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Serie: Sommer-Plagegeister / Heute: Die Wespe / Blütennektar liefert den Jägern "Flugbenzin"

Imkerin: Wespen sind nicht unsere Feinde!

Landkreis (cok). Die Feindschaft zwischen Mensch und Wespe ist groß, und wenn Leute erzählen, wie sie Wespennester abgefackelt, mit Haarspray verklebt oder mit Insektengift übersprüht haben, dann schwingt oft ein wirklich sadistischer Unterton mit. "Dabei können Wespen und Menschen durchaus zusammenleben", sagt Imkerin Gundula Piehl aus Kirchhorsten. "Man muss nur ein paar Kleinigkeiten beachten."

veröffentlicht am 18.07.2006 um 00:00 Uhr

Imkerin Gundula Piehl. Foto: cok

Seit drei Jahren gehört Gundula Piehl zur sechsköpfigen Truppe der ehrenamtlichen "Wespenberater" des Landkreises. Sie wird gerufen, wenn Menschen nicht wissen, wie sie mit einem Wespennest in Haus, Garten oder Schuppen umgehen sollen. In diesem Jahr, dessen Klima überhaupt für Insekten gut ist, kommen besonders viele Anrufe. "Ja, die meisten wollen, dass ich das Nest - wie auch immer - entferne", sagt sie. "Ich aber, ich will, dass das Nest möglichst bleiben kann." Wespen werden im Kreislauf der Natur gebraucht. Sie sind Nahrung für Vögel, aber auch für Kleinsäugetiere wie Maulwurf, Spitzmaus und Dachs, und sie verzehren ihrerseits Unmengen von Insekten, mit denen die Menschen auch nicht gerade auf gutem Fuß stehen, vor allem Fliegen und Mücken, insgesamt pro Nest und Tag etwa 500 Gramm. Außerdem sind sie als Pflanzenbestäuber unterwegs, denn wenn ihre Brut auch auf eiweißhaltige Nahrung angewiesen ist, so wird das "Flugbenzin" für die "Jäger" von Blütennektar geliefert. "Ich finde Wespen faszinierend, weil sie, ebenso wie die Bienen, ein ausgeprägtes Sozialleben haben", sagt die Wespenberaterin. "Sie kommunizieren über Düfte miteinander. Sie verteidigen ihr Nest gegen Feinde. Sie teilen sich die Arbeit." Einen Sommer lang bilden sie einen kleinen Staat, bis zum Schluss wenige Königinnen übrig bleiben, um zu überwintern und im nächsten Jahr ein ganz neues Nest zu bauen. "Ich glaube, je besser die Leute über Wespen bescheid wissen, desto gelassener können sie auch mit ihrer Gegenwart umgehen." Der Nestbau beginnt im Mai, klein wie ein schrumpeliger Apfel, im Hochsommer aber summt und brummt es darin von manchmal bis zu vielen tausend Tieren. Neun Wespenarten gibt es zurzeit in Niedersachsen (dazu zählen auch die Hornissen), und es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass ausgerechnet die harmlosen Wespenarten, die überhaupt nicht am Menschen und seinen Speisen interessiert sind, am schnellsten entdeckt und oft grausam vernichtet werden, weil ihre Nester offen sichtbar in Sträuchern, Bäumen oder außen am Gebäude hängen. Aber auch die "Gemeine Wespe" und die "Deutsche Wespe", die ihre Nester in dunklen, trockenen Hohlräumen verstecken, gerne in Lüftungsschlitzen, unterm Dach oder in einer Schuppenecke, sie sind ja nur im Spätsommer so lecker auf Marmelade und Eis, auf Cola und Mortadella. Vorher lässt ihnen die aufreibende Aufzucht der Brut gar keine Zeit für Räubereien im menschlichen Revier. Eine echte Gefahr geht von ihnen nicht aus. "Da müssten 180 Stiche auf jedes Kilo Körpergewicht kommen, um uns umzuhauen", sagt Gundula Piehl. Nicht umsonst ist sie eine "Beraterin" in Sachen Wespen. Mit "Schädlingsbekämpfung" hat sie überhaupt nichts zu tun. Ihr Ziel ist es, in jedem Einzelfall wenn irgend möglich den Weg für die Koexistenz von Menschen und Wespen zu ermöglichen, und darüber aufzuklären, dass dazu meist schon ein gelassenes Verhalten ausreicht. Auch weiß sie, wie man Flugbahnen zum Nest vorteilhaft verändert, wie man Folien auslegt, damit der Wespenkot nicht etwa Fußboden oder Wände schädigt, und vor allem gibt sie Tipps, wie man verhindern kann, dass Wespen im neuen Jahr an den gleichen störenden Stellen bauen. Manchmal allerdings muss ein Nest doch umgesetzt werden, sei es, weil es zum Beispiel in einem Rollladenkasten sitz, sei es, weil die Menschen in der Nähe allergisch oder allzu wespenhysterisch sind. Dann zieht Gundula Piehl Imkerschutzkleidung an und schneidet das Nest vorsichtig ab. Es wird in einen mobilen Kasten geklebt und man wartet ab, bis am Abend die letzten Wespenjäger heimgekehrt sind. Dann fährt man mehrere Kilometer weit weg in die Landschaft. "Wespen sind sehr ortsgebunden", erklärt die Expertin. "Sie suchen ihr Nest auch dann noch verzweifelt an der alten Stelle, wenn es gar nicht mehr dort ist." Nicht immer kann dasÜberleben des Volkes durch eine Umsetzung gesichert werden, denn was wissen Menschen schon über die Feinabstimmung der Bedingungen für ein gutes Wespenleben. Je später im Jahr außerdem die Umsetzung erfolgen soll, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Sozialstruktur des Volkes zerfällt, dieBrut nicht mehr schlüpfen kann und damit ein wichtiger Kreislauf unterbrochen wird. "Klar, so manchen Leuten ist das gerade recht", meint Gundula Piehl. "Aber meine Kollegen und ich werden alles dafür tun, dass Wespen nicht als Feinde wahrgenommen werden."

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