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In einer Notsituation zählt jede Sekunde!

Das alles ist noch Neuland für uns“, so Willi Lutze, Chef der Hubschrauberstaffel Langenhagen. „Bisher haben wir nur trainiert. Einen Ernstfall gab es noch nicht.“ Badeunfälle in den Seen des Landes hat es allerdings auch in diesem Sommer schon gegeben. Besonders gefährlich ist es an solchen eigentlich sehr schönen Orten wie dem Wietzesee, der zu einem abgelegenen Kiesabraumgelände gehört. Baden ist hier ausdrücklich verboten, auch wenn das grünende Ufer durchaus zum Verweilen einlädt. An solchen Kiesseen gibt es keinerlei Badeaufsicht, zugleich fällt in ihnen der Grund oftmals unvermutet steil ab, und auch Schlingpflanzen können zur Falle für unaufmerksame Schwimmer werden. Ausgerechnet am Abend vor dem Rettungstraining konnte ein Mann aus einem See bei Hannover nur noch tot geborgen werden.

veröffentlicht am 26.07.2010 um 00:00 Uhr

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Dass der „Phoenix 93“ aus Langenhagen und sein ähnlich ausgerichteter Bruder aus Rastede bei der Rettung von Badenden in Not bisher noch nicht zum Einsatz kamen, liegt nicht nur an der Neuheit der entsprechenden Ausrüstung, sondern auch daran, dass die Phoenix-Hubschrauber in erster Linie bei der Personensuche durch die Polizei eingesetzt werden. An Bord befindet sich eine Wärmebildkamera, die vom „Operator“ betreut wird und dabei hilft, vermisste oder auf der Flucht befindliche Personen ausfindig zu machen. „Warum aber sollten wir nicht für den Fall des Falles auch in der Lage sein, Ertrinkende zu retten?“ so Willi Lutze. „Das Verfahren ist nämlich denkbar einfach!“

An Bord der Hubschrauber befindet sich eine Seilwinde mit einem 20 bis 30 Meter langen Seil, an dessen Ende eine orange leuchtende dicke Schlinge angebracht ist. Diese Schlinge lässt man zum Hilflosen herab, der sich dann entweder mit den Armen oder, besser noch, mit dem ganzen Oberkörper in sie einhängt und dann aus dem Wasser herausgezogen und über den See ans Ufer transportiert wird. „Dabei mussten wir gar nicht das Rad neu erfinden“, erklärt Lutze. „In der bayerischen Bergrettung wird diese Methode schon lange angewendet. Der Erfinder dieser Rettungsschlinge hat mit uns abgesprochen, wie man sie auch über dem Wasser anwenden kann.“

So schwimmt da also eine Frau, die Polizeitaucherin Verena Paix, in der Mitte des Wietzesees und gibt mit dem Arm Zeichen, dass sie sich in Not befindet. Die Journalisten am Ufer und auch diejenigen, die zur besseren Beobachtung mit einem Boot auf das Wasser hinausgefahren sind, halten still, denn schon steigt der Phoenix über den Bäumen am Uferrand empor und kreist über dem See. Auf den Kufen steht, gut gesichert, Operator Detlef Fricke, der dem Piloten genaue Fluganweisungen gibt. Pilot Kersten Barlogh kann den Menschen im Wasser nicht sehen. Detlef Fricke muss ihm sagen, wo er in der Luft stehen muss, damit das Seil an der richtigen Stelle herabgelassen werden kann.

Je weiter der Hubschrauber sinkt, desto mehr peitscht er das Wasser auf. Die Schwimmerin ist vor lauter Gischt kaum noch zu erkennen. Nicht lange aber und sie hat das Seil erfasst, sich eingehängt, und nun schwebt sie wie eine Puppe über die Wasseroberfläche und könnte am Ufer niedergelassen werden. Statt dessen lässt sie sich wieder ins Wasser fallen. Die Übung wird nämlich mehrmals wiederholt, damit alle Fotografen ein gutes Bild machen können und die Fernsehteams abwechselnd Gelegenheit haben, im Hubschrauber mitzufliegen.

Eindrucksvoll, wie diese Rettungen gelingen. Nur – es sieht ganz schön anstrengend aus, sich so am Seil festzuhalten und es scheint auch nicht ganz einfach zu sein, sich – alternativ – die Schlinge über den Oberkörper zu ziehen. Kann das jemandem gelingen, der schon nicht mehr in der Lage ist, ans Ufer zu schwimmen? „Ja – ich denke schon!“ meint Polizeitaucherin Verena Paix. „Die meisten Menschen entwickeln in der Not und angesichts einer bevorstehenden Rettung noch mal große Kräfte.“ Ralf Blauza, Leiter der Wasserschutzpolizei Hannover, äußert allerdings gewisse Bedenken: „Wer wirklich am Ertrinken ist, weil er ganz kraftlos geworden ist, für den ist diese Art der Rettung wohl zu anstrengend. Aber oft ist die Ursache der Gefahr ein Krampf. Der bedeutet, dass man Schmerzen hat und sein Bein nicht mehr bewegen kann. Die Schlinge zu packen, dürfte da aber kein Problem sein.“

Die Situation, dass ein Mensch auf diese dramatische Weise vor dem Ertrinken gerettet wird, sei tatsächlich nicht so wahrscheinlich, meint auch Willi Lutze. Meistens würde die Feuerwehr gerufen, dazu Lebensretter von der DLRG. Vorstellbar sei allerdings, dass man einen Vermissten, der mit dem Polizeihubschrauber gesucht würde, plötzlich im Wasser entdeckt, etwa einen Suizidalen, der sich ertränken wollte und dann doch um Hilfe ruft. „Für uns ist es ein gutes Gefühl, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.“

Zudem eignet sich die Rettungsschlinge auch für Notfälle, die der kalten Jahreszeit vorbehalten sind: die Rettung aus dem Eis. Oft ist es für Rettungskräfte nur schwer möglich, einen im dünnen Eis Eingebrochenen gefahrlos zu erreichen. Der Hubschrauber dagegen überfliegt die Eisfläche und kann dann die Schlinge herunterlassen.

„Klar ist“, so Ralf Blauza von der Wasserschutzpolizei, „wer an unbewachten Badestellen badet, ist weitgehend für sich selbst verantwortlich. In der Not zählt jede Sekunde. Bis Profis herbeigerufen sind, ist es oftmals schon viel zu spät.“ Wer die „zehn Baderegeln“ beachtet, dem könne so leicht nichts passieren. Dazu gehören nicht nur solche Selbstverständlichkeiten, wie nicht alkoholisiert ins Wasser zu gehen, nicht an unbekannten Stellen einfach in die Tiefe zu springen oder immer weiter und weiter hinauszuschwimmen.

Man soll in einem Baggersee auch nur mit einer entsprechenden Ausrüstung tauchen, da etwas tiefere Wasserschichten unvermutet eiskalt seien und zu Kreislaufproblemen führen können. Schwimmflügel und Luftmatratzen wiegen Nichtschwimmer häufig in falscher Sicherheit. Wer mit Bonbons und Kaugummi im Mund schwimmt, läuft Gefahr von einem Insekt gestochen zu werden oder gar, es zu verschlucken. „Besonders wichtig ist es, auf einen Krampf gefasst zu sein und dann Ruhe zu bewahren, um den Krampf wieder zu lösen“, so der Wasserschutzpolizist.

„Wer in Not ist, muss unbedingt auf sich aufmerksam machen“, erklärt er weiter. „Man ist auch an abgelegenen Seen nie so einsam, wie man vielleicht denkt.“ Winken macht Spaziergänger und andere aufmerksam, Rufe schallen über das Wasser besonders weit.

Gute Ratschläge hat er auch für diejenigen parat, die Zeuge eines Badeunfalls werden. Sich blindlings ins Wasser zu stürzen, ist nicht unbedingt die beste Lösung. Lieber schnell die Feuerwehr oder den Polizei-Notruf anrufen, als sich in eine unabwägbare Gefahr zu bringen. Wer nicht weiß, wie man Tragegriffe anwendet oder wie man Abwehrgriffe einsetzt, falls ein Ertrinkender in Panik gerät, kann schnell selber in eine Notsituation kommen. Auch muss man darauf achten, dass es nicht Schlingpflanzen waren, die einem Schwimmer zum Verhängnis wurden und in die sich der Retter dann auch verfangen könnte.

Nur vier Meter vom Ufer entfernt war in der Nacht vor dem Hubschraubertraining ein 41-jähriger Mann in drei Meter Tiefe inmitten von dichten Wasserpflanzen tot aus dem Dreiecksteich in der Döhrener Masch geborgen worden. Insgesamt 67 Rettungskräfte der Feuerwehr Hannover waren ausgerückt, darunter 21 Taucher. Sie kamen zu spät, und auch die Mannschaft des „Phoenix 93“ hätte da nichts mehr tun können. Der Mann, der spät abends noch ins Wasser gestiegen war, hatte vermutlich einen Kreislaufzusammenbruch erlitten. „Ja – da kann ich noch einen guten letzten Rat geben“, sagt Blauza: „Man sollte möglichst nicht alleine baden gehen!“

„Schwere See“ unterm Rotor des Polizeihubschraubers: Polizeibeamte der technischen Einheit sorgen dafür, dass Verena Paix und Sven Osterhorn eine Verschnaufpause an Bord des Schlauchboots einlegen können.



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