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Aus der Serie „Hier lebe ich“

In Tündern mäandern die Straßen wie einst die Weser

Tündern, ohne jeden Zweifel eine derer Hamelner Ortschaften, die ihrem Anspruch an ein schönes Dorf mehr als gerecht werden, führt seine Besucher auf mäandernden Straßen und Sträßchen nicht selten in die Irre. Denn hier, im 2900-Einwohner-Dorf an der kommunalen Grenze zwischen Hameln und Gemeinde Emmerthal, macht nicht nur die Weser einen großen Bogen, sondern auch die Kniepstraße, der Schiffergang oder auch Jobst-Meyer-Brink. Gesegnet sei also die Erfindung des Navigationsgerätes – niemals ohne nach Tündern…

veröffentlicht am 29.02.2012 um 11:28 Uhr

Gesetzt den Fall, man würde nicht mehr herausfinden, ach ja, das wäre dann auch nicht weiter schlimm. Immerhin ist dieses quirlige Dorf mit einer Infrastruktur ausgestattet, die (kaum) Wünsche offen lässt. Kindergarten und Schule, Fußpflegeinstitut und Friseur, Heilpraxis und Schmuckdesign, Sauerkrautfabrik und ein Schlachter, der seine Schweine noch am Gang zu erkennen vermag… „Tündern ist nicht das Schlafzimmer der Stadt Hameln, sondern ein Lebensraum für Jung und Alt“, sagt Herbert Habenicht. Er muss es wissen, ist schließlich durch und durch Tünderaner, dort aufgewachsen, seit Jahren politisch aktiv und nicht zuletzt auch noch Präsident des Heimatvereins Tundirum, weil er sich sowohl für die Geschichte als auch für die Gegenwart und Zukunft seines Dorfes einsetzt. Deshalb kennt er übrigens auch den Grund dafür, weshalb hier so mancher Weg nicht gerade ist, sondern mäandert wie ein Rinnsal im Wald. „Das hat historische Gründe. Es gab drei Weser-Arme in Tündern; der Fluss hat im Verlaufe der über 1000-jährigen Geschichte des Ortes seinen Weg immer wieder verändert. Auf diese Weise sind die Straßen – auch wegen der Angst vor den Hochwassern – den alten Wegen des Flusses angeglichen worden. Es gab damals ja noch keinen Deich.“

Mit Begeisterung spricht Herbert Habenicht von Tündern. Tundirum, der Verein für Heimatpflege und Grenzbeziehung, mit sagenhaften 830 Mitgliedern sozusagen voll im Saft, kümmert sich mit verschiedenen Projekten um das Wohl des Dorfes und seiner Gemeinschaft. Mehr noch: Mit einem Museum, das weit über die Qualität vergleichbarer Einrichtungen in anderen Ortschaften hinausreicht, zeigen die Tünderaner, woher sie kommen und wer sie sind. Die lebhafte Historie und das dörfliche Leben werden hier sehr gelungen dargestellt. Tünderns Dorfmuseum ist ein wesentlicher Bestandteil der Kulturarbeit. Auf dem Hof, der einstmals dem Kraftmenschen von Tündern gehört hat, ist ein Stallgebäude ausgebaut und hergerichtet worden.

Kraftmensch von Tündern – wer zum Teufel mag das gewesen sein? „Es gibt da die Geschichte, dass Jobst-Heinrich Meyer, 1699 geboren, ein Pferd getragen haben soll. Der Mann war 2,05 Meter groß und wohl sehr, sehr kräftig“, sagt Herbert Habenicht. Dieser Landwirt Meyer habe sich aber noch in ganz anderem Hinblick einen Namen gemacht, denn auf ihn geht der Bau des Deiches zurück. Meyer hat den Tünderanern im 18. Jahrhundert die Angst vor dem Hochwasser genommen.

Ach, es gibt so viel zu entdecken, im Tündern von damals wie im Tündern von heute. Wer würde schon annehmen, dass es in solch einem Ort zu einer Zeit, in der hier um die 900 Menschen wohnten, zehn Schuster gegeben hatte? Macht einer pro 90 Menschen. Wer würde annehmen, dass es hier früher sieben Bäcker gab, die Köstliches aus Mehl und Teig zauberten? Man könnte beim Anblick der Tünderaner Mühle, die auch von auf dem Radwanderweg Weser vorbeifahrenden Menschen gut zu erkennen ist, vielleicht darauf kommen. Die Holländerwindmühle wurde 1883 gebaut und gibt einen Einblick in das Leben eines Müllers. Dass es heute, neben so vielen anderen Dienstleistungen und Geschäften, in Tündern keinen einzigen Bäcker mehr gibt, nennt man wohl die Ironie des Schicksals. Nur wenn im alten Backhaus des Museums der Ofen angefeuert und bestückt wird, duftet es nach einiger Zeit schließlich köstlich nach frischem Backwerk in den Straßen der Ortschaft.Jens Meyer

Sportlich, sportlich, die Tünderaner. Zunächst einmal muss klar sein: Es gibt zwei Sportvereine im Weserdorf. Beide – sowohl der HSC Blau-Weiß Schwalbe von 1928 als auch der TSV Schwalbe von 1911 – können auf einige großartige Erfolge verweisen.

Sport, Gemeinschaft und schöne Töne

Vor allem Fußball, Tischtennis und Gewichtheben gehören zu den Erfolgssparten, aus denen auch schon Deutsche Meister hervorgegangen sind. Von Erfolgen, sicherlich nicht immer über die Landesgrenzen hinaus und doch genau so wichtig, werden sicherlich auch die weiteren Vereinsvorstände in Tündern sprechen können. Reservistenkameradschaft, Schützenverein, Realgemeinde, Sozialverband, DRK-Ortsverein, Heimatverein Tundirum und die Forstgenossenschaft tragen zum dörflichen Gemeinschaftswesen bei. Und es darf festgestellt werden, dass sie allesamt versuchen, dem demografischen Wandel mit beachtlichem Engagement entgegenzuwirken. Beispiel: die Freiwillige Feuerwehr. Mit einer Jugend- und einer Kindergruppe sowie einem Musikzug, in dem generationsübergreifend musiziert wird, haben es die Brandschützer geschafft, ein Fundament für die Zukunft zu schaffen. Und dann sind da noch die Kellerasse. Nein, hier fehlt kein wortschließendes „l“, sondern es handelt sich um den örtlichen Skatclub. 1994 wurde er aus der Taufe gehoben und drischt seither, bis die Tischplatte glüht.

Tündern – hier spielt die Musik. Denn neben dem bereits erwähnten Musikzug der Feuerwehr hat sich auch der Chor Unity bereits einen guten Namen machen können. 22 Frauen treffen sich zu den Proben im Pfarrhaus der evangelisch-lutherischen Gemeinde Tündern. Und wo, wenn nicht in der hübschen Kirche mit ihrem romanischen Turm aus dem 12. Jahrhundert sowie dem Schiff mit den gotischen Spitzbogenfenstern (von 1380 bis 1420 erbaut) könnte dieser Klangkörper schöner klingen?

Zahlen, Daten und Wissenswertes zu Tündern

Tündern als eine der schönsten und eigenständigsten Ortschaften der Stadt Hameln stellt sich am Sonntag, 25. März, von 10 bis 18 Uhr mit einer Fülle von Aktionen vor. Zahlreiche Vereine, Geschäfte und Dienstleister präsentieren sich und ihre starken Seiten bei „Entdecke Tündern“. Bereits im vergangenen Jahr wurde dieser besondere Tag im September erfolgreich durchgeführt; jetzt folgt die Neuauflage. „Wir freuen uns alle sehr auf diesen Tag. Es gibt wirklich viel zu entdecken und zu erleben“, sagt Initiatorin Steffi Walter. Von der Homöopathie bis zur Fußpflege, von der kinesiologischen Beratung bis zum Partyservice, vom „Entdecker-Frühstück“ bis zum Museumsbesuch: Der Tag der Tünderaner soll erneut für besondere Ein- und Ausblicke sorgen.

Das Dorf hat sich wahrlich prächtig entwickelt. 2004 wurde das 1000-jährige Bestehen groß gefeiert, denn die erste urkundliche Erwähnung ist auf das Jahr 1004 datiert und in einem Dokument des Klosters Kemnade gefunden worden. Heute leben rund 2900 Menschen im Weserdorf, dessen bekanntester Bürger neben dem Landwirt Jobst-Heinrich Meyer (18. Jahrhundert) sicher der ehemalige Bürgermeister Werner Bruns (1925-1994) war, der 20 Jahre auch als stellvertretender Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont fungierte. Nach ihm wurde auch die „Bürgermeister-Bruns-Straße“ benannt. Er gilt als „Löwe von Tündern“.

Übrigens, das Wappen zeigt ein durch einen schwarzen Balken längs gespaltenen Schild, der links auf silbernem Grund drei blaue Wasserwellen und rechts auf blauem Grund eine goldene gebundene Getreidegarbe zeigt. Landwirtschaft und Weser – Tünderns Wappen könnte treffender nicht aussehen.

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