in der schwersten Zeit zur Seite stand - dem "Weißen Ring".

veröffentlicht am 25.03.2008 um 00:00 Uhr

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Lächelnd trägt sich Simon ins Goldene Buch der Stadt ein und lässt sich vom stellvertretenden Bürgermeister Werner Tatge seinen Besuch dokumentieren. Nur die geröteten Augen verraten, dass der 37-Jährige seit dem Anschlag wenig geschlafen haben muss. Bad Nenndorf ist die erste Station auf seinem Pilgerweg von Hannover nach Santiago de Compostela. Zuvor war er bereits 6000 Kilometer durch Indien gelaufen, "um mich ins Leben zurück zu schocken", erklärt er. Seit 14 Jahren wandert Simon, besuchte 54 Länder. Von 2003 bis 2006 engagierte er sich mit seiner an Mukoviszidose erkrankten Verlobten Christine als Leiter eines Vereins für Transplantationsbegleitung. Als die Verlobte im Fernsehen über ihr Leben mit einer Spenderlunge berichtete, verliebte sich die ebenfalls an Mukoviszidose erkrankte Fleischfachverkäuferin Tanja S. in die vermeintliche Seelenverwandte und zog von Bayern nach Hannover. Die Bekanntschaft entwickelte sich schnell zum Psychoterror. Dem Mordversuch gingen insgesamt rund 2500 E-Mails, bis zu 60 Anrufe und rund 20 SMS täglich voraus. "Wir waren Dauergast bei der Polizei und beantragten eine einstweilige Verfügung", berichtet Simon. "Als der Brief des Amtsgerichtes im August 2006 bei Tanja S. ankam, packte sie das längste Messer ein und erschien vor unserem Balkon." Was folgte war ein zweistündiges friedliches Gespräch. Erst als er sie zur Tür bringen wollte, habe die Frau ihm von hinten einen Hammer auf den Kopf geschlagen. "Ich fiel krachend auf meine Knie, überall war Blut, wie in einem billigen Horrorfilm", spricht Simon über die schrecklichste Stunde seines Lebens. "Wenn du leben willst, dann steh auf", habe ihm damals seine innere Stimme befohlen. Er kämpfte gegen die Ohnmacht und zerrte die Angreiferin mit letzter Kraft auf die Straße. Diese zückte das Fleischermesser und stach immer wieder zu. Spätere Untersuchungen der Gerichtsmedizin ergaben, dass die Klinge 25 Zentimeter lang war und ein Sechstel seiner Oberschenkelmuskulatur durchtrennt hatte. Zu diesem Zeitpunkt habe er nur noch gedacht: "Hier werde ich also sterben. Nicht im australischen Outback, sondern am Fahrradständer meines Wohnhauses in Hannover." Der Kampf sei leise verlaufen. "Tanja S. wollte mich töten. Und ich wollte leben. Zeit zum Schreien war nicht", sagt Simon und berichtet, was ihm damals durch den Kopf geschossen ist: "Das ganze Blut, wer soll das hinterher putzen?" Und: "So viel Lärm, das stört doch die Nachbarn." Der Nachbar rettete ihm schließlich das Leben - nach erbittertem Ringen mit der Angreiferin. Im Krankenhaus habe Simon seiner Verlobten geschworen, "etwas Gutes" zu tun. Sein größter Wunsch: 10 000 Menschen für den "Weißen Ring" zu gewinnen. Helferin Karin von Schroeter hatte direkt nach der Tat die Säuberung seiner Wohnung und Therapien organisiert. "Der Augenblick zählt", bestätigt deren Nenndorfer Kollegin, Senta Taege, "Opfer brauchen schnelle Hilfe." Simon hat dem Tod ins Auge gesehen und viel verloren - seine Verlobte verstarb wenige Monate nach dem Mordanschlag. Er selber wiegt nach einem halben Jahr Klinikaufenthalt 20 Kilogramm weniger. Sein Körper erholt sich langsam. Die Schäden an der Seele bleiben. Vom einstigen Siegertyp ist nicht viel geblieben. Ein Großteil seiner Freunde habe sich von ihm abgewandt - zu groß ist die Sprachlosigkeit nach dem Grauen. Und so macht er das, was er am besten kann: laufen. Eine Flucht? Simon lächelt und sagt: "Wie die Pilger im Mittelalter habe ich einen guten Grund, den Jakobsweg zu gehen. Ich bin Überlebender und will etwas zurückgeben von der Hilfe, die ich vom Weißen Ring erfahren habe." In erster Instanz verurteilte das Gericht Tanja S. zu acht Jahren Haft wegen versuchten Mordes. Im Revisionsverfahren wurde die Strafe auf vier Jahre herabgesetzt. Ein abschließendes Urteil steht noch aus. "Das kostet Nerven, weil ich von den Angehörigen der Täterin mit Drohbriefen unter Druck gesetzt werde", so Simon. Lachen sei heute nur Fassade, teilt der Extremsportler sein Leben in "davor" und "danach". Nach dem Auftritt bei "Kerner" wird er im Herbst in "Spiegel TV" und im Magazin der Süddeutschen Zeitung zu sehen sein. Acht Kilogramm Gepäck hat er dabei, die Hälfte davon ist Büro. Jeden Abend berichtet der 37-Jährige im Online-Reisetagebuch von seinen Erlebnissen. Ein Weg, den er nur bei Helligkeit gehen wird. Im Dunkeln sind die Bilder der Tat wieder da, ebenso beim Anblick blutähnlicher Flecken auf dem Bürgersteig und Gerüchen "wie Haarspray", verrät er. "Das erinnert mich an die Täterin." Kontakt: Das Reisetagebuch und weitere Informationen finden Sie unter: www.bertsimon.com .



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