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Für Jörg Graf sind Extrawünsche sind kein Problem / Sein Vater spannte ein Pferd vor den Milchwagen

Im rollenden Tante-Emma-Ladenüber Land

Stemmen (mw). Seit nunmehr fast 25 Jahren ist der Stemmer Einzelhändler Jörg Graf regelmäßig an fünf Tagen in der Woche mit seinem "Supermarkt auf Rädern" unterwegs, um seine Kunden zu versorgen. Als mutmaßlich letzter "fliegender Händler" dieser Art im Landkreis Schaumburg führt der 48-Jährige ein Gewerbe fort, in dem bereits sein Vater ab 1949 tätiggewesen ist.

veröffentlicht am 11.11.2008 um 00:00 Uhr

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Laut bimmelnd biegt Jörg Graf mit seinem zum Verkaufswagen umgebauten Mercedes 813, Baujahr 1984, in eine kleine Siedlungsstraße in Achum ein. Für seine Kunden das Signal, sich Geldbörse und Einkaufszettel zu schnappen, und nach draußen zu kommen. Der "fliegende Händler" hat noch nicht richtig angehalten, da steht denn auch schon der erste Kunde vor der Tür des in Beige und Blau lackierten, betagten Lkw. "Hier sind ja keine Geschäfte", erklärt der 65-jährige Rolf Sassenberg, warum er zweimal in der Woche bei Graf einkauft. Er könne zwar auch mit dem Auto in einen anderen Ort zum Einkaufen fahren, aber so sei es bequemer. Zudem halte er Grafs Warenangebot für "in Ordnung" und preislich gebe es auch nichts zu meckern. Brötchen, Wurst, Käse, Kuchen sowie - ganz wichtig - eine Sportzeitung wechseln üblicherweise den Besitzer, wenn Sassenberg seine Einkäufe in dem Lkw tätigt. Diesmal sind es indes nur ein paar Brötchen und eine Boulevardzeitung. Sein Kundenkreis bestehe nahezu ausschließlich aus Stammkunden, wobei alle Altersklassen vertreten seien, berichtet Graf. An fünf Tagen in der Woche - von dienstags bis sonnabends - fährt er seine über die Jahre gewachsenen Touren im Schaumburger Land ab, manche davon sogar zweimal wöchentlich. Im Gepäck: ein komplettes Lebensmittelsortiment, Zeitschriften, Zigaretten und alles, was seine Kunden sonst noch gebrauchen könnten. Selbst "Extrawünsche" wie Taschenlampen und Handys bringt er bei Bedarf mit. Um Briefmarken und Pakete kümmert er sich ebenfalls, schließlich betreibt er in seinen Lebensmittelgeschäft in Stemmen auch eine Postagentur. "Ohne den Verkaufswagen wäre der Laden eigentlich nicht mehr da", verrät Graf. Denn das Ladengeschäft allein werfe, da ein "sehr harter Wettbewerb" in der Branche herrscht, nicht genug zum Leben ab. Allerdings biete hier auch die Postagentur einen Ausgleich. Als Belastung empfindet er seinen mobilen Verkaufsjob aber nicht. "Ich mache das gerne", betont der Stemmer. Ein Pensum von täglich zwölf bis 14 Arbeitsstunden könne man auf Dauer ja ohnehin nur absolvieren, wenn man auch Spaß an der Sache hat. Angefangen mit dem allmorgendlichen Beladen des Fahrzeuges mit frischer Ware, über die stundenlangen Verkaufsfahrten bis hin zum abendlichen Abladen von nicht verkauftem Obst und Gemüse nach Ende der Tour. "Alles muss frisch sein" ist die Devise des 48-Jährigen. Das dies auch tagsüber gewährleistet ist, dafür sorgen im Lkw installierte Kühlschränke und ein Gefrierschrank. Die darin gelagerten Milchprodukte, Wurst- und Tiefkühlwaren können die Kunden durch eine Plexiglasscheibe in Augenschein nehmen. Seinen Stammkunden stelle er, sollten diese mal nicht da sein, die Einkäufe mitunter auch vor die Haustür, berichtet Graf. "Weil ich eh' weiß, was die kaufen." Und falls einer mal etwas vergessen habe, dann bringe er es ihm eben vorbei. "Das gehört zum Service." Sein Vater sei bereits 1949 mit Pferd und Wagen herumgefahren, um Milchprodukte zu verkaufen, erzählt Graf, der die Familientradition mit dem zwischenzeitlich überarbeiteten Sortiment fortführt. Früher habe es "fliegende Händler" dieser Art häufiger gegeben. Seit Mitte der neunziger Jahre sei er selbst aber mit seinem rollenden "Supermarkt" der einzige im Landkreis Schaumburg. Was ihn außer der Freude an der Arbeit noch motiviert? "Man weiß, dass man gebraucht wird." Einen Fahrplan für seine Verkaufstouren gibt es nach Auskunft von Graf nicht. Interessenten können sich aber unter (0172) 6 50 18 17 bei ihm melden, um einen Termin zu vereinbaren.



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