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Menschliche Einheit in der Vielfalt leben die Menschen seit 1968 im südindischen Auroville nach einer Charta

In der „Stadt der Morgenröte“ ist Idealismus ansteckend

Südindien im Bundesstaat Tamil Nadu: 150 Kilometer südlich von Chennai und zehn Kilometer nördlich von Puducherry liegt Auroville. Auf rund 20 Quadratkilometern leben hier zurzeit rund 2200 Menschen aus 45 verschiedenen Nationen in bis zu 100 Communitys.

veröffentlicht am 26.08.2011 um 09:59 Uhr
aktualisiert am 22.09.2011 um 11:55 Uhr

Das Matrimandir, genannt Tempel der Mutter, ist das Zentrum Aurovills. 2008 wurde das Bauwerk fertiggestellt.

Autor:

Jutta Keller

Südindien im Bundesstaat Tamil Nadu: 150 Kilometer südlich von Chennai und zehn Kilometer nördlich von Puducherry liegt Auroville. Auf rund 20 Quadratkilometern leben hier zurzeit rund 2200 Menschen aus 45 verschiedenen Nationen in bis zu 100 Communitys. Seit Einweihung der Stadt im Jahr 1968 arbeiten und experimentieren sie an einer Gesellschaftsform, deren oberste Prämisse die menschliche Einheit ist: unabhängig von politischen, religiösen und ethnischen Einflüssen. Der Grundriss der Stadt ist spiralförmig wie eine Galaxie. In ihrem Zentrum erhebt sich eine 30 Meter hohe, mit Gold überzogene Kugel: das Matrimandir, der „Tempel der Mutter“. Für Touristen aus aller Welt ist sie die Hauptattraktion. Für die Aurovillianer ist sie die Seele ihrer Stadt.

Auroville wird von der indischen Regierung anerkannt, steht unter der Schirmherrschaft der UNESCO, und sogar die EU unterstützt Projekte. Aus den umliegenden Dörfern arbeiten hier bis zu 5000 Tamilen, dazu Volontäre aus der ganzen Welt. Privateigentum gibt es nicht. In der Charta von 1968 heißt es: „Auroville gehört niemandem im Besonderen. Auroville gehört der gesamten Menschheit. (...) Auroville wird ein Ort spiritueller und materieller Forschung, damit eine wirkliche menschliche Einheit lebendige Gestalt annehmen kann.“ Das Konzept einer universellen internationalen Stadt entsprang den Schriften des indischen Philosophen Sri Aurobindo. Seine in Frankreich geborene Gefährtin Mirra Alfassa, bekannt als Die Mutter, gab dem Projekt konkrete Formen und den Namen. Die Fotos der beiden hängen in den öffentlichen Gebäuden der Stadt.

Kireet lebt hier seit 15 Jahren. Der gebürtige Holländer erzählt von den schwierigen Anfängen in Auroville. Das von ihm erbaute Gästehaus Gaia’s Garden verwaltet er, eine tropische Oase. In mehr als 40 Jahren pflanzten die Aurovillianer rund zwei Millionen Bäume. Dadurch verwandelte sich die von Wüstenbildung bedrohte Landschaft in einen grünen Dschungel, in dem Vögel wie der gerade frühmorgens nervtötend trällernde „Brainfever Bird“ (Cuculus varius) zu Hause sind. Kireet zeigt uns einen der roten Canyons, in denen er 13 Jahre lang mit tamilischen Helfern und einfachen Werkzeugen 60 Dämme baute, um Regenwasser zu speichern und die Erosion aufzuhalten.

2 Bilder
Die tamilischen Jungen sitzen in einer Motor-Riksha. Fotos: Reinhold Schneider

An den ersten Tagen erkunden wir Auroville zu Fuß. In dem weitläufigen Gebiet bei über 35 Grad tropischer Hitze ist das ein schweißtreibendes Unternehmen. Mitten in üppiger Vegetation entdecken wir Häuser mit surrealen Formen. Dann machen wir es, wie alle anderen auch, und mieten ein Motorrad. Auf roten Sandpisten fahren wir zur Solar Kitchen, einer Kantine mit Dachterrasse, auf der es Cappuccino wie in Italien gibt – in Indien eine Rarität. Im Visitor’s Center schauen wir uns das Video über die Entstehungsgeschichte Aurovilles und des Matrimandirs an. Das gehört zu den Formalitäten, um Zutritt zu dem 2008 nach fast 40 Jahren Bauzeit fertiggestellten Tempel zu erhalten. Jeder Besucher kann unentgeltlich in das Innere der Goldkugel, muss aber erst dieses Prozedere absolvieren.

Tags darauf dürfen wir hinein. Vorbei an weißem Marmor, über den Wasser sanft herunterplätschert, schreiten wir in frischen weißen Socken einen Wendelgang hoch, bis wir im Meditationsraum angelangt sind. Gefühlte 20 Grad weniger sind hier. In der Mitte steht eine 70 Zentimeter große Kristallglaskugel, auf die von oben das Sonnenlicht projiziert wird. Die andächtige Stille macht mich ruhig, nach etwa 20 Minuten ist unsere Meditation vorbei.

Als „Hans von Silence“ stellt sich uns ein deutschstämmiger Aurovillianer vor. Wir lernen ihn eines Abends vor dem Kino kennen. Silence ist nicht sein Adelsname, sondern der Name seiner Ein-Mann-Community. Eine Woche lang findet in dem angenehm kühlen Saal ein Ökofilmfestival mit internationalen Filmen statt. Im Sadhana Forest, einem Wiederaufforstungsprojekt, verfolgen an diesem Tag viele Volontäre aus der ganzen Welt, die sich hier engagieren, den Dokumentarfilm „Baraka“. Ihr Idealismus wirkt ansteckend. Die Vision einer universellen Stadt lebt.

Informationen im Internet: www.auroville.org.



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