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In Seenot vor Fehmarn und Feuer im Haus

Der Schaumburger Landrat Heinz-Gerhard Schöttelndreier schätzt Starkwind. In der Politik wie auf dem Wasser. In der Politik hat Schöttelndreier nie wirklich ums Überleben kämpfen müssen. Seine Wiederwahl souverän gewonnen. Auf dem Wasser schon. Gerettet hat ihn sein Sohn Jan.

veröffentlicht am 05.02.2011 um 00:00 Uhr

Der Landrat am Telefon mit der für ihn typischen Geste. Das Telefon, das war das Kommunikationsinstrument, mit dem er Krisen man

Autor:

Hans Weimann

Es ist vor Fehmarn passiert. Schöttelndreier surfte bei starkem Wind und hohen Wellen, hatte versäumt, den Karbonmast zu sichern. Bei einer Halse, einem bei Starkwind ohnehin riskanten Segelmanöver, entschwand das Brett ohne Kapitän mit dem nächsten Wellenberg. Schöttelndreier konnte sich gerade noch am Segel festhalten.

Sein Glück: Er trug einen Trockenanzug, der ihn im eiskalten Wasser am Leben hielt. Über eine Stunde lang trieb er in den Wellen, bis ihn sein Sohn entdeckte.

Dazu muss man wissen, ein flaches Segel, an dem ein Mensch hängt, ist in hohen Wellenbergen praktisch kaum auszumachen. Schöttelndreier erinnert sich: „Ich musste mir eine ganz schöne Standpauke anhören.“

In Illinois (USA) legt der Sheriff dem Landrat Handschellen an. Fotos: tol
  • In Illinois (USA) legt der Sheriff dem Landrat Handschellen an. Fotos: tol
Schöttelndreier auf der Joggingstrecke.
  • Schöttelndreier auf der Joggingstrecke.

Das war in der Zeit, als die Schöttelndreiers noch die ganz Großen im Surfsport persönlich kannten, weil alle noch gemeinsam in den großen Revieren unterwegs waren, in Venezuela, vor Fuerteventura, an der Atlantikküste in Südfrankreich, in der Ägäis. Sohn Jan surfte damals mit dem heutigen Weltstar, der Surflegende Björn Dunkerbeck, mit 35 Weltmeistertiteln erfolgreichster Windsurfer.

Schöttelndreier geht in den Ruhestand, am 8. Februar soll es die große Verabschiedungsfeier in Bad Nenndorf, in der großen Wandelhalle geben. Man darf annehmen, dass nach den offiziellen Reden auch Erinnerungen ausgetauscht werden, die Bonmots, die der Politik die Würze verleihen.

Schöttelndreier war ein Mann des langen Atems, auf der Marathonstrecke wie in der Politik. Seine Bestzeit lief er beim Berlinmarathon in den 80er-Jahren: Unter drei Stunden – drei Stunden, das ist die magische Barriere in dieser Disziplin für Amateure.

Schöttelndreier betrieb Sport mit der gleichen eisernen Disziplin, mit der er seine Verwaltung führte, und riskierte im dunklen Tann des Bückeberges schon mal, einem Jäger vor die Flinte zu laufen. Helma Hartmann-Grolm, Jägerin wie SPD-Kreistagsmitglied, war auf der Pirsch, als ihr der Landrat joggend auf einem Waldweg entgegentrabte.

Eine Geschichte für jeden Genossenstammtisch: Wie ich einmal den Landrat im Visier hatte.

Und der Landrat ruderte. Nicht aus Passion, dafür für einen öffentlichen Zweck. Auf dem Mittellandkanal oder auf der Weser stieg er einmal im Jahr mit Schaumburger Promis ins Ruderboot. Den Termin setzte der Landrat fest, erinnert sich Rintelns Altbürgermeister Friedrich Wilhelm Hoppe.

An der Durchzugskraft des Landrates an den Riemen habe es nie was zu Meckern gegeben, verriet Hoppe, nur den Rollsitz, den habe der Landrat dann doch oft am Ende der rund 25 Kilometer langen Strecke als hart empfunden.

Heute fährt Schöttelndreier öfter Rad – mit der Familie. Eine große Radtour ist auch nach dem großen Abschied geplant: Richtung Süden durch Taubertal, Altmühltal und dann die Donau hinab bis Passau.

Rund 550 Kilometer können das werden, auf denen Schöttelndreier mit wachsender Entfernung zu Schaumburg auch Abstand zu seinem Fulltime-Job gewinnen will.

Schöttelndreier hat, anders als sein Vorgänger im Amt Dr. Klaus-Henning Lemme, nicht gerade mit dem Hausmeister Skat gespielt, war aber sonst für manchen Spaß zu haben.

Er schwang sich auch bei strömenden Regen aufs Fahrrad, um mit Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz in Rinteln das Felgenfest zu eröffnen, den autofreien Tag zwischen Bodenwerder und Rinteln.

Er ließ sich bei der Eiswette im Sonnenbrinkbad in Obernkirchen übers Eis schleifen, knallte auf der Gewerbeschau im Auetal auf dem Bremsschlitten des ADACs für einen Gurttest gegen eine Barriere und trabte beim Citylauf in Rinteln über die Wälle.

Karl-Heinz Frühmark, Vorsitzender der Vereinigten Turnerschaft Rinteln, dem größten Sportverein der Stadt, applaudiert noch heute: zehn Kilometer und in der Altersklasse ganz vorne. In den letzten Jahren begnügte sich Schöttelndreier damit, einen Lauf zu starten: „Aber einen Umschlag hat er immer mitgebracht.“

Auf der Regionalschau in Stadthagen wurde der Snack „Vitaler Schaumburger” kreiert mit einer Kräuter-Charly-Wurst. In der Partnerstadt Illinois in Schaumburg (USA) ließ sich Schöttelndreier vom Sheriff Handschellen anlegen, er nagelte mit dem niedersächsischen Finanzminister Hartmut Möllring um die Wette, zischte beim Spiel ohne Grenzen der Jugendwehr Rehren mit einem Kickboard bergab, schlug beim Grünkohlessen in Bückeburg die große Trommel.

Gags, oft nur für Pressefotografen inszeniert, eine Liste, die sich endlos fortsetzen ließen. So was gehört einfach zum Business. Schöttelndreier absolvierte die Übungen mit gewinnendem Lächeln. Ganz Profi eben.

Was jüngst bei dem Feuerwehrabschied für den Landrat in Obernkirchen übrigens nicht zur Sprache gekommen ist: Nach Weihnachten, am 6. Januar, wollte die Familie noch einmal die Kerzen, echte Kerzen, auf dem Weihnachtsbaum anstecken. Der Baum kippte um. Die Familie löschte mit Teppichen, Wasser und Decken. Als die Feuerwehr eintraf, war das Feuer bereits aus – typisch für Schöttelndreier.

Ein Schrecken übrigens, der heute noch der Familie in den Knochen sitzt. Das ganze Haus wurde verrußt, die Familie verletzt. Schöttelndreier sieht es mit dem ihm eigenen Galgenhumor: So bekomme er wenigstens zu seinem Ruhestand ein durchrenoviertes Heim. Es gibt sogar neue Schränke.

Schöttelndreier und die Grafschafter, das ist ein Kapitel für sich. Er fand zwar immer den Weg nach Möllenbeck in die Hildburgstraße in den Partykeller von Rintelns Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz, wenn der zu seinem Geburtstag eingeladen hatte. Buchholz hatte ja auch nichts gegen den Stadthäger und schenkte gerne ein, nur gegen die Politik, die in der Kreisstadt gemacht wurde. Spötter behaupten ja auch, das Schaumburger Autokennzeichen SHG bedeute in Wahrheit „Schöttelndreier Heinz Gerhard“.

Dass der Landrat sein Amt und seine Aufgaben geliebt und dafür gelebt hat, bezweifelt niemand. Der SPD-Landtagsabgeordnete Heiner Bartling mühte sich im Jahre 2006 gerade schweißüberströmt auf dem Rennrad die Schwarzwaldberge bei Titisee-Neustadt hoch, als sein Handy klingelte. Im Schaumburger Land tobte zu dieser Zeit der Kommunalwahlkampf. Am Apparat war Schöttelndreier, der Bartling darüber informierte, dass der CDU-Gegenkandidat Klaus-Dieter Drewes mit gigantischen Großplakaten auf sich aufmerksam mache.

Bartling sah keinen Grund, nachzulegen und beruhigte seinen Parteigenossen. Schöttelndreiers Verdienste, seine professionelle Amtsführung als Landrat würden die paar Quadratmeter Papier locker aufwiegen.

Bartling hat recht behalten. Drewes verlor. Sogar zweimal. Selbst Jörg Farr dürfte vom Schöttelndreier-Faktor profitiert haben.

Vom Kabarettisten und Moderator Dieter Nuhr stammt das Bonmot: „Dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat, finde ich knapp. Da habe ich mit Handwerkern ganz andere Erfahrungen gemacht.“

Der Mann hat Schöttelndreier nicht gekannt. Der entwarf, wenn es darauf ankam, an einem Tag eine komplette neue Welt. Einmal in Fahrt, war er nicht zu stoppen.

Was übrigens auch für Telefonate galt. So erinnert sich Ursula Helmhold, Landtagsabgeordnete der Grünen: „Die einzige Chance, dazwischen zu kommen, war, einfach zu sagen so, jetzt bin ich aber mal dran!“

Den Verwaltungen wird von Politikern gern vorgeworfen, sie würden Fakten zurückhalten, zu spät, nur bruchstückhaft und gesteuert informieren. Schöttelndreier, erzählt der ehemalige SPD-Fraktionschef Wolfgang Foerstner, hatte da eine ganz andere Taktik.

Historiker haben einmal 281 Gründe aufgelistet, warum das Römische Reich untergegangen ist. Schöttelndreier hätte, scherzt Foerstner, garantiert alle 281 Gründe gekannt, wenn es für seinen Job relevant gewesen wäre.

Es gab Kreistagsabgeordnete, die in Schöttelndreiers Informationsfluten schlicht abgesoffen sind. Und wer bot sich dann als Rettungsanker an? Der Landrat, logisch, wer sonst. Als Wegweiser aus dem Labyrinth einer komplexen Sachlage, in der alles mit allem zusammenhängt.

Pragmatismus wäre für diesen Führungsstil der falsche Ausdruck. Schöttelndreier war Meister der Chaostheorie, der nichtlinearen Systeme. Und was ist Politik anderes?

Eine Rolle, erzählen Weggefährten, die Schöttelndreier mit Vergnügen ausfüllte, nach dem Motto: „Also, wenn Ihr mich fragen würdet, würde ich Euch empfehlen…“



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