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Bedeutung der Brüder Friedrich und Hermann wenig im Bewusstsein verankert / Straßenbenennung?

Initiative macht sich für Muckermann stark

Bückeburg. Die Aufarbeitung von (schwieriger) Vergangenheit braucht offensichtlich viel Zeit. Erst jetzt, 60 Jahre nach Kriegsende, wird man sich in Bückeburg mehr und mehr der Bedeutung des Namens Muckermann für Geschichte und Selbstverständnis der Stadt bewusst. Eine vor kurzem ins Leben gerufene Bürgerinitiative unter Federführung von Johannes Kersting, Gemeinderatsvorsitzender der katholischen St. Marien-Gemeinde, will sich für die (Um-) Benennung einer "Muckermann-Straße" stark machen.

veröffentlicht am 29.06.2006 um 00:00 Uhr

Eva Rademacher zeigt Johannes Kersting, Gemeinderatsvorsitzender

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Grund: Die Brüder Friedrich und Hermann Muckermann gehören zu den bemerkenswertesten Bückeburger Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Ihrer Lebensleistung wird bleibende Bedeutung beigemessen. Darüber hinaus zählten beide während der NS-Zeit zu den wenigen, die sich dem braunen Unrechtssystem furchtlosentgegenstellten (wir berichteten). Seit Anfang der sechziger Jahre hat sich vor allem der Heimatverein für eine Würdigung der Brüder stark gemacht. 1982 kam es auf Initiative des Vorstands zur Anbringung einer Erinnerungsplakette am Wohnhaus der Familie an der Langen Straße 79 (heute Foto-Klimmer). Alle hier aufgewachsenen neun Muckermann-Kinder, darunter fünf Mädchen, machten bemerkenswerte Karrieren. Am weitesten brachten es die beiden ältesten Söhne Hermann (1877-1962) und Friedrich (1883-1946). Hermann galt bis zu seiner Ausschaltung durch die NS-Rassenideologen als einer der führenden deutschen Wissenschaftler für Erb- und Familienlehre. Publizist und Goethe-Preisträger Friedrich starb - nach zwölfjähriger Flucht - 1946 im Schweizer Exil. Die bisher gründlichste Dokumentation über Leben und Werk der beiden stammt von der Bückeburger Geschichtsforscherin Eva Rademacher. Ihr Engagement hat - über das historische Interesse hinaus - auch einen sehr persönlichen Hintergrund. Eva Rademacher ist als Eva Plüer im Hause Nr. 7 (heute Spannuth-Kricheldorf) an der Langen Straße (während der NS-Zeit "Adolf-Hitler-Straße") aufgewachsen. Vater Hugo Plüer betrieb dort ein Radiogeschäft. Das Gebäude liegt nur 150 Meter vom einstigen Muckermann-Wohnsitz entfernt. Als die kleine Eva wohlbehütet und sozusagen "in Sichtweite" der Muckermanns aufwuchs, waren deren Söhne Hermann und Friedrich längst der Enge ihrer Heimatstadt entwachsen und als bekennende Demokraten der Verfolgung durch das NS-Regime ausgesetzt. Mehr noch als sein älterer Bruder Hermann hatte Friedrich Muckermann zu leiden. Er war seit 1934 auf der Flucht. Ab 1939 hielt er sich - bis zum Einmarsch der Wehrmacht - in Paris auf. Nach Bückeburg kam er nie zurück. Trotzdem war er während seines Pariser Exils regelmäßig bei den Plüers zu Gast. "Mein Vater hatte 1940 ein hochmodernes, mit neuester Kurzwellentechnik ausgestattetes Philipps-Radio im Wohnzimmer aufgestellt", erläutert Eva Rademacher. "Damit konnte man, was damals strikt verboten war, auch ausländische ,Feindsender' empfangen." Als sie als junges Mädchen eines Tages am Knopf herumprobiert habe, seien plötzlich der Name und die Stimme Friedrich Muckermanns aus dem Lautsprecher heraus erklungen. "Ich hatte zufällig "Radio Quai d'Orsay" erwischt", so Rademacher. Der Sender diente Friedrich Muckermann als Plattform für seine regelmäßig ausgestrahlten Ansprachen ans deutsche Volk. "Meine Mutter und ich waren total begeistert und fasziniert", erinnert sich die heute 73-Jährige an die Situation. "Ich kannte zwar Friedrich Muckermann nicht persönlich, hatte aber schon viel über den berühmten Theologen und Publizisten aus unserer Nachbarschaft gehört". Die Nazi-Herrschaft, der Krieg und die Verfolgung Andersdenkender seien ein Dauerthema in ihrer demokratisch eingestellten Familie gewesen. Lange Zeit habe vor allem ihre Mutter keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Hitler-Anhänger gemacht. Der Vater, der damals an der Front war, habe immer wieder zur Vorsicht gemahnt. Um beim Zuhören des "Feindsenders" nicht erwischt zu werden, breiteten Mutter und Tochter eine Decke über sich und das Radio aus. Zum letzten Mal drang Friedrich Muckermanns Stimme aus Paris am 2. Juni 1940 bis nach Bückeburg durch - wenige Tage, bevor die Seine-Metropole von deutschen Truppen erobert wurde. Ein Deutscher sei der letzte Franzose gewesen, der für das christliche Abendland gesprochen habe, soll er später mit leiser Wehmut gesagt haben. Die gesamte Dokumentation ist in "Gegen den Strom - Widerstand und Zivilcourage im Nationalsozialismus in Schaumburg" nachzulesen. Erhältlich ist das Buch in unserer Geschäftsstelle an der Langen Straße.

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