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Am Öresund (1): Zwischen Brandung und Schlossgarten

Im smarten Helsingborg kickt Larsson in der Gischt

Der Öresund – die Meerenge trennt Dänemark von Schweden. Auf der einen Seite das fast lieblich scheinende Helsingør mit dem „Hamlet“-Schloss Kronborg, auf der anderen Seite die quirlige Hafenstadt Helsingborg. Autor Jens Meyer hat sich per Scandlines-Fähre übersetzen lassen.

veröffentlicht am 29.09.2012 um 04:34 Uhr

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Teil 1: Helsingborg

Helsingborg. Eigentlich spielt Christoph Bohn Tischtennis. Doch um Schwedens Fußballidol Larsson auszutricksen, jenen Superstar, der sogar für Manchester United und den FC Barcelona kickte, braucht Bohn, der Loxstedter (bei Bremerhaven), der gerade für ein paar Tage in Helsingborg in der Provinz Skåne weilt, kaum mehr als einen Bierdeckel. „Als Statue bewegt er sich ja nicht, den trickse ich aus“, sagt der 44-Jährige und lacht sich schlapp.

Es ist aber auch verlockend: An der schicken, mit Holzterrassen veredelten Promenade, haben die Helsingborger – oder sind sie Helsingbürger oder gar Helsingborgbürger – Fußballgott Larsson ein Denkmal gesetzt, obwohl er ja sogar noch spielt. Es steht vis-à-vis zum Öresund, dem kaum sechs Kilometer breiten Graben, der Dänemark von Schweden und also Helsingør von Helsingborg trennt. Kein Zaun, kein Maschendraht, eine Statue zum Anfassen, die in Ruhe Patina ansetzen darf. Die schwedische Hafenstadt gibt sich nicht nur in dieser Hinsicht unangestrengt und entspannt. Eine smarte Stadt.

Windig heute. Von See braust’s ordentlich. Wellen brechen sich am Ufer, das kaum zehn Minuten Fußweg von der Innenstadt entfernt ist. Gischt sprüht. Larssons stummen Sturmlauf macht das nichts. Unberührt steht er da, wie ein Fels in der Brandung. Genug getrickst. Christoph Bohn schwingt sich aufs Fahrrad. Weiter geht es durch die Stadt, deren Küstenlinie vom Saus und Braus der Fähren lebt, die hier zwischen Schweden und Dänemark alle 20 Minuten verkehren. Die Reederei Scandlines setzt mit zwei Schiffen über, dort, wo vor Hunderten von Jahren der Wegezoll an dieser strategisch einzigartigen Meerenge jedem abverlangt wurde, der sie kreuzen wollte. Man bezahlte mit Gold, Silber, Lebensmitteln – oder seinem Leben. Heute bezahlt man mit Kreditkarte und kommt unversehrt von einer Seite zur anderen.

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Ganz verzaubert von Schloss Sofiero ist Studentin Claudia.

Damals war Helsingborg noch dänischer Herkunft. Das änderte sich, nachdem der dänische König Christoph II. die Stadt an Graf Johann III. von Holstein-Kiel pfändete. Es dauerte nicht lange bis zum nächsten Ärger. Überhaupt nahm das Hin und Her am Öresund rund um diese Stadt immer wieder einen blutigen Verlauf. Die Schweden gaben sich nie geschlagen, und 1710, in der „Schlacht von Helsingborg“, eroberten sie sich „ihre“ Stadt endgültig zurück.

„Vor einiger Zeit fragte mich ein Tourist aus Pakistan, ob wir wohl alsbald wieder mit einem Angriff der Dänen rechnen müssen“, erzählt Stadtführerin Birgitta Jönsson. „Nein, tun wir nicht“, habe sie ihm geantwortet; der letzte Konflikt zwischen den beiden Ländern liege jetzt rund 300 Jahre zurück, man habe sich geeinigt…

Genug der Geschichte. Christoph, nein, nicht der II., sondern Bohn aus Loxstedt, ist mit ein paar anderen Helsingborgentdeckern auf Radrundtour. Das funktioniert hier mehr als passabel; das Netz ist gut ausgebaut und die Straßen für eine 100 000-Einwohner-Stadt relativ wenig befahren. Unten am Containerhafen gibt’s nicht so viel zu sehen, weiter oben mehr. Hier offenbart sich Helsingborgs zweite schöne Seite. Dem Wasser abgekehrt spannt sich nordwärts ein grüner Gürtel, der Wald von Pålsjö. Hier atmen die Helsingborger durch, wenn sie die Nase mal nicht in die seeseitige Brise halten wollen. Jogging. Radfahren. Wandern, Walken.

Dann taucht ein Schlösschen hinter dem Blättervorhang auf. Nicht groß, rosarot. Die Fenster blicken freundlich. Hinten wartet ein Kunstwerk aus Buchsbaum. Saftig sieht das Gras aus, das den Garten umgibt. Es führt zu einer Allee. Ein Fahrradfahrer nach dem anderen verschwindet im grünen Schlund. Der von Bäumen gesäumte Weg mündet im Seelenheil dieser Stadt: am Meer, am Sund, am Öresund, der 200 000 Container pro Jahr in den Hafen geleitet. Sichere Arbeit für viele.

Claudia aus Magdeburg arbeitet auch, und zwar, um sich ihr Studium zu finanzieren. Aber nicht im Containerhafen. Sie ist eine von rund 4000 Studenten der Stadt und lustwandelt am charmanten Häuschen des Gärtners, dem zungenbrecherischen Trädgårdsmästarbostaden, vorbei zum Dahliengarten des Schlosses Sofiero. Sie führt eine Besuchergruppe durch den Park, der möglicherweise der verträumteste ganz Schwedens ist und von Kronprinzessin Margareta und ihrem Gatten Kronprinz Gustav Adolf ab 1905 angelegt worden war. Das Schloss war schon 50 Jahre vorher gebaut worden. Sofiero ist heute ein besonderes Ausflugsziel mit Restaurant. Von der Terrasse weht der Blick über den Öresund hinüber bis zu Hamlets Schloss Kronborg auf der anderen Seite der Meerenge. „Ist das nicht ein herrlicher Ort? Ich habe keine Ahnung von Pflanzen, ich bin keine Botanikerin, ich studiere Touristik – aber ich bin sehr froh, hier arbeiten zu dürfen“, sagt Claudia. Der größte Reichtum Sofieros bestünde ohne Zweifel in der Vielfalt der Rhododendren: 150 Arten wachsen rundherum, 250 Sorten. Ein Lebenswerk königlicher Herkunft mit nunmehr ganz bürgerlicher Bestimmung. Im Mai und Juni blüht es hier am schönsten.

Helsingborg am Abend: Feldmarschall Graf Magnus Stenbock reitet noch immer zu Füßen des mächtigen Rathauses auf dem Stortorget, stimmungsvoll beleuchtet. Oben am Kärnan, dem einzigen noch verbliebenen Turm der ehemaligen Festung, ist es ruhig geworden, aber unten, rund um die Sankt-Marien-Kirche und in den Straßen, Kneipen und Restaurants gehen die Schweden auf Tuchfühlung. Schick gemacht haben sie sich, und sie treffen sich zum Beispiel im charmanten Clarion Grand Hotel, wo ein Pianist Popsongs zum Besten gibt, von denen pikanterweise keiner aus schwedischer Musikerfeder stammt. Abba, pardon: Aber das tut der Stimmung keinen Abbruch. Drinks werden gereicht, das gute Essen muss ja irgendwie verdaut werden, und gutes Essen gibt es in diesem Hotel wie anderswo in der Stadt zuhauf. Fisch. Lamm. Und Schweinefleisch und Bier aus Dänemark. Die Die dänischen Übergriffe sind heute smarter Natur.

Modern und historisch, neu und alt. Helsingborg verknüpft seine Geschichte mit der Gegenwart in charmanter Weise. Hier die Patrizierhäuser im Stadtteil Olympia, dort das moderne Stadttheater. Hier das Jacob-Hansen-Haus am Tycho Brahes Plats, dort die Schwimmhalle Simhallsbadet. Die Baustile verbinden Epochen, und die Epochen bilden ein Netz, das bis in die Zukunft reicht. Und wenn im November wieder 200 Millionen Clementinen aus Afrika eintreffend am Containerhafen gelöscht werden, freut sich nicht nur Helsingborg, sondern ganz Schweden.

Nächste Woche: Öresund, Teil 2 – Helsingør

Feldmarschall Graf Magnus Stenbock reitet zu Füßen des Helsingborger Rathauses – immer Richtung Sund.

Nicht nur Containerhafen: Helsingborgs Stadtbild wird auch von hübschen Straßen und Gassen geprägt.

Nur noch ein Turm übrig: An die ehemals riesige Festung erinnert nur noch der Kärnan.



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