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In dieser Schule gibt es kein Sitzenbleiben

Es ist morgens acht Uhr. Aus dem gesamten Landkreis wurden die Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf zur Hamelner Heinrich-Kielhorn-Schule gebracht. 179 junge, zum Teil mehrfach behinderte Menschen werden in der „Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung“ in 26 Klassen der Jahrgangsstufen 1 bis 12 ganztägig von 7.45 bis 14.40 Uhr unterrichtet, in ihren individuellen Stärken gefördert und bestmöglich auf den Alltag sowie das kulturelle und gesellschaftliche Leben vorbereitet.

veröffentlicht am 14.12.2009 um 10:10 Uhr
aktualisiert am 14.12.2009 um 14:29 Uhr

Lehrerin Petra Erdmann beim Trommeln mit André. Es soll der Ents

Autor:

Sabine Brakhan

Es ist morgens acht Uhr. Aus dem gesamten Landkreis wurden die Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf zur Hamelner Heinrich-Kielhorn-Schule gebracht. 179 junge, zum Teil mehrfach behinderte Menschen werden in der „Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung“ in 26 Klassen der Jahrgangsstufen 1 bis 12 ganztägig von 7.45 bis 14.40 Uhr unterrichtet, in ihren individuellen Stärken gefördert und bestmöglich auf den Alltag sowie das kulturelle und gesellschaftliche Leben vorbereitet. 44 Förderschullehrkräfte unterrichten die bis zu sieben Schüler starken Klassen und werden dabei von 28 pädagogischen Mitarbeitern, fünf Physiotherapeuten, drei nichtpädagogischen Mitarbeitern sowie zwei Zivildienstleistenden in ihrer Arbeit unterstützt.

Heinrich Kielhorn – wer war das eigentlich? Bereits zum 75. Mal jährte sich am 1. Dezember der Todestag des Braunschweiger Lehrers (1847 - 1934), der als Pionier der deutschen Sonderschulpädagogik gilt. Er gründete 1881 in Braunschweig eine Hilfsklasse für Kinder mit besonderem Förderbedarf. Seine Kritik richtete sich schon im vorletzten Jahrhundert gegen überfüllte Klassen und den damaligen Unterrichtsstil, der von Auswendiglernen und Abfragen geprägt war. Eine Förderung von sehr leistungsschwachen Kindern sah das Schulsystem des 19. Jahrhunderts nicht vor. Heinrich Kielhorn widmete sein Leben der Erziehung der von der damaligen Gesellschaft benachteiligten Kinder. An der Heinrich-Kielhorn- Schule in Hameln fließen die Grundsatzideen Kielhorns in moderne Unterrichts- und Förderkonzepte ein, sodass hier im Sinne des berühmten Namensgebers bereits seit 35 Jahren fürs Leben gelehrt und gelernt wird.

Gürbet, Seydo, Daniel, Brayen, Marvin und Felix haben gemeinsam mit ihrer Lehrerin Antonia Budde im Klassenraum einen Stuhlkreis gebildet. Einigen von ihnen sieht man die Behinderung erst auf den zweiten Blick an, bei anderen wiederum ist sie offensichtlich. Die kleine Gruppe ist bunt gemischt. Bevor das Thema Feuerwehr im Sachunterricht der neunten Klasse behandelt wird, steht der Stundenplan im Mittelpunkt der Besprechung innerhalb der heute sechsköpfigen Klassengemeinschaft. Dieses allmorgendliche Ritual erfolgt nicht nur über die Sprache. Die 14- bis 15-Jährigen lernen gleichzeitig, sich in der Gebärdensprache verständlich zu machen. Die Finger der Schülerinnen und Schüler formen sich zu Zeichen, die ein Außenstehender auf den ersten Blick nicht deuten kann. „Unsere Geheimsprache!“, so die Auskunft der Klasse 9a, und nahtlos schließt sich das aktuelle Sachkundethema an. Brayen hat seine Jugendfeuerwehr-Uniform mitgebracht und erklärt seinen Mitschülern stolz, wie sich ein Übungsdienst der Nachwuchsbrandschützer gestaltet. Felix folgt der Situation aus seinem Rollstuhl heraus scheinbar teilnahmslos. Er ist mehrfach behindert und taut eigentlich erst richtig auf, wenn er seine Fußballvereinsflagge, die ihn immer und überall begleitet, schwenken kann, erzählt sein Einzelfallhelfer Christopher Luhmann. „Willst du meinen Helm auch einmal aufprobieren?“, versucht Brayen das Interesse seines Mitschülers zu wecken. Die Klasse motiviert Felix, sich den Jugendfeuerwehrhelm aufsetzen zu lassen, und nach kurzem Zögern huscht ein zufriedenes Lächeln über das Gesicht des 15-Jährigen. Mit dem Helm auf dem Kopf ist auch nichts mehr von der anfänglichen Unsicherheit und Gegenwehr des jungen Fußballfans zu spüren. Er ist merklich ruhiger geworden, und obwohl er sich nicht über die Sprache artikulieren kann, drücken seine Mimik und Gestik Zufriedenheit aus. „Die Schüler haben hier in der geschützten und vertrauten Umgebung der Schule und der Klassengemeinschaft die Möglichkeit, ein Stück ganz normalen Alltag eines Kindes oder Jugendlichen in ihren eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu erkunden und zu erleben. Das ist sehr wichtig für die persönliche Entwicklung“, erklärt Schulleiter Norbert Lichtenberg. Dann läutet es zur Pause, und wie von unsichtbarer Hand gesteuert, beginnt die Umsetzung eines klasseninternen Dienstplans. „Die Schüler und Schülerinnen sind mit bestimmten Aufgaben und Pflichten betraut. Das beginnt morgens mit dem Kalender- und Stundenplandienst. Andere Schüler haben die Aufgabe, den Geschirrspüler, mit dem jeder Klassenraum ausgestattet ist, ein- beziehungsweise auszuräumen. Das Mittagessen muss geholt und die Tische müssen nach allen gemeinsamen Mahlzeiten gesäubert werden. Darüber hinaus gibt es in der Klasse 9a einen Getränke- sowie einen Gelbe Sack-Dienst. „Das sind Aufgaben, die von den Schülern und Schülerinnen hier in der Schule erlernt und in den Alltag übernommen werden“, erklärt Norbert Lichtenberg den Hintergrund dieses Aufgaben-Netzwerkes. Einen ganz besonderen Part hat Torben übernommen: Der 14-Jährige ist für die gesamte Mittagessen-Bestellung der Klassen, die im Schulgebäude an der Wilhelm-Busch-Straße unterrichtet werden, zuständig. Er fragt morgens in den einzelnen Klassen nach der Anzahl der Essen, vermerkt die genaue Zahl gewissenhaft in einer Liste und faxt diese anschließend selbstständig an das Verwaltungsbüro. „Das ist ein besonders verantwortungsvoller Dienst, und Torben erledigt ihn sehr zuverlässig“, so das Lob des Schulleiters.

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Jonas ist in Mathe mit der Zuordnung von Dingen beschäftigt.

Nach der Pause steht für die Drittklässler im Schulgebäude Süntelstraße Mathe auf dem Stundenplan. Als Einführungsübung in die Mengenlehre sind Jonas, Tim und André eifrig dabei, Dinge nach ihrer Farbe in dafür vorgesehene Kreise zu ordnen. „Was hast du da gerade gefunden, Jonas?“, so die Frage von Lehrerin Petra Erdmann. „Das weiß ich jetzt gerade auch nicht, aber es ist auf alle Fälle blau“, kommt Jonas Antwort prompt, und gemeinsam mit den Klassenkameraden wird nach der richtigen Bezeichnung für den „Haken zum Sachen aufhängen“ gesucht. „Das ist ein Kleiderbügel“, löst Nico das Rätsel, nachdem er zuerst die Stühle zu seiner Rechten in die ihm vertraute und unbedingt notwendige Ordnung gebracht hat.

Veränderungen in der Umwelt können autistische Kinder nur schwer ertragen, und so ist nicht nur die Unordnung beim Mobiliar ein großes Problem für den Jungen, auch die Anwesenheit einer fremden Person macht dem Schüler zu schaffen. Nicos Mitschülerin Isabell nimmt heute nicht am Matheunterricht teil. Mit Hilfe einer durch eine Physiotherapeutin angeleitete Integrationshelferin hat sie den Rolli gegen eine Walker getauscht. „Für Isabell steht jetzt Walking statt Rechnen auf dem Programm“, erklärt Petra Erdmann. Als das Konzentrationsvermögen der kleinen Rechenkünstler nachlässt, treffen die vier Jungen ihre Mitschülerin im Musikraum wieder. „Eine Runde Trommeln zum Ausgleich und zur Entspannung“, lautet das Motto, und nach anfänglichem wilden Durcheinander finden die Kinder in einen einheitlichen Rhythmus.

„Lasst uns das Wort „Weih-nachts-mann“ trommeln“, schlägt Jonas vor, und die Gruppe schlägt dreimal die Trommeln. „Für die Kinder ist das ein beliebtes Spiel, im Lehrplan wäre das unter dem Thema Silbentrennung im Deutschunterricht zu finden“, so die pädagogische Erklärung, und es wird deutlich, dass auch an der Heinrich-Kielhorn-Schule fächerübergreifender Unterricht praktiziert wird. Dann schaut die Schulkrankenschwester bei den Kindern vorbei. „Gerade jetzt in der Grippezeit ist eine besondere Betreuung der Schüler und Schülerinnen mit geschwächtem Immunsystem ganz wichtig. Ein besonderes Augenmerk habe ich bei allen auf die ersten Anzeichen eines grippalen Infektes. Darüber hinaus ist meine Hilfe gefragt, wenn Kinder oder Jugendliche während der Schulzeit sondiert, dass heißt mithilfe eines Schlauches ernährt werden müssen oder andere pflegerische Maßnahmen aus dem medizinischen Bereich notwendig sind“, erklärt Martina Siegert ihren Aufgabenbereich, und Norbert Lichtenberg hebt gleichzeitig den hohen Stellenwert der Krankenschwester innerhalb des Schulsystems der Heinrich- Kielhorn-Schule hervor: „Die Stelle der Krankenschwester an unserer Förderschule ist mit ganz speziellen Aufgaben verbunden, die weder ein Sozialpädagoge noch pädagogische Mitarbeiter leisten könnte“, betont der Schulleiter und weist auf weitere Besonderheiten der Förderschule hin: „Der Unterricht erfolgt in Fächern, Projekten, Erlebnis- und Handlungseinheiten sowie Arbeitsgemeinschaften. Hier wären besonders unser therapeutisches Reiten und unsere Hunde-AG zu nennen. In unserer Schule gibt es kein „Sitzenbleiben“, Zeugnisse werden individuell in Textform erstellt, und der Klassenverband durchläuft in der Regel alle Jahrgangs-Stufen gemeinsam“, so der Schulleiter.



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