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"Theater für Niedersachsen" im Brückentorsaal - zwiespältige Reaktionen im Publikum

Im Taumel der Haltlosigkeiten: Heftig, heftig, dieser Woyzeck!

Rinteln . Das Dramenfragment "Woyzeck" von Georg Büchner als Thema im niedersächsischen Zentralabitur - da erkennt das "Theater für Niedersachsen" seine Berufung und der Kulturring seinen Auftrag in der Bespielung des Brückentorsaals.

veröffentlicht am 21.02.2008 um 00:00 Uhr

Woyzeck (Patrick Heppt, vorne) ist als leidendes Subjekt ein Obj

Autor:

Ulrich Reineking

Von Anfang an geht es zu wie in jenen großstädtischen Hochhauswohnungen, wo Kinder statt mit dem Wiegenlied mit Valium oder einem Schluck aus der Pulle in den Schlaf getrieben werden und statt des Herdes die Mikrowelle mit Fertigkost verfüllt wird oder gleich der Pizza-Service kommt. Da haust der Woyzeck (von Patrick Heppt eher als eine verstörte Figur von Franz Xaver Kroetz angelegt denn als ein Berserker wie Klaus Kinski im Kinofilm) mit seiner Marie - und als diese im Rausch halbgarer Sinnlichkeit dem Drängen des Tambourmajors (mit dem ziemlich geilen Body von Florian Anderer) hingibt, bleibt im Wertesystem des Woyzeck da nur nochder Mord an ihr als Erlösung aus der privaten Hölle: Wie diese Tat samt recht vollständiger Entkleidung des Opfers vor sich geht, verströmt schon ihre ganz und gar eigene Hitzigkeit, die von Lena Stamm rundum verkörpert wird. Über dem beklemmenden Handlungsablauf thronen wie zwei kühl sezierende Insektenforscher die Doktorin (von Bettina Sörgel mit unfassbarer Distanz vorgestellt) und der philosophierende Hauptmann (in gebotener Schrulligkeit von Rüdiger Hellmann gespielt). Beide recht leidenschaftslose Verfechter unterschiedlicher Konzepte von Freiheit und Verantwortung, sinnieren sie über individuelle Schuld und soziale Getriebenheit, ohne dass daraus mehr wird als ein intellektuelles Wortspiel. Dass der Woyzeck in dieser Versuchsanordnung obendrein dazu auserkoren ist, sich ausschließlich von Erbsen aus der Dose zu ernähren, schafft eine stoffliche Grundlage dieses Experiments, das indessen nicht unmittelbar einleuchtet. Die Inszenierung von Karin Drechsel macht es dem Stammpublikum des Kulturrings nicht eben leicht. Vor allem dieÄlteren werden aus eigener Schulzeit nur noch die gröberen Züge dieses widerspenstigen Fragments im Gedächtnis haben und in den durchaus angemessenen Modernismen dieser Bearbeitung wenig inhaltliches Potenzial entdecken, was den Zugang ermöglicht. Und wer sich den Woyzeck ursprünglich über die Kinoversion erschlossen hat, wird darüber kaum Zugang zu dieser Aufführung finden. Ganz anders hingegen die zahlreichen jungen Besucher, die offenbar von der Regisseurin mit ihren Seh- und Hörgewohnheiten bestens bedient wurden. Im Kontext mit drastischen Videoeinspielungen, diversen Hip-Hop-Balladen und Tanzszenen werden die Jugendlichen "dort abgeholt, wohin die Clips aus der MTV-Rotation sie geführt haben". Schlampenpower wird beschworen mit Liedzeilen wie "In Deinen Augen wohnt ein Tier" - Vergewaltigung gerinnt zur Popkultur, die Gitarre mutiert zur Waffe und das mutwillige Treiben der Hooligans explodiert zum heftigen Macho-Ballett, das an Elemente von maskulinen Percussion-Trupps erinnert. Im sexy Billig-Dress wackeln die Mädels über die Bühne wie Ausrufezeichen einer anti-sozialen Uniformität und kocht sich Käthe (zickig-verklärt interpretiert von Katharina Willberg) ihr Drogensüppchen als Zaubertrank, während die Kerle brünftig schreien "Branntwein ist mein Leben", als ob sie am Casting für die Coverband "Besoffene Onkelz" teilnehmen und darin allein Hoffnung auf Zukunft setzen. Dieser "Woyzeck" liefert keine Folie zur Darstellung sozialer Widersprüche und schert sich wenig um die Definition der Hintergründe eines Milieus, das sich da in nachmittäglichen Fernseh-Talkshows darstellt und ausagiert. Vielmehr beschränkt es sich darauf, moralische Leere zu skizzieren, die sich im Prekariat zu vererben droht, wie dies der Sohn von Woyzeck in der finalen Destruktion seines Spielzeugs signalisiert: Verweis auf ein Morgen, das in der Ausweglosigkeit des Gestern schon zu Ende ging. Der Beifall - etwas unentschieden. Leicht war das für das Publikum gerade nicht!



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