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Hamelner Autor gibt der Sage eine neue Dimension

In Marco Bergmanns Roman liebt der Pfeifer einen Mann

Hameln. Gier, Geiz und Rachegedanken – ist das die tragische und düstere Geschichte des Rattenfängers? Wie dunkel muss sein Leben gewesen sein, damit er es über das Herz bringen konnte, die Hamelner Kinder zu entführen? Fragen, die sich Marco Bergmann gestellt hat. Fragen, denen er auf seine Art nachgegangen ist. Immer dicht an der Basis der Sage. Aber mit großer künstlerischer Freiheit bei der Ausschmückung der Geschichte. „Ich habe versucht, mich dem Leben des Rattenfängers psychologisch zu nähern“, sagt Marco Bergmann. Was war er für ein Mensch? Was hat ihn getrieben?

veröffentlicht am 23.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 18.03.2010 um 15:22 Uhr

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Autor:

Karin Rohr

Hameln. Gier, Geiz und Rachegedanken – ist das die tragische und düstere Geschichte des Rattenfängers? Wie dunkel muss sein Leben gewesen sein, damit er es über das Herz bringen konnte, die Hamelner Kinder zu entführen? Fragen, die sich Marco Bergmann gestellt hat. Fragen, denen er auf seine Art nachgegangen ist. Immer dicht an der Basis der Sage. Aber mit großer künstlerischer Freiheit bei der Ausschmückung der Geschichte. „Ich habe versucht, mich dem Leben des Rattenfängers psychologisch zu nähern“, sagt Marco Bergmann. Was war er für ein Mensch? Was hat ihn getrieben? „Er war irregeleitet durch die Ereignisse in seinem Leben, aber nicht böse“, ist Bergmann überzeugt und wagt einen neuen Ansatz: „Wenn das Leben des Pfeifers schon gewaltsam endet, soll es auch gewaltsam beginnen.“ So ist die Sagengestalt bei Bergmann das Produkt einer brutalen Vergewaltigung.

„Dunkler Pfeifer – Die bisher ungeschriebene Lebensgeschichte des Rattenfängers von Hameln“ heißt das Buch des 21-Jährigen. Gut 50 Exemplare dieser ungewöhnlichen literarischen Annäherung an die sattsam bekannte Sagengestalt hat der Hamelner schon an den Mann gebracht. „Kein Lesestoff für Kinder“, sagt der Autor, der den Pfeifer als hochmusikalisches Kind in Paderborn aufwachsen lässt, wo ihm trotz der Fürsorge seiner Mutter Demütigungen und Grausamkeiten nicht erspart bleiben, die ihre Spuren hinterlassen.

Bergmanns Rattenfänger heißt Andreas, ist homosexuell und hat einen Freund: Martin. Die beiden werden beim Liebesspiel überrascht – mit gewalttätigen Konsequenzen. Martin wird getötet. Andreas schwört Rache. „Ich möchte zeigen, wie der Rattenfänger zu dem geworden ist, was er ist und warum er auf eine bestimmte Art und Weise handelt. Man soll verstehen können, warum er so reagiert“, sagt der Autor. Bergmann will Mechanismen aufzeigen, Verständnis wecken – für eine ambivalente Figur, die ihre Licht- und Schattenseiten hat, nicht nur gut, aber auch nicht nur böse ist, die der 21-jährige Hamelner aber durchaus als sympathische Figur sieht. Dazu gehört auch die Liebe zu einem gleichgeschlechtlichen Partner.

Warum der Pfeifer homosexuell ist? „Weil ich es auch bin“, sagt Bergmann offen. Er wisse aus eigener Erfahrung, was das gesellschaftlich bedeute. „Homosexualität ist auch heute noch ein Tabu-Thema“, meint der junge Mann, der in Hameln als Chemielaborant arbeitet. „Wenn ich mit meinem Freund durch die Stadt gehe, werden wir oft angepöbelt. Vielleicht sieht man uns das an“, vermutet er und glaubt: „Viele Jugendliche können damit nicht umgehen, weil sie selbst oft noch nicht wissen, was Liebe bedeutet.“

Er selbst ist zwar dem Jugendlichen-Alter noch nicht lange entwachsen, wirkt aber abgeklärt und in sich ruhend. Während der Pubertät habe er entdeckt, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Das habe ihn damals zutiefst verwirrt. Mit 18 habe er sich seine Neigung dann eingestanden und sich dazu bekannt. Auch heute noch sei das Outing in einer Stadt wie Hameln ein Spießruten-Lauf. „Für manche ist man dann plötzlich ein anderer Mensch.“ Da er selbst homosexuell ist, hat er den Rattenfänger ebenfalls homosexuell gemacht, „um auf diese Art dem Leser das Thema verständlicher zu machen“, sagt er.

Das Buch, an dem Bergmann vier Monate gearbeitet hat, ist zwar sein erster Roman, aber bereits sein zweites Werk: 2008 veröffentlichte er ein Fachbuch über die Voodoo-Religion. „Voodoo“, sagt er, „hat mit schwarzer Magie nichts zu tun.“ Es sei eine Religion, eine Glaubensform, zu der er sich bekennt: „Sie soll meinen Lebensweg begleiten.“ Mit seinen Voodoo-Büchern – ein zweites ist in Vorbereitung – will er nicht missionieren, sondern aufklären.

Marco Bergmanns Roman „Dunkler Pfeifer“ ist im Buchhandel erhältlich, ISBN 978-3-83910-104-9.

In Marco Bergmanns Roman „Dunkler Pfeifer“ ist Hamelns Rattenfänger homosexuell. Der 21-Jährige weiß, was das gesellschaftlich bedeutet.

Foto: tis



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