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Von der Rattenfängersage und Bischof Bruno von Schaumburg, der Mähren wiederbesiedelt hat

In Wahrheit ein Menschenfänger?

Der Rattenfänger von Hameln ist weltweit bekannt. Ursache der großen Popularität sei die ungewöhnliche Mischung aus Phantasie, Sensationslust und historischem Hintergrund, so die Volkskundler. Auf nicht alltägliche Art und Weise seien Alltagsängste wie Kindsverlust oder Rattenplage mit Aber- und Wundergläubigkeit verwoben. Kein Wunder, dass es immer wieder Versuche gab, dem Ursprung und Anlass der Sage auf die Spur zu kommen.

veröffentlicht am 11.12.2009 um 23:00 Uhr

Der Rattenfänger von Hameln ist weltweit bekannt. Hier eine Post

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Den wichtigsten Anhaltspunkt dazu liefert die erste schriftliche Überlieferung. Danach hat sich das Geschehen im Jahre 1284 abgespielt. Damals sei ein „schön und überaus wohl gekleideter Jüngling in die Stadt Hameln Mindener Diözese eingetreten“, ist in einem 200 Jahre später zu Papier gebrachten Bericht zu lesen. „Er hatte eine silberne Pfeife von seltsamer Art und begann zu pfeifen durch die ganze Stadt. Und alle Kinder, die jene Pfeife hörten, fast 130 an der Zahl, folgten ihm zum Ostertor hinaus“ (von Ratten und einem vorausgegangenen „Rattenfangfeldzug“ war in der von einem Dominikanermönch abgefassten Beschreibung noch nicht die Rede).

Die Jahreszahlangabe 1284 lenkt die Aufmerksamkeit fast zwangsläufig auf ein Ereignis, dass sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, also etwa um die gleiche Zeit, in der heimischen Region zugetragen hat. Damals ging im Weserbergland eine Art „Massenexodus“ über die Bühne. Dabei sollen an die 15 000 Bewohner der Gegend zwischen Minden und Bodenwerder aus der Heimat „weggelockt“ und ins heutige Tschechien umgesiedelt worden sein – darunter nachweislich auch eine ganze Reihe von Leuten aus Hameln. Der Rattenfänger verkörpert nach Ansicht etlicher Fachleute die Anwerber, die sich während der Aktion als „Menschenfänger“ betätigt und die Leute mit List, Tücke und Versprechungen zum Aufbruch in die Fremde veranlasst hätten.

Wenn diese Deutung zutrifft, dann rückt die Frage nach dem Verantwortlichen und Organisator des mittelalterlichen Menschenmassenzugs in den Vordergrund. Es handelt sich um Bischof Bruno von Schaumburg – ein Angehöriger der heimischen Grafendynastie.

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Nicht zuletzt aufgrund der Tätigkeit Bischof Brunos von Schaumburg galt Mähren bis ins 20. Jahrhundert hinein als Hochburg des Sudetendeutschtums. Hier eine Landkarte aus der Zeit um 1900.

Bruno war 1205 als jüngster Sohn des amtierenden Grafen Adolf III. auf der Familienstammburg zwischen Rinteln und (Hessisch) Oldendorf zur Welt gekommen und aufgewachsen. Wie bei Nachgeborenen üblich, startete er eine Kirchenkarriere. Mit 24 war er Propst in Lübeck und wechselte später in gleicher Funktion nach Magdeburg und Hamburg über. Schon bald ging ihm der Ruf eines dynamischen und selbstbewussten „Machers“ voraus. 1245 beförderte ihn der Papst zum Bischof und schickte ihn nach Olmütz (heute: Olomouc/Tschechien, damals Hauptstadt der böhmischen Markgrafschaft Mähren). Das Gebiet war wenige Jahre zuvor von Mongolenheeren heimgesucht worden. Die Ländereien lagen brach, die ohnehin wenigen Einwohner waren massakriert oder geflohen.

Mit viel Energie machte sich Bruno sogleich an den Wiederaufbau. Der zuständige weltliche Landesherr, König Ottokar II. von Böhmen, ließ ihm freie Hand. Erklärtes Ziel war nicht nur die wirtschaftliche Wiederbelebung der Diözese, sondern darüber hinaus die Kolonialisierung und Sicherung der Gebiete entlang der Sudeten-Gebirgskette einschließlich der Christianisierung der im Grenzbereich zu Polen und Schlesien lebenden Slawenvölker.

Als erstes scharte Bruno eine schlagkräftige Führungsmannschaft um sich. Mit Zustimmung und Unterstützung seines Mindener Amtskollegen durfte er sein neues Team in dessen hiesigem Zuständigkeitsbereich anwerben. Das geistliche und weltliche Herrschaftsgebiet der Mindener (Fürst-) Bischöfe reichte damals weit über die Weser in Richtung Osten und schloss die Städte Nienburg, Hannover und Hameln mit ein. Nach den vor geraumer Zeit veröffentlichten Recherchen des Krainhäger Heimatforschers Hermann Eggers holte Bruno an die 30 Rittersleute und Söldnerführer aus der Weserberglandregion zu sich nach Mähren. Die meisten dürfte er aus seiner Jugendzeit noch persönlich gekannt haben. Als Lohn winkten ausgedehnter Landbesitz, Führungsämter sowie Brauerei- und/oder Mühlenprivilegien.

Hauptaufgabe der neuen Gefolgsleute war die Tätigkeit als Siedlungsbeauftragte („Lokatoren“). So mussten sie sich um die Organisation und Überwachung der Rodungsarbeiten und die Aufteilung und Zuweisung der auf diese Weise hinzugewonnenen Ackerflächen kümmern. Der wichtigste und schwierigste Job aber war das Anwerben von Neusiedlern. Die Idee Brunos, dabei Ortskenntnis und Einflussmöglichkeit der Sprösslinge aus einheimischen Adelsfamilien zu nutzen, erwies sich cleverer Schachzug. Als besonders erfolgreiche Menschenfänger waren hierzulande unter anderen die Ritter Dietrich von Rottorf (Stammhaus zwischen Rinteln und Möllenbeck) und von Ohsen (aus der Nähe von Hameln) sowie die adeligen Gefolgsmannen Apole (Apelern) und von Meynhusen (Meinsen) unterwegs.

Bruno starb 1281 als hoch geachteter Mann. Seine weltlichen böhmischen und später auch habsburgischen Vorgesetzten hatten ihn mit zahlreichen wichtigen politischen Ämtern und Aufgaben betraut. Vor allem dank seiner Initiative entstanden in Mähren „aus wilder Wurzel“ (durch Rodung) mehr als 200 neue Städte und Dörfer. Wenn man so will, kamen durch die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg einige Nachfahren der vor 750 Jahren vom „Rattenfänger“ entführten Menschen wieder ins Land ihrer Vorfahren zurück.

Bischof Bruno von Schaumburg - nach Ansicht etlicher Historiker ist er der Auslöser der Rattenfänger-Sage.



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